"Die Gruppe machtís!"

26.03.2012: Eine bundesweite Kampagne der Falken zur Stärkung der Gruppenarbeit
Von Barbara Klatzek, Marion Kleinsorge, Nicolas Runge, Arne Schäfer und Eric Schley

Einleitung

Mit dem vorliegenden Beitrag wird die bundesweite Kampagne "Die Gruppe machtís!" der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken vorgestellt. Neben der Beschreibung der einzelnen Projektbausteine dient der Artikel insbesondere der theoretischen Einbettung der Kampagne in eine kapitalismuskritische Gesellschaftsanalyse. Sie ist Antwort der Falken auf die Frage, was die vieldiskutierte Individualisierung der Lebensstile, -formen und -lagen für die Jugendverbandsarbeit bedeutet.
Mit der Kampagne wird die Botschaft transportiert, dass die Gruppe in Jugendverbänden angesichts realer oder angeblicher Individualisierungsprozesse keinesfalls - wie oft behauptet - obsolet wird, sondern im Gegenteil als soziales Angebot für Kinder und Jugendliche an Bedeutung gewinnt.

Um diese Botschaft transparent zu machen, wenden wir uns zunächst der hinter der Kampagne stehenden Gesellschaftsanalyse zu, um im zweiten Schritt die Kampagne zu beschreiben. Abschließend wird diskutiert, welche Konsequenzen und Fragestellungen sich aus der Kampagne für den Verband ergeben.

[nach oben]

Aufwachsen im flexiblen Kapitalismus

Die Analyse gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse ist insbesondere mit den Studien von Ulrich Beck (1986) verbunden. Der Soziologe zeichnet ein sehr ambivalentes Bild von Individualisierung. Auf der einen Seite erhöht sie die Spielräume, ein eigenständiges Leben zu führen und den Lebenslauf selbst zu gestalten. Das Aufweichen traditioneller Geschlechterrollen, die Liberalisierung homosexueller Beziehungen oder der Wandel elterlicher Erziehungsziele von Unterordnung in Richtung Selbstständigkeit sind nur einige Beispiele für die vielen befreienden Komponenten der Individualisierung.

Beck hebt gleichzeitig hervor, dass die Selbstgestaltung des eigenen Lebens und der Biografie in modernen Gesellschaften risikoreich ist und scheitern kann. Gelingt es den Individuen nicht, zufriedenstellende Sozialeinbindungen herzustellen, fehlen ihnen dazu gar die Gelegenheitsstrukturen und sozialen Angebote, drohen die vielen positiven Potenziale der Individualisierung, in Anomie, Orientierungslosigkeit und Desintegration umzuschlagen. Mehr Freiheit und erhöhte Selbstgestaltung einerseits, Atomisierung, Isolation und Einsamkeit andererseits sind die beiden Pole der Individualisierung.

Im Rahmen einer kapitalismuskritischen Gesellschaftsanalyse sprechen mehrere Gründe dafür, dass unter den Bedingungen neoliberaler Globalisierung - wie sie sich in den letzten 10 bis 20 Jahren herauskristallisiert haben - die Schattenseiten der Individualisierung zunehmen und deren positive, emanzipatorische Potenziale zu ersticken drohen. Es ist ein neuer Vergesellschaftungsmodus im Entstehen, dessen Leitbild das "unternehmerische Selbst"[1] ist.

[nach oben]

Die sozialisatorischen Folgen

Die sozialisatorischen Folgen dieses neuen Menschenbildes laufen auf ein überzogenes Konkurrenz- und Leistungsdenken und auf die rücksichtslose Durchsetzung von Eigeninteressen hinaus. Biografiemanagement - in dem Wort ist das ökonomistische Denken bereits eingelagert - wird zur Grundanforderung der Lebensführung deklariert. Gleichzeitig werden staatliche Kontroll-, Überwachungs- und Disziplinierungsmaßnahmen ausgeweitet, die die Individualisierung der Lebensführung in sozial gewünschte Bahnen lenken sollen.

"Subjektivität muss nützlich werden, nicht ein Element des Widerstands bieten, sie muss - so widersinnig das erscheint - von Freiheit und Autonomie befreit sein. Freilich soll das niemand merken"[2]. Für diese Analyse sprechen mehrere Entwicklungen und Tendenzen, die an dieser Stelle kurz skizziert werden sollen.

> Der Konkurrenz- und Leistungsdruck in der Schule wurde durch die Reduzierung der Schulzeit an Gymnasien (Stichwort: G8) ohne Ausgleich durch Reduzierung des Lernstoffes oder die Komprimierung von Studienzeiten (Bologna-Prozess) deutlich verschärft. Dass Kinder und Jugendliche durch diesen Druck massiv überfordert werden, zeichnet sich immer mehr ab.

So machen Schulpsychologen darauf aufmerksam, dass SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern unter einem kaum noch bewältigbaren Stress leiden. Nicht selten führt der hohe Druck zum Missbrauch von Medikamenten. In der ohnehin stark beinträchtigen Freizeit wird versucht, durch Nachhilfeunterricht mit dem hohen Lerntempo Schritt zu halten[3].

Ihre Freizeit - davon berichten Kinder und Jugendliche immer wieder - wird zunehmend der Logik des Kompetenzerwerbs unterworfen. Kritikfähigkeit, Solidarität, Mündigkeit oder Emanzipation - Komponenten eines ganzheitlich gefassten Bildungsverständnisses - spielen kaum mehr eine Rolle. Bildung "dient nun der Produktion und Re-Produktion von Humankapital, das Rendite erwirtschaften soll. Das ist Sinn und Zweck des neuen Bildungs-Kapitalismus"[4].

