8. März: Not your porn, not your object

08.03.2020: Nicht nur am 8. März, sondern jeden Tag und überall gilt: Not your porn, not your object!

8. März: Not your porn, not your object

Sexuelle Gewalt hat Strukturen, die es zu bekämpfen gilt

Zu Beginn des Jahres wurde durch eine Reportage des Magazins STRG_F öffentlich, dass eine Person aus dem engeren Umfeld des linken Festivals "Monis Rache” in Tutow in Mecklenburg-Vorpommern heimlich aufgenommene Videos von Frauen beim Besuch der dort aufgestellten Dixi-Klos auf Porno-Plattformen hochgeladen und sich finanziell daran bereichert hatte. Die Filme stammen von einer in einer Toilette geheim installierten Kamera. Wie sich bei der Aufarbeitung des Falls herauskristallisierte, wurden im Zuge der Aufdeckung der Geschehnisse massive Fehler durch das Monis-Rache-Team begangen, die schlussendlich dazu beitrugen, dass die Aufklärung der Tat erschwert bis unmöglich gemacht und betroffene Frauen in Unklarheit und Hilflosigkeit zurückgelassen wurden. Der Täter hatte alle Beweise vernichtet. Dies bedeutet nicht, dass die widerrechtlich aufgenommenen Videos der Frauen aus dem Verkehr gezogen wären. Nachzuverfolgen, wer sie gespeichert hat und wo sie gegebenenfalls wieder hochgeladen wurden, ist aufwendig und mühsam, zumal die Identität der gezeigten Frauen in vielen Fällen nicht geklärt werden konnte.

Auch auf dem großen linken Festival Fusion in Lärz soll es 2019 zu heimlichen Aufnahmen in einer Dusche gekommen sein, die ebenfalls kürzlich in einem Pornoportal entdeckt wurden. Noch im direkten Eindruck der Diskussion rund um Monis Rache reagierten die Organisator*innen besonnener. Trotzdem zeigt sich: Auch linke Strukturen, die Sexismus anprangern, das Patriarchat stürzen wollen und mit Awarenessteams auf ihren Veranstaltungen werben, sind vor sexuellen Übergriffen in den eigenen Reihen nicht gefeit.

Die körperliche Integrität von Frauen ist ständig in Gefahr

Kürzlich wurde der Filmproduzent Harvey Weinstein in einem Gerichtsverfahren von der Jury wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung schuldig gesprochen. Mehr als 80 Frauen hatten ihm sexuelle Übergriffe vorgeworfen und damit im Jahr 2017 die Solidaritätswelle #metoo ausgelöst - ein Hashtag, unter dem Frauen von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Auch der Fall Roman Polanski geht gerade wieder durch die Medien. Nachdem er selbst während eines Vergewaltigungsprozesses in den 70er Jahren zugegeben hatte, die junge Samantha Geimer vergewaltigt zu haben, setzte er sich rasch ins Ausland ab, um einer weiteren Strafverfolgung zu entgehen. Seither sind weitere Vorwürfe der Vergewaltigung und sexuellen Übergriffe gegen ihn vorgebracht worden. Das alles verhinderte nicht, dass er für seinen neuesten Film gleich drei Césars erhielt!

Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig, nicht selten erfahren die Täter Solidarität aus dem Freundeskreis oder der Fanszene. Betroffene müssen sich der persönlichen Empörung erwehren, die angesichts ihrer Vorwürfe hochkocht.

Sexuelle Gewalt hat Struktur(en)

Deutlich wird in allen drei Fällen vor allem eines: Sexuelle Gewalt hat Struktur. Die Täter haben Unterstützer*innen, die ihre Taten decken, vielleicht sogar aus der Überzeugung heraus, dass sie unschuldig sind, vielleicht aber auch einfach, weil patriarchal strukturierte Männer- freundschaften stärker wirken als das seichte Bekenntnis zum Feminismus (auch Weinstein verstand sich als "Förderer von Frauen”). Sexuelle Übergriffe passieren manchmal spontan aus der Situation heraus, aber viel häufiger als gedacht geplant und strukturiert: Die passende Situation, der passende Ort wird erdacht, ein Grund für ein Treffen zu zweit konstruiert, K.O.-Tropfen werden beschafft, eine Kamera wird installiert.

