Leben und Wirken von Luise und Karl Kautsky

Der folgende Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die Biografie von Luise und Karl Kautsky und über ihre Bedeutung als Publizisten.

(Autorin: Anke Asfur)

Zwei Leben für die Arbeiterbewegung

Luise (1864-1944) und Karl (1854-1938) Kautsky prägten die sozialistische Arbeiterbewegung in Deutschland und Europa durch ihre Tätigkeit als Publizisten und Theoretiker.

Luise und Karl Kautsky im Jahr 1937, sie stehen Arm in Arm im Garten

Luise und Karl Kautsky, 1937 (Bild: AdsD der FES)

Karl Kautsky wuchs in Prag und Wien in einer künstlerisch geprägten Familie unter bürgerlichen Verhältnissen auf. Bereits als Schüler begann er sich mit den Schriften materialistischer Denker auseinanderzusetzen. Die Ereignisse um die Pariser Kommune 1871 weckten sein Interesse an sozialistischen Ideen. 1875 trat er in die Österreichische Sozialistische Partei ein. Die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels zeigten ihm eine Verbindung von materialistischer Philosophie und sozialistischen Ideen auf. Damit wurde Kautsky zum "Marxisten".

1881 reiste er nach London und traf dort Karl Marx und Friedrich Engels. Der Kontakt zu Engels intensivierte sich, als Kautsky 1885 mit der Redaktion der Zeitschrift Die Neue Zeit nach London ging und dort bis 1890 arbeitete.

Am 23. April 1890 heirateten Karl Kautsky und Luise Ronsperger. Luise Ronsperger wuchs in einer gut situierten jüdischen Familie in Wien auf. Sie war Übersetzerin und Publizistin. Nach ihrer Heirat mit Karl Kautsky wurde sie dessen engste Mitarbeiterin: Sie redigierte und diskutierte seine Artikel, ordnete und archivierte die Korrespondenz. Selber korrespondierte sie mit etlichen Persönlichkeiten der europäischen Arbeiterbewegung. Ihre Korrespondenz und ihre Publikationen zeigen ihre Verwurzelung in den Ideen der sozialistischen Arbeiterbewegung. Politisch engagierte sie sich als Abgeordnete der USPD in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Luise Kautsky verband eine enge Freundschaft mit Rosa Luxemburg.

Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 zogen Luise und Karl Kautsky von London nach Stuttgart. Hier war der Sitz des Verlages J. H. W. Dietz, der die Zeitschrift Die Neue Zeit herausgab. 1897 ließ sich die Familie Kautsky mit den drei Söhnen Felix (1891-1953), Karl (1892-1978) und Benedikt (1894-1960) in Berlin - und damit in unmittelbarer Nähe zum Parteivorstand - nieder.

Bis 1917 arbeitete Karl Kautsky als Redakteur der Neuen Zeit. In der Debatte um die Haltung der SPD zum Ersten Weltkrieg überwarf er sich mit dem Parteivorstand und trat der USPD bei. Die Redaktion der Neuen Zeit wurde ihm entzogen. Danach war er als freier politischer Publizist tätig. 1918/19 war er in der Regierung des Rats der Volksbeauftragten Staatssekretär im Auswärtigen Amt.

1924 zogen Luise und Karl Kautsky nach Wien, wo auch bereits die Söhne lebten. Nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland flohen Luise und Karl Kautsky 1938 über Prag nach Amsterdam. Karl Kautsky verstarb dort am 17. Oktober 1938.

Luise Kautsky sorgte dafür, dass das private Archiv des Paares - Dokumente, Manuskripte, Korrespondenz, Fotos - an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam überging, wo sich der Nachlass noch heute befindet. Sie erlebte den Einmarsch der Deutschen in die Niederlande. Im September 1944, wenige Wochen nach ihrem 80. Geburtstag, wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie am 1. November 1944 in der Krankenstation verstarb.