Auf der anderen Seite hat sich die Hauptschule für viele SchülerInnen aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern zu einer biografischen Sackgasse bzw. zu einer Einbahnstraße in die soziale Chancenlosigkeit entwickelt. "Die Hauptschule ist zur ,Restschuleí einer neuen Unterschicht, das Gymnasium mit dem Anspruch, 50 Prozent eines Jahrgangs zu einer Elite heranzubilden, für manche Schüler zu einer subtilen Art der Folter geworden"[5].

Wenn unter diesen Umständen SchülerInnen ihre Ellenbogen einsetzen, dann ist das die Folge eines politisch erzeugten Sozialisationsdrucks, der auf der einen Seite Durchsetzungsfähigkeit und Härte (auch gegen sich selbst) belohnt, auf der anderen Seite Uneigennützigkeit und Müßiggang - im Sinne eines Freizeitverhaltens, das nicht unmittelbar dem Kompetenzerwerb dient, - bestraft. Andere reagieren mit Resignation, Frustration und sozialem Rückzug auf ein Schulklima, das ihr Wohlbefinden immer mehr beeinträchtigt.

> Der Umstand, dass Kinder und Jugendliche immer mehr Tageszeit in Schuleinrichtungen verbringen müssen (Stichwort Ganztagsschulen), kann als Ausdehnung von Kontrolle durch staatliche Institutionen über die Gestaltung der Lebensphasen Kindheit und Jugend interpretiert werden. Sicherlich spielt auch das Motiv der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine bedeutende Rolle für den Ausbau von Ganztagsschulen. Aber vor dem Hintergrund medial inszenierter gesellschaftlicher Diskurse über die soziale Verwahrlosung von Jugendlichen, denen meist die empirische Basis fehlt[6], findet die Ausweitung der Pflichtschulzeit breite gesellschaftliche Akzeptanz.

Es wird - überspitzt formuliert - das verzerrte kulturpessimistische Bild einer sexuell verwahrlosten Jugend konstruiert, die sich regelmäßig Alkoholexzessen aussetzt und in (Gewalt-)Kriminalität abzurutschen droht. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund und solche aus der sogenannten Neuen Unterschicht[7] sind von diesen Stigmatisierungsprozessen betroffen. Mit pauschalisierenden Etikettierungen wie "Generation Porno" wird das in unterschiedlichem Gewand immer wiederkehrende Bild von Jugend als "Gefahr und Gefährdung"[8](re-)produziert. Die aus diesen Jugendbildern gezogenen gesellschaftlichen Konsequenzen laufen oft auf stärkere Kontrolle und Sozialdisziplinierung von Kindern und Jugendlichen hinaus. Keineswegs sollen die sozialen Probleme wie das über Pornografie vermittelte verzerrte Verständnis menschlicher Sexualität oder die Gesundheitsgefährdung durch übermäßigen Alkoholkonsum geleugnet werden. Abzulehnen ist allerdings die Diffamierung einer ganzen Generation als verwahrlost und die ausschließlich defizitäre Betrachtung der Jugend sowie die daraus abgeleiteten Forderungen nach mehr Kontrolle und Disziplin, wie sie etwa in Bernard Buebs Traktat "Lob der Disziplin" (2006) zum Ausdruck kommen. Freizeit im Sinne von Zeit, über die Kinder und Jugendliche ohne Einflussnahme Erwachsener so frei wie möglich verfügen können, wird auch infolge dieser Berichte zunehmend skeptisch betrachtet.

(Ganztags-)Schulen stellen nicht den Sozialraum dar, den Jugendliche freiwillig zwecks Freizeitgestaltung aufsuchen würden. Schule verbinden Jugendliche nicht mit einer selbstorganisierten und sinnvollen Freizeit - schon gar nicht unter den gegenwärtigen Umständen! Die Grenzen von Ganztagsschulen, die Zeiträume jenseits des traditionellen Unterrichts so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche sie attraktiv finden, müssen deutlich aufgezeigt werden.

> Die Flexibilisierungsprozesse in der Arbeitswelt, die Zunahmen befristeter und prekärer Arbeitsverhältnisse, die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses sowie die Expansion von Leih- und Teilzeitarbeit sind unter dem Vorwand einer globalisierten Ökonomie eingeführt bzw. vorangetrieben worden und auf das Leitbild des unternehmerischen Menschen zugeschnitten. Flexibilisierung erweist sich als "eine bestimmende Marktideologie"[9].

Die Übergänge in das Erwerbsleben werden immer instabiler und chaotischer. Jugendliche und junge Erwachsene zählen zu den Hauptbetroffenen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die weltweite Jugendarbeitslosigkeit hat als Folge der Krise das höchste jemals registrierte Niveau erreicht[10]. Jugendliche gehören zu den Verlierern der Globalisierung[11].

> Die "Wiederkehr der sozialen Unsicherheit"[12]ist ein Hauptmerkmal der gesellschaftlichen Entwicklung in den europäischen Ländern. Parallel zur sozialen Deregulierung und der Zunahme sozial unabgesicherter Arbeitsverhältnisse lässt sich die Wiederkehr eines strafenden Staates alter Prägung konstatieren[13]. Kameraüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, die öffentliche Bloßstellung straffällig gewordener Menschen, die Kriminalisierung sozialer Bewegungen oder populistische Forderungen nach Erziehungscamps und geschlossenen Einrichtungen für delinquent gewordene Kinder und Jugendliche sind Ausdruck dieser Entwicklung.