Allzu häufig sichern sich die Täter vor der Tat ab, wie das Umfeld reagiert, wenn sie Grenzen überschreiten: Sagt jemand etwas, wenn ich einen sexistischen Witz reiße? Wird meine locker auf dem Oberschenkel abgelegte Hand weggeschoben? Die Täter sind sich bewusst, dass sie etwas tun, was Unrecht ist. Sie bereiten es daher strukturiert vor und nach.

Das System Porno-Plattform, das seinen Nutzern Hardcore-Genuss in sicherer Anonymität bieten möchte, spielt ihnen dabei in die Hände. Nicht nur, dass die Anmeldung mit Klarnamen dort nicht notwendig ist. Wer Material hochlädt, muss auch nicht nachweisen, wer dort gezeigt wird und ob die abgebildeten Personen in die Veröffentlichung des Materials eingewilligt haben. Das Ergebnis ist, dass viele anonym abgefilmte Frauen vermutlich gar nicht wissen, dass ihre Rechte dort mit Füßen getreten werden. Voyeurismus ist auf vielen Pornoplattformen nicht nur nicht verboten, sondern im Gegenteil sogar eine eigene Filmkategorie, unter der sich tausende Clips finden, deren Ursprung unklar bleibt. Die Möglichkeit einer Grenzüberschreitung ist hier Teil des Kitzels.

Warum konnte gerade eine vermeintlich bemühte und für Sexismus sensibilisierte Gruppe wie das Team von "Monis Rache" im Kampf gegen sexuelle Gewalt so kolossal scheitern?

Weil Prävention sexualisierter Gewalt mehr ist als ein Bekenntnis. Es bedeutet viel Arbeit. Es bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, die eigenen Strukturen dahingehend zu analysieren, wo potentielle Schwachstellen Tätern Gelegenheiten bieten. Es bedeutet eine anti-sexistische Grundhaltung, die durch transparente und klare Strukturen deutlich gemacht wird.

Eine Struktur wie das Plenum von "Monis Rache", das auf Basisdemokratie beruhte und alle interessierten Menschen an allen Entscheidungen beteiligte, aber niemanden klar zuständig sah, als es ernst wurde, bietet einem organisierten Täter beste Bedingungen. Das wohlmeinende Vertrauen, dass im eigenen linken Freundes- und Genoss*innenkreis so etwas schon nicht vorkommen wird, kann niemals Grundlage eines Präventionskonzeptes sein. Auch Strukturen, die sich mit Feminismus auskennen und zuständige Personen für "Awareness” haben, tun gut daran, sich professionell beraten zu lassen und besonders im Falle eines Übergriffs aus dem engeren Umfeld die Entscheidung über den Umgang damit nicht im Alleingang zu treffen.

Es bedarf einer präventiven Struktur, die sich nicht allein auf externe Partygäste konzentriert. Jede Organisation muss eine Strategie entwickeln, um aus dem Lippenbekenntnis des "Standards" Antisexismus eine täterunfreundliche Umgebung zu schaffen, um eine Kultur zu schaffen, die akzeptiert, dass sexualisierte Gewalt Teil des eigenen Freund*innen- und Genoss*innenkreises ist und in den eigenen "Schutzräumen" stattfindet. Nur diese Schritte führen dazu, dass "Awareness" in linken Strukturen nicht nur Symptome aus dem eigenen Sichtfeld entfernt, sondern Ursachen auf den Grund geht.

Daher fordern wir:

  • Die Politik muss sich mit der Wahrung von Frauenrechten auf Porno-Plattformen auseinandersetzen!
  • Awarenessteams reichen nicht! Wir brauchen eine gründlichere Auseinandersetzung mit der Prävention sexueller Gewalt in linken Strukturen.
  • Dem Verdacht eines Übergriffs muss sofort und transparent nachgegangen werden.
  • Solidarität mit den feministischen Kämpfen von Betroffenen sexueller Gewalt!

  • Nicht nur am 8. März, sondern jeden Tag und überall gilt: Not your porn, not your object!