Schwul - na und ?!

09.06.1997: Beschluss der Bundeskonferenz vom 08.-11.05.1997 in Rostock

Seit einigen Jahrhunderten wird Heterosexualität als einzig legitime Form der Sexualität betrachtet. Insbesondere seit dem Mittelalter gewann die Verfolgung Homosexueller mehr und mehr an Bedeutung. Seit den letzten 50 Jahren hat sich die Situation von Schwulen und Lesben entscheidend geändert.

Going public

Immer häufiger gelingt Schwulen ihr "Going public”, verbunden mit dem Stellen von Ansprüchen an Staat und Gesellschaft. In den bundesdeutschen Großstädten gelang es, eine umfassende Infrastruktur aufzubauen, die weit über den Freizeitbereich hinausgeht und bis zum Hausarzt reicht. Diese Entwicklung ist durchaus mit gemischten Gefühlen zu betrachten, da sie einerseits der Ausdruck eines inneren Zusammengehörigkeitsgefühl, andererseits aber ein Ausweichen einer permanenten Diskriminierung ist .

Dennoch müssen viele Schwule und Lesben, vor allem im kleinstädtischen und ländlichen Milieu, ein Doppelleben führen. Viele Personen im öffentlichen Leben zögern ihr "Going public” zu betreiben. Dieses ist mit großer Sorge zu betrachten, da immer mehr Schwule ihr "Coming out” bereits mit 14 bis 16 Jahren haben. Das "Coming out” stellt fast immer eine Identitätskrise dar, da es sich dabei um einen "Verstoß” gegen die herrschenden Regeln handelt. Gerade in dieser Zeit wäre es für die die Jugendlichen wichtig, Leitbilder zu haben, die vermitteln, daß Homosexualität nichts abnormales oder perverses ist.

Nach fast 15 Jahren Kohl-Regierung ist ein Trend zu beobachten, sich mit den bestehenden Verhältnissen zu arrangieren und sich seine eigene Nische einzurichten, in der es sich bequemer leben läßt. Dieser konservative Roll-back ist auch an den Schwulen und Lesben nicht spurlos vorbei gegangen.

So ist eine zunehmende Entpolitisierung von schwulen und lesbischen Bewegungen und Forderungen zu verzeichnen. Es wird eher das private Glück, denn solidarisches Handeln in den Vordergrund gestellt. Das Bestreben, seine eigene Lebensweise zu reaktivieren ist zwar legitim, dennoch bleibt es erforderlich , darüber hinausgehende Forderungen anzustreben und zu artikulieren.

Einer völlig anderen Situation sehen sich Lesben gegenüber. Lesben schaffen, im Gegensatz zu schwulen Männern, kaum den Sprung in die Öffentlichkeit, Lesben unterliegen einer doppelten Diskriminierung, einerseits werden sie aufgrund ihrer sexuellen Identität, andererseits durch die patriarchalischen Strukturen benachteiligt. Zu ihrem Leben gehören ebenso weibliche Armut, wie eine wesentlich höhere Arbeitslosenquote und ungleicher Lohn für die gleiche Arbeit. Besondere Schwierigkeiten haben lesbische Mütter, da das Sozialsystem überwiegend ist und somit die Notwendigkeit zum frauenorientierten Umbau des Sozialstaates bestärkt wird.

Unsere Anforderungen an eine schwul-lesbische Politik:

  • Als Grundlage für weitere Gesetzesreformen und um eine gesellschaftliche Hegemonie im Sinne von mehr Offenheit und Toleranz, ist eine Änderung des Artikels 3 GG notwendig.
  • Eine Umformulierung müßte folgendermaßen lauten: <i>"Niemand darf wegen seines/ihres Geschlechtes, seiner/ihrer Sprache , seiner/ihrer Rasse , seiner/ihrer Heimat und Herkunft , seiner/ihrer Behinderung, seiner/ihrer sexuellen Identität, seines/ihres Glaubens, seiner/ihrer religiösen und politischen Überzeugung benachteilgt werden.”</i>

Ein derartiger Passus im Grundgesetz würde homosexuellen Menschen die Möglichkeiten bieten, sich auf grundsätzlich verbrieftes Recht berufen zu können. Zudem wäre es für den Gesetzgeber eine klare Orientierung bestehende gesetzliche Einschränkungen abzubauen. Ziel muß es sein, Gesetze ohne Ansehen der sexuellen Identität zu gestalten.

  • Ein zentraler Bestandteil ist die Erwerbsarbeit. Gerade in diesem Bereich ist es den wenigsten Schwulen und Lesben möglich, offen zu ihrer sexuellen Identität zu stehen. Daher sind die rechtlichen Rahmenbedingungen im Personalvertretungs- und Betriebsverfassungsrecht sowie im Arbeits-, Beamten- und Soldatenrecht so zu gestalten, daß eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität untersagt wird. Dabei ist der Gleichbehandlungsgrundsatz am Arbeitsplatz um das Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität zu erweitern. Ein entscheidender Punkt ist auch hier die völlige Gleichberechtigung der Frau im Erwerbsleben.
  • Ziel muß es sein, daß jeder seine Lebensweise selbstbestimmt und eigenverantwortlich wählen kann. Daher ist eine staatliche Absicherung aller Lebensweisen notwendig. Um dies zu gewährleisten muß der Artikel 6 GG ergänzt werden:
  • <i>"Andere frei gewählte Lebensgemeinschaften sind in gleicher Weiese von der staatlichen Ordnung zu respektieren und vor Diskriminierung zu schützen."</i>

Wir streben eine Gesellschaft an, in der alle Lebensweisen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Da die Lebensweisen von Schwulen und Lesben immer noch gesellschaftlichen Zwängen und rechtlichen Benachteiligungen unterliegen, ist es unser Ziel, rechtliche Beschränkungen abzubauen und von der Gesellschaft mehr Toleranz und Offenheit einzufordern. Dabei sollte nicht die Ehe privilegiert werden, sondern vielmehr die Menschen, die andere Menschen pflegen oder mit Kindern zusammenleben.

Es muß für freie Lebensgemeinschaften ein Rechtsstatus geschaffen werden, der auf einem zumutbaren Nachweis beruht, der keine gemeinsame Wohnung einschließt. Auf dieser Grundlage müssen eheliche als auch nicht-eheliche Lebensgemeinschaften völlig gleichberechtigt sein in Bezug auf Versorgung, Rentenansprüche, Erbrecht und Zeugnisverweigerungsrecht. Schwule und Lesben müssen auch in Bezug auf das Sorge- und Adoptionsrecht gleichberechtigt sein.

Aktuelle Termine
Galerien

Queer the school | CSD 2009