> Richard Sennett hat in seinem Essay "Der flexible Mensch" (2000) die Lebensführung der Menschen unter den Bedingungen einer auf Kurzfristigkeit angelegten Arbeitswelt beschrieben. Die kurzfristigen Zeitstrukturen der Arbeitswelt greifen in die Privatsphäre ein. Zugleich lassen sich diese im privaten Bereich nicht anwenden, da jede tiefgehende emotionale Beziehung einer langfristigen Entwicklung bedarf. "Die Flüchtigkeit von Freundschaft und örtlicher Gemeinschaft"[14] kennzeichnet das Leben im flexiblen Kapitalismus. Das Bedürfnis der Menschen an kontinuierlichen Rollen lässt sich in einer auf Kurzfristigkeit angelegten Ökonomie immer schwerer verwirklichen.

"Vielleicht ist die Zerstörung des Charakters eine unvermeidliche Folge. āNichts LangfristigesĎ desorientiert auf lange Sicht jedes Handeln, löst die Bindungen von Vertrauen und Verpflichtung und untergräbt die wichtigsten Elemente der Selbstachtung"[15]. Sollten sich Sennetts Analysen auch nur in der Tendenz bestätigen, drohen auf allen Ebenen der Beschäftigung unkalkulierbare Widersprüche und Desintegrationsprozesse mit folgenschweren sozialen Auswirkungen[16].

> Anders als Beck (1986) glaubt, lösen sich allen erweiterten Möglichkeiten der Lebensgestaltung zum Trotz die Klassen- und Schichtstrukturen nicht auf, sodass sich das Individuum auch nicht "jenseits von Klasse und Schicht" befindet, was sozialstrukturelle Analysen eindeutig zeigen[17].

Die Schule nimmt mit ihrer Platzierungsfunktion nach wie vor eine wichtige Funktion in der Ungleichverteilung von Lebenschancen ein. Unter den Bedingungen des gegenwärtigen Schulsystems kann von Chancengleichheit kaum die Rede sein. Die erfolgreiche Kampagne des Bildungsbürgertums gegen die Einführung der Gemeinschaftsschule in Hamburg macht deutlich, wie sehr das Schulwesen zum Fokus von Verteilungskämpfen um soziale Privilegien geworden ist. Gleichzeitig wird das unternehmerische Selbst zur Legitimationsfigur einer neoliberalen Gesellschaftsordnung. Jeder - so suggeriert es das Bild des Unternehmers - kann seine soziale Position verbessern, wenn er unternehmerisch handelt, sich der Konkurrenz stellt, biografisch flexibel ist und seine Kompetenzen optimiert.

Oder umgekehrt: Wer sich in einer prekären Lebenslage befindet, ist selbst schuld. Aber die Reproduktionsprozesse sozialer Ungleichheit wirken als "verborgene Mechanismen der Macht"[18] weiter und sind für viele Menschen nicht unmittelbar erkennbar. Armut wird nicht länger als ein Klassenschicksal gedeutet, das auf sozialer Benachteiligung beruht, sondern als individuelles Schicksal, das man alleine bewältigen muss. Unter diesen Bedingungen wird nicht zuletzt die Solidarisierung von Menschen in gleichen Lebensumständen und die Formierung von Protestbewegungen erschwert.

Tendenziell bewirken die dargestellten Prozesse eine Vereinzelung des Menschen, die nicht mehr viel mit der Hoffnung auf Autonomie und Emanzipation zu tun hat, wie sie einst mit der Moderne verknüpft war. Im Prozess der Individualisierung wurden viele traditionale Bindungen und überkommenen Loyalitäten zwar aufgelöst. Dies war zweifelsohne für viele Menschen eine große Befreiung. Der sich herauskristallisierende Vergesellschaftungsmodus des neoliberalen Kapitalismus führt aber zu neuen Abhängigkeits- und Entfremdungsmechanismen, während gleichzeitig alte Klassenschranken bestehen bleiben:

"Der geforderte Persönlichkeitstypus des marktgängigen, geographisch mobilen, beruflich flexiblen und privat ungebundenen āemployable maní bzw. des āunternehmerischen Selbstí spiegelt direkt die Grundzüge des neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells wider. Die āLogikí des Kapitals, seine Tendenz zur totalen Unterwerfung allen Lebens unter das Warenverhältnis und zur Verdinglichung der sozialen Beziehungen, scheint endgültig zu triumphieren, und zwar weltweit"[19].

