Der Hohe Meißner und die Falken

13.03.2013: von Kay Schweigmann-Greve, erschienen in: Mitteilungen, Archiv der Arbeiterjugendbewegung, Oer-Erkenschwick, 2012/II

Vergleicht man Fotos der frühen proletarischen Jugendbewegung mit Abbildungen der zeitgenössischen Wandervögel, so springen die Ähnlichkeiten ins Auge: antibürgerliches Outfit, ungezwungenes Zusammensein in der Gleichaltrigengruppe, Wanderungen in der Natur gemeinsames Singen und wildes "Abkochen". Stilisierten sich die Wandervögel als mittelalterliche Scholaren, konnten die Arbeiterjugendlichen an die Erfahrungen wandernder Handwerker und die Migrationsbewegungen der armen Landbevölkerung und der neu entstandenen Industriearbeiterschaft anknüpfen. Es drängt sich bei der Betrachtung der Eindruck auf, dass abgesehen von der sozialen Lage und der jeweiligen Milieueinbindung das Lebensgefühl und seine Ausdrucksformen viel gemeinsam hatten: sie waren gerichtet auf die Etablierung selbstbestimmter jugendlicher Freiräume und einer dezidierten Stadtflucht "aus grauer Städte Mauern"[1] "hinaus in Wald und Feld"[2] . Diese Jugendlichen waren jedoch in stärkerem Maße Teil der allgemeinen Gesellschaft und der Erwachsenenwelt verhaftet, als ihnen bewusst war. Das selbstbewusste Zusammentreffen von tausenden von Jugendlichen zu selbstorganisierten Veranstaltungen war für die deutsche Gesellschaft insgesamt etwas neues, niemals zuvor hatte Jugend sich als so unterschieden von der übrigen Gesellschaft empfunden, dass ihr das Abhalten von Jugendtagen in den Sinn gekommen wäre (selbst das studentisch geprägte Wartburgfest 1817, an das viele Freideutsche bei der Planung des Meißnertreffens dachten, war eine Veranstaltung von Demokraten gewesen, die nur nebenbei auch Studenten waren). Die Parallelität von sozialdemokratischen Arbeiterjugendtagen und Großveranstaltungen der Freideutschen, wie dem Meißnertreffen, wurden nicht wahrgenommen. Die gesellschaftlichen Schranken zwischen den Klassen waren so dominierend, dass selbst bei persönlichen Begegnungen die Unterschiede die Gemeinsamkeiten überwogen. Am Verhältnis der Arbeiterjugendbewegung zum Meißnertreffen der Freideutschen 1913 und auch 1963 lässt sich die Kontinuität dieser Differenz demonstrieren, die selbst nach dem Zerfall der kulturell unterschiedenen gesellschaftlichen Milieus bis heute fortwirkt.

1913

Der Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913 hat in den Analen der Arbeiterjugendbewegung keine Spuren hinterlassen. Wenn man in der Zeitung Arbeiter-Jugend die Ausgaben der Monate September bis November durchblättert, stellt man fest, dass dort das Treffen auf dem Hohen Meißner mit keinem Wort erwähnt wird. Dies, obwohl in der Zeitschrift eine monatlich erscheinende Rubrik Aus der Jugendbewegung existierte, die Berichte von Arbeiterjugendtagen und Konferenzen der regionalen Jugendausschüsse der Sozialdemokratie enthielt. Die Arbeiterjugendbewegung befand sich zu dieser Zeit in einer grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Situation als die Freideutschen: Die freien Arbeiterjugendorganisationen waren in den Jahren seit Inkrafttreten des Reichsvereinsgesetzes 1908 verboten und ihre Veranstaltungen und Gruppentreffen oftmals mit massiver physischer Polizeigewalt unterbunden worden. Seitdem bewegten sich die Aktivitäten der Arbeiterjugend in einem engem, streng überwachten "unpolitischen" Rahmen. Die Freiheit der Freideutschen Jugend, auf die sie so stolz war, war ein Privileg der Bürgerkinder. Die SPD richtete Jugendausschüsse ein, die die Arbeiterjugend bei der Abwehr staatlicher Übergriffe unterstützen, aber auch die politische Kontrolle der Partei über die Jugend gewährleisten sollten.

