Projekt des Monats.

08.12.2005: Aktion Mensch zeichnet Projekt der Falken aus.

Das Vertrauen wächst:

Als "Projekt des Monats" zeichnete die "Aktion Mensch" im Dezember 2005 die Veranstaltungsreihe "Jugend ohne Zukunft" der Jugendbildungsstätte Welper der Falken in Hattingen aus.

Jugendliche ohne gesicherten Aufenthalt

In Deutschland leben rund 220.000 Kinder und Jugendliche mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. Sie wachsen isoliert und ohne Zukunftsperspektiven auf. Ihr ständiger Begleiter ist die Angst, in ein Land abgeschoben zu werden, das sie kaum oder gar nicht kennen. In Hattingen unterstützt die Aktion Mensch ein Projekt, das sie aus der Isolation ihres bedrückenden Alltags holen möchte.

Skender ist von Abschiebung bedroht

Es war gegen fünf Uhr morgens. "Da klopfte es an der Tür", erinnert sich Skender. "Mehrere Männer traten ein. Sie sagten: Jetzt werdet ihr abgeschoben." Der Junge begann zu packen. Sein Vater schaltete einen Anwalt ein. Im letzten Moment konnte er die Abschiebung verhindern.

Skender kennt das schon. Er war drei Monate alt, als seine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh. Seitdem leben er, sein Bruder und seine Eltern in ständiger Ungewissheit. Denn ihr Aufenthalt ist nur geduldet. Das bedeutet, dass ihre Abschiebung immer nur für eine gewisse Zeit - einige Tage, mehrere Monate, ein Jahr - ausgesetzt wird. Skender ist jetzt 14 Jahre alt.

Beim Breakdance voneinander lernen

Voneinander lernen: Kinder und Jungendliche aus Flüchtlingsfamilien beim Breakdancen. In der Jungebildungsstätte Welper erleben sie unbeschwerte Tage. Er erzählt seine Geschichte beim Mittagessen in der Jungendbildungsstätte Welper in Hattingen. Hier verbringt er zusammen mit 38 anderen Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien vier unbeschwerte Tage auf einem Jugendseminar mit Breakdancen, Malen, Lernen oder einfach nur Rumalbern. Das Seminar ist Teil eines Projekts, das die Bildungseinrichtung, getragen von der Falken Hüttenbauvereinigung Welper e.V., mit Unterstützung der Aktion Mensch in der Ruhrgebietsstadt durchführt. Es richtet sich an Mädchen und Jungen aus Asylbewerberfamilien, deren Aufenthalt in Deutschland ungesichert ist, weil ihr Asylantrag noch nicht entschieden oder bereits abgelehnt wurde. "Wir möchten die Kinder aus der Isolation ihres bedrückenden Alltags holen", erklärt Bildungsreferentin und Projektleiterin Ulla Rothe.

Die Situation von Flüchtlingskindern in Deutschland

Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF leben rund 220.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland. Wie Skender sind sie meist in abgelegenen Übergangswohnheimen untergebracht, oft mit der ganzen Familie in einem Zimmer. Einfach mal mit Freunden ein Eis essen oder ins Kino gehen, dazu reicht das Geld nicht. Denn die Familien erhalten Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, die noch unter dem Sozialhilfesatz liegen. Finanziell unabhängig zu werden erweist sich für die Heranwachsenden jedoch als unerfüllbarer Traum, da sie einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz nur annehmen können, wenn sich darauf kein Deutscher, EU-Bürger oder anerkannter Asylbewerber bewirbt. Zu all dem kommt die Angst, in ein Land abgeschoben zu werden, das die meisten kaum oder gar nicht kennen. "Ich habe gehört, dass es sehr schön sein soll, wo ich herkomme", sagt Skender, "aber ich war noch nie dort." Und leise fügt er hinzu: "Ich möchte lieber hier bleiben. Hier sind meine Freunde."

Ungewisse Zukunft

Rund 220.000 Kinder und Jugendliche leben ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland. "Ungewissheit und Perspektivlosigkeit sind eine enorme psychische Belastung", sagt Ulla Rothe. "Das Schlimme ist: Die Kinder müssen allein damit fertig werden." Denn die Eltern leiden selbst unter der nervenzehrenden Situation. "Sie können kaum Rückhalt bieten." Und sozialpädagogische, familienbegleitende Unterstützung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz stehe ihnen als "Geduldete" nicht zu.