[nach oben]

Potenziale der Jugendverbandsarbeit

Subjektivität entpuppt sich mehr und mehr als Ideologie zur Durchsetzung einer Gesellschaftsordnung, in der die Individuen in erster Linie den Verwertungsinteressen "des Kapitals" unterworfen sind. Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen will die Kampagne auf die vielen positiven Potenziale der Jugendverbandsarbeit für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aufmerksam machen. Deren Stärken bestehen darin,

  • angesichts der umfassenden Ökonomisierung von Bildung und Freizeit Räume für eine zweckfreie Freizeitgestaltung anzubieten, in denen "Kindheit" und "Jugend" gelebt werden können (Jugendverband als nicht verzweckter Freiraum).
  • Heranwachsenden Angebots- und Gelegenheitsstrukturen zur Verfügung zu stellen, in denen sie freiwillig und selbstorganisiert Beziehungen eingehen, pflegen und entwickeln können, die ihren Bedürfnissen und Interessen gerecht werden (Jugendverband als Sozialraum).
  • diese Räume als Orte des sozialen Lernens und der kritischen Demokratiebildung zu gestalten (Jugendverband als Bildungs- und Lernraum).
  • Kindern und Jugendlichen angesichts der drohenden Atomisierung sozialer Beziehungen im Kapitalismus eine "Gegenwelterfahrung" zu ermöglichen, in der sie ihre Individualität entfalten können, ohne die gemeinschaftlichen Dimensionen eines gelungenen Lebens und die solidarischen Bezüge des Handelns aus dem Blick zu verlieren (Jugendverband als Erfahrungsraum).

Der soziale Ort, an dem diese Ansprüche am Besten erreicht werden können, ist nach wie vor die Gruppe! Aus diesem Grund steht die bundesweite Kampagne unter dem Slogan "Die Gruppe machtís!".

[nach oben]

Die Kampagne "Die Gruppe machtís!"

Für die Jugendverbandsarbeit ist Individualisierung ein ambivalenter Prozess. Einerseits wird in der erziehungswissenschaftlichen Literatur betont, dass die Bereitschaft von Jugendlichen abnimmt, sich längerfristig in Parteien, Gewerkschaften, Vereine und eben auch Verbände zu engagieren[20]. Diese Tendenz mindert aber nicht die gesellschaftliche Bedeutung von Jugendverbandsarbeit, denn Jugendverbände gewährleisten vielen jungen Menschen erst eine entwicklungsfördernde Sozialeinbindung und können so die negativen Folgen der Individualisierung auffangen. Die Jugendforschung zeigt, dass sich Jugendliche dann in Verbänden engagieren, wenn sie eine Chance sehen, "ihre Vorstellungen dort direkt umzusetzen, ernst genommen zu werden und interessante Leute kennen lernen zu können"[21].

Mit der Kampagne sollen die positiven Potenziale der Jugendverbandsarbeit angesichts der skizzierten Schatten der Individualisierung gestärkt werden. Empirisch abgesichert ist der Umstand, dass Jugendliche an Jugendverbänden gerade deren Gruppenangebot schätzen[22]. Die Gruppe wird von Jugendlichen als eine Sozialform wahrgenommen, in der Freundschaft, Engagement und Sinnhaftigkeit eng miteinander verbunden sind. Über Freizeiten, Zeltlager, Seminare, internationale Begegnungen und Aktionen oder regelmäßige Gruppenstunden wird ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt.

[nach oben]

Ein Blick in die Geschichte sozialistischer Jugendarbeit

Ein Blick in die Geschichte sozialistischer Jugendarbeit macht die traditionell hohe Bedeutung gemeinsamer Aktivitäten im Rahmen von Jugendgruppen deutlich, die sich bis zur Gründung der ersten Arbeiterjugendorganisationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Ob bei den Lehrlings- und ArbeiterInnenjugendgruppen während des Kaiserreichs oder bei den Kinderfreunden und der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) in der Weimarer Republik: Die Gruppe war stets die wichtigste Form der Jugendarbeit. Kurt Löwenstein, der die sozialistische Kinder- und Jugendarbeit intensiv geprägt hat, betrachtete die Gruppenarbeit als Basis der sozialistischen Erziehung[23]. Sie war von Anfang an nicht nur Ort der geselligen Freizeitgestaltung sondern auch Ort der Erziehung zur Demokratie. Diese Überzeugung gab bereits der ersten Kinderrepublik und Vorläufer der heutigen Falkenzeltlager Gestalt: Die Kinderrepublik Seekamp fand 1927 in der Nähe von Kiel statt. Die Vorläuferorganisation der Falken, die Kinderfreundebewegung, hatte mit über 2.000 Kindern aus Arbeiterhaushalten vor allem aus dem Deutschen Reich, Dänemark und Österreich die Tradition großer Zeltlager ins Leben gerufen, welche sich bis 1933 der Erziehung zur Demokratie verpflichtet sahen. Demokratie wurde dabei nicht lediglich als eine Staatsform verstanden, in der sich politische Partizipation für den einzelnen Bürger im Wählen erschöpft, sondern als eine umfassende Lebensform, die im Freundeskreis, in der Familie, in der Schule, im Betrieb und natürlich auch im Verband täglich zur Geltung kommen muss. Deshalb waren die Kinderrepubliken nach basisdemokratischen Prinzipien aufgebaut. Entsprechend dieser Tradition legen die Falken bis heute hohen Wert auf Mitspracherecht, Verantwortungsübernahme und Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei der alltäglichen Gestaltung der Zeltlager und Gruppenangebote. Damit leistet die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken ihren Beitrag zu Demokratie und Demokratisierung[24]

Die Kampagne "Die Gruppe machtís!" knüpft an diese historischen Erfahrungen an und versucht zugleich, die positive Bedeutung von Gruppenarbeit für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen besonders unter den genannten Rahmenbedingungen aufzuzeigen. Damit knüpft sie an das anthropologische Bedürfnis nach Miteinander an, das für die Entwicklung von Menschen nötig ist. Sie "sind von früh an aufeinander verwiesen, gewissermaßen schon in den ersten Sekunden des Lebens, in der - wie sich heute dank der Bindungsforschung zeigt - Kindheit ebenso wie in der Jugend (was gegenwärtig gerne vergessen wird)"[25]. Dieser Tatbestand wird bei den Forderungen nach Flexibilität, Mobilität oder unternehmerischem Handeln und im Rahmen der individualistischen Konkurrenz in der Schule häufig unterschlagen. Man muss das Rad nicht neu erfinden, um Heranwachsenden Räume anzubieten, in denen dieses Bedürfnis nach Miteinander befriedigt werden kann. Die Jugendverbände stellen mit ihren Gruppen eine bewährte Angebotsstruktur für junge Menschen zur Verfügung, die - anders als Schule - auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht. Freilich müssen auch historisch gewachsene Strukturen immer wieder einer kritischen Reflexion unterworfen und die Erkenntnisse der Jugend- und Jugendverbandsforschung ernst genommen werden.