Bürgerliche Jugendorganisationen tauchen in der Arbeiter-Jugend ausschließlich unter der Rubrik Die Gegner an der Arbeit auf. Hier werden neben staatlichen Übergriffen auf die eigene Arbeit vor allem die parteiische staatliche Jugendpflege und Veranstaltungen der "jungdeutschen" Wehrvereine und der Katholischen Jugend kritisiert. Letzteres Organisationen, die auch die auf dem Hohen Meißner vertretenen Bünde wohl nicht ohne weiteres als Ihresgleichen betrachtet hätten. Am 6. Dezember 1913 wird in dieser Rubrik allerdings auch von einer Wehrübung von Wandervögeln in Cuxhaven berichtet, bei der es sogar zu einem Todesfall unter den Übenden gekommen sei[3]. Zwar war die Arbeiter-Jugend das zentrale Ausdrucksmittel der Bewegung und zentrales Bindeglied zwischen den lokalen Arbeiterjugendvereinen und hatte eine großer Leserschaft[4], man darf allerdings nicht vergessen, dass diese Zeitung die Perspektive der Zentralstelle für die Arbeitende Jugend, den Blick der sozialdemokratischen Leitungsebene wiedergibt. Dass diese immer mit der ihrer Leser übereinstimmt, darf bezweifelt werden. Auch die Naturfreundejugend als jungendbewegte Organisation der Arbeiterbewegung scheint von dem Meißnertreffen offiziell ebenfalls keine Notiz genommen zu haben.[5]

Zwischen den Jugendlichen selbst gab es trotz der sozialen Distanz zwischen Arbeiter- und Bürgerkindern offenbar dennoch Verbindungen: Ernst Främke, Gruppenhelfer bei den Kinderfreunden und Gründungsmitglied der Falken 1945, erzählte von seinem älteren Bruder Lorenz und anderen sozialdemokratisch gesonnenen Wandervögeln aus Hannover, die beim Meißnertreffen anwesend gewesen seien. Diese hätten sich über eine schwarz-weiß rote Fahne an einem der auf der Hausener Hute aufgeschlagenen Zelt so geärgert, dass sie noch in der Nacht zurück nach Kassel gefahren seien um von dort ein großes rotes Stück Fahnentuch zu besorgen. So habe auf dem Hohen Meißner am nächsten Tage die rote und die schwarz-weiß-rote Fahne nebeneinander geweht.[6] Auch in den offiziellen Darstellungen der bürgerlichen Jugendbewegung finden sich kaum Bezüge zur Arbeiterjugend, die Meißnerfahrer scheinen selbst gar nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, sie dort zu erwarten. Noch die bekannte Dokumentensammlung von Werner Kind aus den Sechzigerjahren enthält in dem Band über die Wandervogelzeit selbstverständlich Dokumente über den Freideutschen Jugendtag 1913, auch ein kleiner Abschnitt über die Arbeiterjugendbewegung ist enthalten, Berührungen zwischen den beiden sind jedoch aus diesem Band nicht ersichtlich. Einzig Ferdinand Avenarius (Dürerbund/Kunstwart) konstatiert auf dem Meißner selbst in seiner Abschlussrede mit Bedauern, dass die organisierte Arbeiterjugend - die auch er unter die "Gegner" zählt - nicht anwesend sei: "Nun muß ich sagen: Ihr packt's famos an. Ihr versteht's schon: den ehrlichen Gegner aufmerksam anzuhören. So kommt man ja auch allein vorwärts. So tut man allen unsauberen Gegnern das Bitterste an und allen sauberen das Beste: man nimmt von ihnen für sich selber, was sie Gutes, nämlich: was sie für uns zu lernen haben. Schade, daß nicht auch die Jungdeutschlandbünde, die Pfadfinder, und andererseits die sozialdemokratischen Jugendvereine hier vertreten waren - das ging wohl noch nicht, aber das sollte erstebt werden: wir sollten uns mit ihnen allen aussprechen. Dann könnten wir uns mit diesem und jenem Gescheiten rechts und links vielleicht sogar verständigen, könnten jedenfalls allerlei besser begreifen und lernen, was wir jetzt nicht begreifen, und könnten ihnen unserseits zeigen, daß wir anders sind, als sie meinen, wenn sie in uns keine honorigen Leute sehen."[7] Vielen Arbeiterjugendlichen mag der Freideutsche Jugendtag auch einfach nicht besonders wichtig erschienen sein, veranstaltete die Arbeiterjugend doch selbst sogar regional vergleichbar große "unpolitische" Jugendtage. In der Arbeiter-Jugend vom 13. September 1913 beispielsweise findet sich der folgende Bericht: "Am Nachmittag versammelten sich alle Gruppen im Hamburger Volkswohl. In einer breiten, vom Wald eingefassten Schlucht, lagerten die 2.500 Teilnehmer, malerisch über den Rasen verstreut. Massengesang durchbrauste die Schlucht und wechselte mit Musikvorträgen der ‚Jugendkapelle‘ ab, in der Flöte, Geige, Mandoline und Gitarre vertreten sind. Der Sekretär des Jugendbundes, wies mit wenigen Worten auf die Bedeutung der Veranstaltung hin. Der stürmische Jubel, den seine Worte hervorriefen, wich gespannter Aufmerksamkeit, als eine Gruppe Schauspieler und jugendliche Statisten aus dem waldigen Hintergrund der Schlucht hervortraten. Friedrich Schillers ewig junges Drama Die Räuber wurde in vier Szenen in lebensvoller Darstellung gebracht. Volkstänze und gemeinsame Spiele beschlossen das Fest. Ein Festzug von imposanter Größe bewegte sich am Abend durch Hamburg nach dem Bahnhof. Das noch nicht dagewesene Ereignis eines Festzuges von 2.500 jungen Arbeitern und Arbeiterinnen rief das größte Aufsehen hervor."[8]