Die Macht des geschriebenen Wortes - Luise und Karl Kautsky als Publizisten

Karl Kautsky mit weißem Vollbart, rechts aufgestütz am Tisch im halbhohen Portrait

Karl Kautsky, 1926 (Bild: AdsD der FES)

Karl Kautsky war kein Politiker und bekleidete nie ein Amt in der sozialdemokratischen Partei. Er beeinflusste die Ausrichtung der Partei allein durch seine schriftlichen Werke. Luise Kautsky wurde vor allem durch die Übersetzung sozialistischer Schriften bekannt.

Am 1. Januar 1883 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Die Neue Zeit, gegründet von Karl Kautsky, August Bebel, Wilhelm Liebknecht, dem Verleger J. H. W. Dietz und anderen. Diese Zeitschrift war während der Dauer des sogenannten Sozialistengesetzes ("Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie", 1878-1890) die einzige legale Zeitschrift innerhalb Deutschlands, die von der Sozialdemokratie als eigenes Organ anerkannt wurde.

Erster verantwortlicher Redakteur war Wilhelm Liebknecht, Kautsky übernahm ab 1885 die Position des Chefredakteurs. Die weltanschauliche Basis der Zeitschrift war der Marxismus. Unter Kautskys Leitung bot sie ein Forum für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Theorien von Marx und Engels und die Diskussion ihrer praktischen Umsetzung in Politik und Programmatik der Partei.

Die Neue Zeit wurde zum wichtigsten wissenschaftlichen und theoretischen Organ der deutschen Sozialdemokratie und der Zweiten Internationale. Hier publizierten alle führenden sozialistischen Intellektuellen der europäischen Arbeiterbewegung.

In der Auseinandersetzung um die Haltung der SPD im Ersten Weltkrieg kündigte die Parteiführung Kautsky im Oktober 1917 fristlos. 34 Jahre lang hatte er als Redakteur der Neuen Zeit die Arbeit der Sozialdemokratischen Partei geprägt und selber über 400 Artikel geschrieben. Mit dem Verlust der Redaktion verlor Kautsky rapide an Einfluss in der Partei.

1892 erschien Das Erfurter Programm, in seinem grundsätzlichen Teil erläutert von Karl Kautsky. Dieses Buch fand als grundlegende, anschauliche und verständliche Einführung in die marxistische Theorie eine breite Leserschaft in der Arbeiterbewegung. Allein bis 1933 sind die Erläuterungen in 14 teilweise überarbeiteten Auflagen erschienen und in 23 Sprachen übersetzt worden. Der Kommentar zum Erfurter Programm begründete in den 1890er Jahren Kautskys Autorität als Theoretiker der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung.

Seine Schriften zum Marxismus, zur materialistischen Geschichtsauffassung, zum Internationalismus und zur Kolonialpolitik, seine historischen Analysen und Kommentare wurden auch innerhalb der Arbeiterjugendbewegung gelesen. Als Theoretiker sah Kautsky es als seine Aufgabe, Arbeiterinnen und Arbeiter aufzuklären und auszubilden.

Luise Kautsky (Foto: Winter, IISG)

Luise Kautsky (Foto: Winter, IISG)

Luise Kautsky übersetzte Werke von Karl Marx, Gilbert Murray, Louis B. Boudin und Paul Lafargue aus dem Englischen ins Deutsche. Durch ihre Arbeit wurden diese Schriften auch deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich. Damit leistete sie einen wichtigen Beitrag zur internationalen Verständigung der europäischen Arbeiterbewegung. Vor allem die in den 1920er Jahren von Luise Kautsky vorgelegte Übersetzung von Karl Marx’ Inauguraladresse der Ersten Internationale 1864 wurde innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung gewürdigt.

Mit Rosa Luxemburg verband Luise Kautsky eine enge und herzliche Freundschaft. Diese hatte auch Bestand, nachdem sich Rosa Luxemburg mit Karl Kautsky in der "Massenstreikdebatte" 1910 politisch und auch persönlich überworfen hatte. Nach dem Tod von Rosa Luxemburg erschienen in mehreren Zeitungen der Arbeiterbewegung und der Arbeiterjugendbewegung Nachrufe von Luise Kautsky. 1929 veröffentlichte sie Rosa Luxemburg. Ein Gedenkbuch. Diese Biografie ist geprägt von der persönlichen Beziehung der beiden Frauen.