[nach oben]

Die Kampagne auf ihren drei Säulen

Die von der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken initiierte Kampagne "Die Gruppe machtís!" wurde als Arbeitsvorhaben auf der Bundeskonferenz im Frühjahr 2009 beschlossen. Auf der Bundeskonferenz 2011 wird die abschließende Bewertung stattfinden. Hauptzielgruppen sind die ehrenamtlichen GruppenhelferInnen der Falken, denen Anregungen und Handreichungen für ihre praktische Arbeit vor Ort gegeben werden sollen, außenstehende Jugendliche, denen die Möglichkeit des Mitwirkens in einer Falken-Jugendgruppe aufgezeigt werden soll, und nicht zuletzt die Öffentlichkeit, um eine möglichst breite Wertschätzung für Gruppenarbeit im Jugendverband zu erzeugen. Die Kampagne besteht aus einer Vielzahl von Elementen und Aktionen rund um das Thema Gruppe. Sie basiert auf den drei Säulen

  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Stärkung der eigenen Verbandsstrukturen und
  • Gesellschaftskritik als Grundlage für die Demokratisierung der Gesellschaft.

[nach oben]

öffentlichkeitswirksame Arbeit

Bei der öffentlichkeitswirksamen Arbeit soll auf den Wert von Gruppen- und Jugendverbandsarbeit aufmerksam gemacht werden. Viele Eltern unterwerfen die Freizeit ihrer Kinder immer mehr der Logik des Kompetenzerwerbs. Ihr Nachwuchs soll Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die sich im späteren Leben auszahlen und die sich die Kinder nicht nur in der Schule, sondern auch in ihrer Freizeit über Nachhilfe, Musikschulen, Sprachreisen etc. aneignen müssen.

Angesichts der Angst weiter Teile der Bevölkerung, insbesondere der Mittelschichten, um den Abstieg ihres Nachwuchses ist diese Sorge zwar nachvollziehbar. Allerdings fehlt das öffentliche Bewusstsein, dass Freizeitgestaltung im Rahmen gemeinschaftlicher Aktivitäten - die nicht an einem individuellen Kosten-Nutzen-Kalkül ausgerichtet sind, sondern erst einmal "nur" Spaß machen, ohne einem besonderen Zweck zu unterliegen, - einen entscheidenden Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung heranwachsender Menschen leistet.

Darüber hinaus gilt es, im Rahmen der Kampagne für das ehrenamtliche Engagement junger Menschen zu werben. Es soll Verständnis dafür geweckt werden, dass es trotz gesellschaftlich induzierter Zeitknappheit (Komprimierung des Lernstoffes, Ausweitung der Schulzeiten, Verschulung und Eigenfinanzierung der Studiengänge sowie unbezahlte Praktika als Vehikel für den Berufseinstieg) lohnenswert ist, sich in Jugendgruppen einzubringen.

Gleichzeitig soll das Signal gesetzt werden, dass langfristiges Engagement in Gruppen nicht von kurzfristig strukturierten Projekten verdrängt werden darf, sondern eine gesellschaftliche Anerkennung braucht, die sich in entsprechender struktureller Förderung und der Bereitstellung notwendiger finanzieller Ressourcen ausdrücken muss.

[nach oben]

Stärkung der eigenen Verbandsstrukturen

Während bei Öffentlichkeitsarbeit die Kommunikation nach außen gerichtet ist, wird sie bei der Stärkung der eigenen Verbandsstrukturen nach innen gerichtet, um die innerverbandliche Sensibilisierung der Wichtigkeit von Gruppen zu stärken. Die Kampagne macht Mut, sich entgegen der beschriebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Gruppenarbeit zu engagieren. Gleichzeitig ist die Vermittlung praktischen Wissens für die alltägliche Arbeit in und mit Gruppen ihr zentraler Inhalt.

Die Erkenntnisse der Jugendverbandsforschung zeigen, dass das in der Gruppe erlebte Gemeinschaftsgefühl für die Jugendlichen einen zentralen Stellenwert hat. "Die Rolle der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen darf beim Zustandekommen und dem Erhalt eines solchen Gefühls nicht unterschätzt werden"[26]. Deswegen sind die vielen ehrenamtlich engagierten jugendlichen GruppenhelferInnen eine der Hauptzielgruppe der Kampagne.

[nach oben]

Gesellschaftskritik

Darüber hinaus ist Gesellschaftskritik ein wichtiger Bestandteil der Kampagne. Diese ist eingebettet in ein grundsätzliches Verständnis von Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Unter den Motiven von Heranwachsenden, sich in Jugendverbänden zu engagieren, finden sich auch Bildungsziele[27].