Projekt der Jugendbildungsstätte Welper

Um so wichtiger sind Angebote, wie sie die Jugendbildungsstätte Welper in Kooperation mit dem Erich Brühmann-Haus in Bochum und dem Verein zur Förderung der Ausländerarbeit in Hattingen bereithält. Auf mehrtägigen Veranstaltungen über das Jahr verteilt bietet sie Kindern und Jugendlichen im Alter von 9 bis 19 Jahren die Möglichkeit, sich spielerisch und künstlerisch mit ihrer Situation auseinander zu setzen und traumatische Erfahrungen durch Krieg und Flucht zu verarbeiten. Begleitet wird das Projekt von fünf erfahrenen Sozialarbeitern und Pädagogen, die zum Teil selbst aus Migrantenfamilien stammen.

Afrika-Tag

Vorbereitungen für den Afrika-Tag: Seminarteilnehmer malen Länderfahnen. "Jede Veranstaltung steht unter einem speziellen Thema", sagt Ulla Rothe. Meist sei es ein Land oder ein Kontinent, aus dem einige der Mädchen und Jungen geflohen sind. In diesen Sommerferien dreht sich alles um die bunte Vielfalt Afrikas. Um den Kontinent kennen zu lernen, setzen die Teilnehmer erst ein Puzzle mit den verschiedenen Ländern zusammen. Dann machen sie sich auf in der Hattinger Innenstadt, um Passanten Fragen nach Hauptstädten, Einwohnerzahlen und anderem Wissenswerten zu stellen. Die richtigen Antworten haben die Jungen und Mädchen vorher in Atlanten nachgeschlagen oder im Internet recherchiert. Schließlich beginnen die Vorbereitungen für das Abschlussfest: den Afrika-Tag an der Hattinger Sternwarte, zu dem die ganze Stadt geladen ist. Traditionelle Tänze werden eingeübt, Dekorationen gebastelt. Viel Zeit bleibt aber auch, um sich untereinander auszutauschen.

Das Vertrauen wächst

Freundschaften entstehen und das Gefühl, aufgehoben und angenommen zu sein. "Ich war Träger auf dem Markt", berichtet der 19-jährige Telly aus Guinea in fließendem Englisch. "Als ich eines Tages nach der Arbeit nach Hause kam, brannte mein Dorf." Plötzlich überschlägt sich seine Stimme. Englische, deutsche, französische und arabische Sprachfetzen wirbeln durcheinander. Der 18-jährige Adem aus dem Kosovo legt ihm eine Hand auf die Schulter. Er kennt die Geschichte des jungen Schwarzafrikaners. "Seine Eltern sind in der Hütte verbrannt." Telly floh und lebt seit zwei Jahren in einem Container, einer Notunterkunft sieben Kilometer außerhalb Hattingens. "Ich bin jetzt allein und habe keine Freunde", flüstert Telly. "Doch", widerspricht Adem und boxt ihm kumpelhaft auf den Oberarm. "Mich."

So friedlich geht es jedoch nicht immer zu. Manchmal brechen sich unterdrückte Ängste und Aggressionen Bahn. "Du Landloser!" schallt es plötzlich aus einem der Jungenzimmer. Sofort ist einer der fünf Betreuer zur Stelle, um schlichtend einzugreifen. "Das müssen wir aber nur noch selten tun", sagt Ulla Rothe. "Es hat sich viel verändert, seit wir vor einem Jahr mit dem Projekt begannen." Die Jugendlichen seien ausgeglichener und weniger angespannt, Freundschaften entstanden und das Vertrauen, hier angenommen und aufgehoben zu sein, gewachsen. "Ich bin schon das siebte Mal hier und find´s schön", erzählt die 18-jährige Zenije. "Hier sind andere Jugendliche, wir haben viel Spaß."

Weitere Informationen Aktion Mensch Heinemannstr. 36 53175 Bonn Tel: 0228/2092 - 200 E-Mail: info@aktion-mensch.de www.aktion-mensch.de

JuBi Welper Ulla Rothe Rathenaustraße 59a 45527 Hattingen Tel: 0 23 24 / 94 64 - 59 Fax: 0 23 24 / 94 64 94 E-Mail: bildung@jubi-welper.de www.jubi-welper.de

Text: Anja Martin Fotos: Michael Bause (Photos)

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