In derselben Ausgabe der Arbeiter-Jugend befindet sich ein Bericht vom Bezirksjugendtag in Kiel mit mehr als 800 Jugendlichen mit dem Hinweis "Ein Teil unserer Hamburger Freunde war auf der Ferienrückwanderung von Schweden begriffen und streifte von Kiel aus noch acht Tage die Holsteinische Schweiz ab."[9] Das Verhältnis der Arbeiterjugend zum Wandervogel, später zur bündischen Jugend blieb ambivalent, zu sehr stand in ihrer Wahrnehmung das Völkische, Nationale und Antimoderne im Vordergrund. Gleichzeitig blieben viele Gemeinsamkeiten: Gemeinschaftserleben, Fahrt und Lager und (bis in die Sechzigerjahre) die Volkstänze. Einen geradezu überwältigenden Einfluss hatte die Jugendkultur der Wandervögel und Lebensreformer auf den ersten Arbeiterjugendtag 1920 in Weimar. Nicht umsonst wurde dieser als "Wandervogelerlebnis, das Meißnerfest der deutschen Arbeiterjugendbewegung" tituliert.[10] Dennoch blieb die weltanschaulichen Differenzen: Erich Ollenhauer hatte bei diesem Anlass zu Füßen des Goethe-und-Schiller-Denkmals gesagt: "[…] Wir sind Arbeiterjugend, emporgewachsen aus der Not des Proletarierlebens; aber trotzdem lebte in uns der Geist eines Goethe und eines Schiller. Wir sind hergezogen, um an diesem Tage kundzutun, dass wir jetzt und in aller Zukunft unser Bestes geben werden, dass die Schätze der deutschen Literatur, geschaffen von diesen Meistern, ins Volk getragen werden, bis zu den Ärmsten unserer Klasse. Wir wollen aber in dieser Stunde auch der historischen Ereignisse gedenken, die sich vor Jahresfrist in diesen Mauern abspielten. Fast genau ein Jahr ist ins Land gegangen seit dem Tage, an welchem von dem Balkon dieses Hauses Reichspräsident Ebert der Volksmenge mitteilte, dass die Verfassung der jungen deutschen Republik soeben von der Nationalversammlung verabschiedet wurde. An der Geburtsstätte der deutschen Republik wollen wir nicht vergessen, dass sie uns erst unseren Aufstieg und diese Tagung ermöglichte."[11] Damit waren Grundforderungen der Arbeiterjugend formuliert: Die Partizipation aller am kulturellen Reichtum der Nation und demokratische Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zu Beginn der Zwanzigerjahre war die Auseinandersetzung um den "Geist von Weimar" der erste schwere innerorganisatorische Konflikt der neuformierten Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Es setzte sich eine Position durch, die den jugendbewegten Formen des Zusammenseins ihr Recht einräumte, jedoch betonte, dass politische Bildung und die persönliche Qualifikation von Arbeiterjugendlichen - denen die fortbestehenden Klassenschranken eine höhere Bildung noch immer verwehrten - gleichermaßen zum Aufgaben- und Tätigkeitsfeld der organisierten Arbeiterjugendbewegung gehörten. Gleichzeitig formulierten Max Westphal und Erich Ollenhauer, die Vorsitzenden der SAJ, dass die Solidarität der Bewegung nicht klassenübergreifend der Jugend im allgemeinen, sondern der Arbeiterbewegung gehörten, innerhalb derer der Jugendbewegung eine besondere Aufgabe zukomme.