Jugendverbände als Bildungs- und Lernorte zu gestalten, bedeutet, den Bildungsanspruch von Jugendarbeit ernst zu nehmen. Dies geschieht in doppelter Hinsicht: Zum einen finden in der außerschulischen Jugendarbeit durch die dort stattfindenden Interaktionen, Erfahrungen und Gespräche der TeilnehmerInnen informelle Sozialisations-, Bildungs- und Lernprozesse statt, die eine biografische Tiefenwirkung entfalten können, wie sie Schule kaum erreichen kann[28]. Zum anderen finden Workshops, Gruppenaktivitäten und Seminare statt, die direkt und bewusst Bildungsprozesse gestalten bzw. anregen. Sowohl die Falkengliederungen vor Ort als auch die falkeneigenen Bildungsstätten haben diesbezüglich eine breite und differenzierte Palette von Angeboten im Bereich der außenschulischen Bildung entwickelt. Dabei wird deutlich, dass es viele Jugendliche gibt, die allen Klagen über ihre angebliche politische Apathie zum Trotz ein ausgeprägtes Interesse gerade an der politischen Auseinandersetzung haben.

Auch die selbstorganisierte Gestaltung der Zeltlager ist bewusst als ein Anregungsmilieu konzipiert, in dem den Teilnehmenden Demokratie lebensweltlich erfahrbar gemacht wird, und das somit Bildungscharakter hat. "Erziehung zur Mündigkeit" (Adorno) ist ein Grundmotiv der Falkenarbeit, das auch die Kampagne "Die Gruppe machtís!" leitet. Denn - um eine in der heutigen Bildungspolitik offenbar in Vergessenheit geratene Weisheit Adornos zu zitieren - "eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen"[29]. Erziehung - so Adorno weiter - müsse zwar insofern ein Moment der Anpassung besitzen, da sie Menschen auch darauf vorbereiten müsse, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie wird aber fragwürdig, "wenn sie dabei stehenbleibt und nichts anderes als āwell adjusted peopleĎ produziert, wodurch sich der bestehende Zustand, und zwar gerade in seinem Schlechten, erst recht durchsetzt"[30].

Erziehung zur Mündigkeit bedeutet demnach Erziehung zu Widerspruch und Widerstand - ein Aspekt, der gerade angesichts der oben dargelegten Gesellschaftsanalyse hochaktuell ist. Mündigkeit kann in unserer Zeit bedeuten, Einspruch gegen die Forderungen nach Flexibilität, Mobilität, Humankapital und Ellenbogengesellschaft zu erheben. Sie kann heißen, dem Leitbild des "unternehmerischen Selbst" mit seinem auf das Ego fixierten Blick den Wert einer solidarischen Gemeinschaft entgegenzusetzen. Die Gruppe kann eben auch ein Ort des Widerspruchs gegenüber gesellschaftlichen Zumutungen sein, eine Instanz, in der politische Sozialisation stattfindet und Kritikfähigkeit ausgebildet werden kann. Wichtig ist allerdings, dass die Politisierung den Jugendlichen nicht aufgezwungen wird, was den Prinzipien der Mündigkeit, Selbstbildung und Selbstorganisation widersprechen würde und zum Scheitern verurteilt wäre.

[nach oben]

Werkzeugkasten der Kampagne

Im Rahmen der Kampagne hat der Bundesverband der Falken zahlreiche Materialien zur Gruppenarbeit entwickelt und unter didaktisch-methodischen Gesichtspunkten aufbereitet. So werden den Gliederungen, Ortsverbänden, Gruppen und/oder Einzelpersonen Anregungen für die praktische Gruppenarbeit (Gründung, Finanzierung, Aktivitäten, pädagogische Aspekte), deren historische und theoretische Hintergründe oder Informationen zur Durchführung von Öffentlichkeitsarbeit auf der Website zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus dient der "Gruppenordner" als Materialsammlung und Handreichung für die Gruppenarbeit.

Über die verbandseigenen Kommunikationswege wie z.B. Publikationen, Mailverteiler und persönliche Kontakte wurde auf die Kampagne aufmerksam gemacht. Das Kampagnen-Logo hat sich als Symbol mit einem hohen Wiedererkennungswert bewährt. Es dient als "Frame" und rahmt die vielen, auf örtlicher Ebene selbst organisierten Einzelaktionen. Konzipiert ist die Kampagne als Baustein-System: Die Akteure nehmen sich raus, was interessant und für die spezifische Situation vor Ort brauchbar ist. Somit ist die Kampagne zum Werkzeugkasten eines selbstorganisierten Kinder- und Jugendverbandes geworden, in dem die Aktiven vor Ort selbstbestimmt entscheiden, an welchen Themen und mit welchen Aktionen sie arbeiten.

