Schade eigentlich

16.06.2006: Betrachtungen eines Fußballfans Männer-WM 2006 in Deutschland

Berlin-Kreuzberg. Eine Kneipe in der Schlesischen Straße. Man sollte meinen, man ist hier vor Deutschlandfans und ihren Jubelschreien sicher. Gleich beginnt das Spiel Deutschland gegen Polen. Beim Klang der Nationalhymne wird der ein oder andere Opa in Polen zusammenzucken und die stampfenden Wehrmachtsstiefel im Ohr haben. Ist es doch dieselbe Melodie zu der damals "Deutschland, Deutschland über alles" gesungen wurde. Ab und zu sollte man sich in Erinnerung rufen, weshalb die alliierten Befreier das "Lied der Deutschen" nach dem Krieg wenigstens für einige Jahre verboten haben. In Kreuzberg lauscht man andächtig.

Das Spiel läuft ...

und es steht 0:0. Bis zur 91. Minute. Dann schießt Neuville das 1:0 für Deutschland und ohrenbetäubender Lärm macht sich in der Kneipe breit. Die anwesenden Deutschen - sie würden sich wahrscheinlich als "links" bezeichnen - sind im völkischen Kollektiv angekommen und jubeln für Deutschland. Das Spiel ist zu Ende. Fans mit Deutschlandfahnen um die Schultern sammeln sich vor der Kneipe. Einer, angesprochen darauf, warum er sich einen schwarz-rot-gelbfarbenen Putzlumpen um den Kopf wickelt, guckt verständnislos zurück und meint:

"Ist doch nur Fußball"

Das denken auch die anderen, die mit Hupkonzerten die Schlesische Straße runterfahren.

Der Tag danach:

Die Zeitung mit den vier großen Buchstaben titelt "Tschüssikowski, Polen" und stellt fest: "Schwarz-rot-geil! Die Party geht weiter!" Das Berliner Pendant zu dieser Zeitung frohlockt "Tollski!" und belästigt mit Wortkreationen, deren scheinbar slawischer Klang offensichtlich ganz besonders geeignet sein soll, um den Gegner zu demütigen. Klar ist, alle müssen sich über den Achtelfinaleinzug von Klinsis Rumpeltruppe freuen.

Nationalistischer Relaunch

Ganz Deutschland ist von einem Fahnenmeer überzogen. Wer das nur für ne Karnevalslaune hält, hat entweder nichts verstanden oder die Debatten der letzten 15 Jahre verschlafen. Nationalismus ist in Deutschland en vogue wie lange nicht mehr. Die Formen haben sich verändert. In den nationalistischen Relaunch passen die Stiefelnazis nicht rein. Viel eher schon die Standort- und Imagekampagnen rund um die Männer-WM. Deutschland wird präsentiert als weltoffenes und tolerantes Land. Die "fröhlichen Spiele" sollen zur Visitenkarte eines weltoffenen Deutschland werden. Die Ausrichtung der Männer-WM ist für dieses Projekt so wertvoll wie ein Elfmeter in der letzten Spielminute. Das offizielle Deutschland mit all seinen gesichtzeigenden Fans wird den Elfmeter für die Eigenwerbung als weltoffenes, weltmeisterliches und tolerantes Land sicher einnetzen. Schade, eigentlich.

Den Verstand nicht an der Garderobe abgegeben haben: www.aktive-fans.de (Bündnis Aktiver FußballFans)

Robert LV Brandenburg

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