1963

Fünfzig Jahre später sind die Fronten unverändert: An dem Treffen der bündischen Jugend 1963 nimmt die organisierte Arbeiterjugendbewegung, Gewerkschaftsjugend, Falken, AWO, Naturfreunde nicht teil. Sie stehen der alten deutschen Jugendbewegung ablehnend gegenüber. Die Protokolle der Sitzungen des Bundesvorstandes der Falken verzeichnen nicht einmal eine Beschäftigung mit dem Meißnertreffen. Das Protokoll der Oktobersitzung 1963 weist die Beschäftigung mit einer Vielzahl verbandsinterner Themen auf: die Planung einer Gruppenleiterkonferenz, Berichte über einzelne Bezirksgliederungen und deren Sommerzeltlager, vom "Tag des Kindes" (einer bundesweit durchgeführten Veranstaltung zum Thema Kinderrechte), Berichte von der Teilnahme an einem internationalen Zeltlagern der Falkeninternationale (IFM-SEI) und einem Kongress der Internationale der sozialistischen Jugend(IUSY), sowie ein Bericht aus dem Bundesjugendring. Weiterhin nehmen breiten Raum ein Bericht von einer Gedenkstättenfahrt nach Lidice und Theresienstadt, das Besuchsprogramm für eine Delegation des Jugendrates der UdSSR und die Begleitung der Entstehung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes ein.[12]

In der Jungen Gemeinschaft, der Mitgliederzeitung der Falken erscheint jedoch ein ablehnender Kommentar von Heinz Warmbold, dem Redakteur, der bereits in der Überschrift Vom Ungeist der deutschen Jugendbewegung sprach[13] Dem allgemeinen Lob, das nunmehr allerorten für die "Ideen der deutschen Jugendbewegung" zu hören sei, mag er nicht beipflichten. Er unterzieht die Formulierungen der Meißnerformel einer kritischen Überprüfung: "Was bedeutet, nüchtern betrachtet, ‚eigene Bestimmung‘ - ‚vor innerer Wahrhaftigkeit‘ und ‚innere Freiheit‘?