Da die praktische Umsetzung sehr unterschiedlich und vielfältig ist, kann hier nur ein Eindruck gegeben werden:

  • Zahlreiche Gliederungen setzen die Kampagnen-Materialien gezielt in der Schulung von ehrenamtlichen Gruppenhelferinnen und -helfern ein und arbeiten zum Beispiel intensiv mit dem Gruppenordner als Bildungsmaterial für die Auseinandersetzung mit dem Wie und Warum von Gruppenarbeit.
  • Die hessischen Falken haben die bundesweite Kampagne zum Anlass genommen, die eigene Situation vor Ort unter gesellschaftskritischen Aspekten genauer zu betrachten und aus diesen Erkenntnissen ein spezifisch regionales Konzept zu entwickeln.
  • In Sachsen wurden zeitlich parallel zur Kampagne mehrere Gruppen gegründet. Das gestiegene Interesse an Gruppenarbeit fiel mit einem Deutsch-Israelischen Jugendaustausch zusammen, in dessen Rahmen die Gruppenkonzepte der israelischen Schwesterorganisation diskutiert wurden. Mithilfe der Kampagne hat die Gruppenarbeit einen zentralen Platz in der praktischen Arbeit gefunden.
  • Gliederungen, in denen sich die Förderstruktur zugunsten der Projektarbeit und der Arbeit in Einrichtungen der offenen Tür entwickelt hat, signalisieren, wie hilfreich die Kampagne für die Bewusstseinsbildung über den Wert von Gruppenarbeit und deren praktische Umsetzung ist.
  • Gewissermaßen auf einer Metaebene wird sich die jährliche Tagung des Archivs der Arbeiterjugendbewegung im Frühjahr 2012 den vielfältigen Facetten und aktuellen Herausforderungen der Gruppenarbeit widmen.

[nach oben]

"Das Camp!"

Als einer der Höhepunkte der Kampagne kann das vom Bundesvorstand initiierte Zeltlager "Das Camp!" im Mai 2010 im niedersächsischen Langeleben mit mehreren Hundert ehrenamtlich engagierten Jugendlichen gelten. Es war ein Wochenende der (Weiter-)Bildung von und für GruppenhelferInnen.

In mehrtägigen Workshops wurden die verschiedenen Facetten der Gruppenarbeit von pädagogisch-inhaltlichen über theoretische bis zu praxisorientierten Aspekten behandelt. Die Ausrichtung dieser Veranstaltung als Zeltlager hat das Wir- bzw. Gemeinschaftsgefühl der Teilnehmenden gestärkt. Junge Menschen aus ganz Deutschland haben vier Tage lang ihre Vorstellungen, Erfahrungen und Visionen von Gruppenarbeit diskutiert und reflektiert.

In Vorbereitung hat eine Jugendgruppe ein Song zur Kampagne entwickelt, und im Rahmen des Camps entstanden neben zahlreichen Erkenntnissen und neuen Ideen u.a. ein Radiofeature und ein Dokumentarfilm.

[nach oben]

Über den Verband hinaus

Über den Verband hinaus hat die Kampagne einen Beitrag zu dessen jugendpolitischer Positionierung geleistet: Im Kreis der Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände, dem Deutschen Bundesjugendring (DBJR) hat der Verband einen Antrag zur Bedeutung der Freiräume in der verbandlichen Arbeit eingebracht, welcher einen starken Impuls zur weiteren Diskussion über die Gruppenarbeit gesetzt hat.

[nach oben]

(Zwischen-) Fazit und Ausblick

Die bundesweite Kampagne "Die Gruppe machtís!" wird erst auf der Bundeskonferenz der Falken 2011 ausführlich ausgewertet. Daher kann an dieser Stelle nur ein erstes Zwischenfazit gezogen werden - welches positiv ausfällt. Motto und Logo haben breite Akzeptanz gefunden und wurden intensiv in die Arbeit vor Ort einbezogen. Die vielen dezentralen Aktivitäten verdeutlichen, wie kreativ und unterschiedlich die Kampagne in praktischen Aktionen vor Ort umgesetzt wird. Dies ist ein Beleg für funktionierende Strukturen der Selbstorganisation des Verbandes.

Besonders erfreulich ist, dass die Kampagne Eingang in die internationale Jugendarbeit gefunden hat, wie deren Einbeziehung in das diesjährige IFM-Camp zeigt. Im bisherigen Verlauf der Kampagne wurden viele inhaltliche Fragen aufgeworfen wie beispielsweise das Verhältnis von Individuum und Gruppe. Auch wenn primär die positiven Seiten des Gruppenlebens im Vordergrund standen, betrifft das Verhältnis von Individuum und Gruppe auch negative Aspekte wie Gruppendruck oder Missachtung der Individualität. Vor diesem Hintergrund muss in der praktischen Arbeit immer wieder neu reflektiert werden, wie mit solchen Themen umgegangen werden kann.

Darüber hinaus muss das romantisierende Bild von der Gruppe als Ort harmonischer Gemeinschaftlichkeit hinterfragt werden, indem auch die Interessenkonflikte, Meinungsverschiedenheiten und Streitereien thematisiert werden, die eben auch zum Gruppenleben dazugehören. Ziel ist nicht die harmonische, sondern die demokratische Gruppe, die Konflikte aushandelt und sich der staatlich verordneten Fitness für den globalen Wettbewerb ein Stück weit entzieht.

Die Kampagne "Die Gruppe machtís!" versteht sich als Beitrag der Falken zur Förderung von Gruppenarbeit in Jugendverbänden. Angesichts des neoliberalen Erziehungsparadigmas, das die mannigfaltigen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen auf unternehmerische Kompetenzen reduziert und so letztendlich seine soziale Verkümmerung bewirkt, wird diese Arbeit wichtiger als je zuvor.

[nach oben]

Literatur


  • Adorno, T.W. (1971): Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Baethge, M. (1999): Subjektivität als Ideologie. Von der Entfremdung in der Arbeit zur Entfremdung auf dem (Arbeits-) Markt? In: Schmid, G. (Hg.): Kein Ende der Arbeitsgesellschaft. Arbeit, Gesellschaft und Subjekt im Globalisierungsprozess. Berlin: Edition Sigma, S. 129-157.
  • Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Beerhorst, J. (2009): Demokratie und Demokratisierung. Was stellen wir uns darunter vor? Dokumente 61, Protokoll der 33. Bundeskonferenz der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken, 21.-24. Mai 2009, Karlsruhe.
  • Blossfeld, H.-P./Klijzing, E./Mills, M./Kurz, K. (Hg.). (2006): Globalization, Uncertainty and Youth in Society. London: Routledge.
  • Bourdieu, P. (2005): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg: VSA.
  • Bröckling, U. (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Bueb, B. (2006): Lob der Disziplin. Berlin: List.
  • Castel, R. (2009): Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit. In: Castel, R./Dörre, K. (Hg.): Prekariat, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt a.M./New York: Campus. S. 21-34.
  • Chassé, K.A. (2010) : Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Diskussion. Wiesbaden: VS.
  • Eickelpasch, R./Rademacher, C./Lobato, P.R. (2008): Diskursverschiebungen der Kapitalismuskritik - eine Einführung. In: Dies. (Hg.): Metamorphosen des Kapitalismus - und seiner Kritik. Wiesbaden: VS, S. 9-17.
  • Fauser, K./Fischer, A./Münchmeier, R. (2008): Jugendliche als Akteure im Verband. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.
  • Goldthorpe, J.H. (2003): Globalisierung und soziale Klassen. In: Berliner Journal für Soziologie, H. 3, S. 301-323.
  • Göppel, R. (2010): Pädagogik und Zeitgeist. Erziehungsmentalitäten und Erziehungsdiskurse im Wandel. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Hafeneger, B. (1995): Jugendbilder. Zwischen Hoffnung, Kontrolle, Erziehung und Dialog. Opladen: Leske + Budrich.
  • Hurrelmann, K./Linssen, R./Albert, M./Quellenberg, H. (2002): Eine Generation von Egotaktikern? Ergebnisse der bisherigen Jugendforschung. In: Deutsche Shell (Hg.): Jugend 2002. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 31-51.
  • Ilg, W./Krebs, R./Weingart, M. (2007): Jugendgruppenarbeit - Auslaufmodell oder Zukunft der außerschulischen Jugendbildung? In: Deutsche Jugend, H. 4, S. 155-161.
  • International Labour Office (2010): Global Employment Trends for Youth. Geneva: ILO. Abrufbar unter: www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_emp/---emp_elm/---trends/documents/publication/wcms_143349.pdf. (Stand 08/2010).
  • Löwenstein, K. (1976): Sozialismus und Erziehung. Eine Auswahl aus seinen Schriften 1919-1933. Bonn/Berlin: Dietz.
  • Münch, R. (2009): Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey und Co. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Negt, O. (2008): Aufgaben sozialistischer Kinder- und Jugendarbeit im 21. Jahrhundert. In: Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken, Bundesvorstand (Hg.): Tanz den Sozialismus. Dokumentation Sozialismus Kongress.
  • Abrufbar unter: www2.wir-falken.de/uploads/broschuerekomplett_sozkong72dpi.pdf (Stand 08/2010).
  • Schetsche,M./Schmidt, R.-B. (Hg.) (2010): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde - Gesellschaftliche Diskurse - Sozialethische Reflexionen. Wiesbaden: VS.
  • Sennett, R. (2000): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Siedler.
  • Wacquant, L. (2009): Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit. Opladen/ Farmington Hills: Barbara Budrich.
  • Winkler, M. (2010): Freiheit/Zwang/Objektivität/Leere/Subjektivität/Abrichtung. Ein Essay über die Komplexität nicht nur der Sozialen Arbeit heute. In: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau, H. 60. S. 97-114.

(aus: deutsche jugend. Zeitschrift für Jugendarbeit. Heft 12 Dezember 2010)


[1] Bröckling 2007 ^

[2] Winkler 2010, S. 103 ^

[3] vgl. Münch 2009, S. 64f. ^

[4] Münch 2009, S. 30 ^

[5] Münch 2009, S. 64 ^

[6] vgl. z.B. Schetsche/Schmidt 2010 ^

[7] vgl. Chassé 2010 ^

[8] Hafeneger 1995 ^

[9] Negt 2008, S. 10 ^

[10] vgl. ILO 2010 ^

[11] vgl. Blossfeld u.a. 2006 ^

[12] Castel 2009 ^

[13] vgl. Wacquant 2009 ^

[14] ebd., S. 23 ^

[15] ebd., S. 38 ^

[16] vgl. Baetghe 1999 ^

[17] vgl. Goldthorpe 2003 ^

[18] Bourdieu 2005 ^

[19] Eickelpasch/Rademacher/Lobato 2008, S. 9 ^

[20] vgl. Hurrelmann u.a. 2002. S. 44 ^

[21] ebd., S. 45 ^

[22] vgl. Fauser/Fischer/Münchmeier 2006; Ilg/Krebs/Weingart 2007 ^

[23] vgl. Löwenstein 1976 ^

[24] vgl. Beerhorst 2009, S. 19f. ^

[25] Winkler 2010, S. 105 ^

[26] Fauser/Fischer/Münchmeier 2006, S. 18 ^

[27] vgl. Fauser/Fischer/Münchmeier 2006 ^

[28] vgl. Göppel 2010, S. 179 u. S. 198 ^

[29] Adorno 1971, S. 107 ^

[30] ebd., S. 109 ^

[nach oben]