‚Eigene Bestimmung‘. Das heißt doch wohl Ablehnung jeder Fremdbestimmung. Das ist ein utopisches, in der komplizierten Großgesellschaft damals und heute nicht zu verwirklichendes Programm. Die Gesellschaft verliert ihren Zusammenhang, wenn totale Selbstbestimmung stattfindet; teilweise Fremdbestimmung, teilweise Anpassung aus mitmenschlicher Verpflichtung ist ihr Lebensgesetz. Insofern ist in ihr allein das Bestreben sinnvoll, den Freiheitsraum des einzelnen zu erkämpfen, ihn weit zu halten und zu sichern, nicht aber, Thesen von einer Totalen Freiheit aufzustellen." Man fragt sich unwillkürlich, ob das Missverständnis nicht vorsätzlicher Natur sei. Der Vorwurf an eine Jugendbewegung, die die Gebundenheit des Individuums an seine Gemeinschaft - im schlechten Fall über den Jugendbund hinaus national oder völkisch verstanden - in den Mittelpunkt stellt und die das "Gemeinschaftserlebnis" für ihren Kern ausgibt, ist der Vorwurf, es handele sich um individualistische Anarchisten, ziemlich absurd! Zur Eingangsthese wenig passend wird sodann die Formulierung der reinen "inneren Freiheit" aufgegriffen: "Hier wird gegen bestehende Verhältnisse protestiert, aber der Protest meldet zugleich seinen eigenen Rückzug an. Weder wird eine Reform des politischen Staates und der Gesellschaftsordnung erstrebt, noch gar Revolution angemeldet. Statt dessen erbittet man - indem man die Gesellschaft scheinbar ganz und gar ablehnt - von ihr einige Fluchtinseln für eine gebildete Elite." Hier taucht die bekannte und berechtigte Kritik an der antimodernen Weltflucht der Wandervögel wieder auf, die bereits den Kommunist gewordenen früheren Wandervogel Erich Weinert veranlasste, sein berühmtes Spottgedicht über die Wandervögel zu schreiben.[14] Die positiven Fernwirkungen der Jugendbewegung, fährt Warmbold etwas versöhnlicher fort, wolle er gar nicht verkleinern: "Mancher Schulversuch hätte nicht stattgefunden, manches Volkslied wäre verschollen ohne die Jugendbewegung." um dann zum gesellschaftspolitischen Kern seiner Kritik zu kommen: "Die schweren und wesentlichen Krankheiten der Zeit hätten jedoch anderer Heilmittel bedurft: der Internationalität statt der Volkhaftigkeit, der Teilnahme am Kampf um die Reform von Staat und Gesellschaft statt der Verinnerlichung, der Solidarität und Gleichheit aller Staatsbürger statt der Bildung einer Elite von innerlich Wahrhaftigen." Der idealistische Todesmut, mit dem die freideutschen Studenten im ersten Weltkrieg bei Langemark verbluteten nötige ihm keinen Respekt ab, er sei bedrückend. Das "Stahlgewitter" habe jedoch die Überlebenden erneut in Richtung der Irrationalität geprägt, auch deshalb hätten sie "in der Republik, im Volksstaat von Weimar, nicht in den Alltag, in die konkrete Wirklichkeit" zurückgefunden. "Ihr wilder Protest richtet sich bald gegen die angebliche Durchschnittlichkeit und Idealitätsferne des neuen Staates, gegen das anscheinend in ihm Gestalt gewordene nationale Elend. Gegnerschaft bildet um 1930 die ‚Revolution von Rechts‘. An die Stelle der Forderungen nach Echtheit, Volkhaftigkeit, Wahrhaftigkeit treten nun andere, nämlich: Zerstörung des unwahrhaftigen, unechten, volksfeindlichen ‚Systems‘, Aufbruch zur totalen Aktion und totale Gehorsamkeitsbereitschaft gegenüber einem kommenden großen Führer, der die Antworten auf die Rätsel der Zeit weiß […]." Fairerweise fährt er fort: "Die meisten Wortführer dieser Revolution aus dem Geist der Jugendbewegung sehen den kommenden Führer nicht in Hitler, und vieles am rohen Treiben der Nationalsozialisten stößt sie ab. Dennoch kann kein Zweifel bestehen, dass im geistigen Klima ihres revolutionären Irrationalismus ohne festen Bauplan der schnelle Einbruch des braunen Ungeistes gerade bei der jüngeren Generation des gebildeten Bürgertums möglich wird […]." Abschließend resümiert er: "Bei aller Anerkennung einiger Leistungen der alten Jugendbewegung: ihren ‚Geist‘ wollen wir nicht wiedererweckt haben."

So zutreffend hiermit die Kritik an dem großen antimodernen, völkischen und antidemokratischen Teil der historischen bürgerlichen Jugendbewegung formuliert ist, den aktuell formulierten Positionen der bündischen Jugend von 1963 werden die Ausführungen nicht gerecht. Ein im September 1963 in einer Grundsatzerklärung der jungen Bünde beschlossenes Statement bekennt sich zur Offenheit ihrer Gruppen für Jedermann, der Beschreibung der eigenen Arbeitsformen und Definition des Bundes als "freiwillige, selbstverantwortete Bindung". Dies in Abgrenzung: zur "modernen" Jugendverbandsarbeit, die ihre Inhalte regelmäßig von einer Erwachsenenorganisation erhalte: Dort "[…] sehen wir die Gefahr, dass der Heranwachsende seiner Entscheidungsfreiheit beraubt wird. Wir wollen ihm eine Reifezeit sichern, in der er frei von Verbandsinteressen das Gesellschaftsganze betrachten und zur Entscheidungsfähigkeit gelangen kann. Ein politisches Engagement darf nur auf dem selbstständigen Urteil eines erwachsenen Menschen beruhen, nicht auf Gewöhnung. Die bündische Gemeinschaft vermittelt humane Werte und Haltungen zweckfrei. Wir sind deshalb der Ansicht, dass sie besser auf eine freie Gesellschaft vorbereitet, als die Gruppe eines Jugendverbandes, der frühzeitig an interessengebundenen Aktionen teilnimmt."[15] Hieran kann man als Falke, dem ein solches von den gesellschaftlichen Verhältnissen und der eigenen Sozialisation abstrahierendes Politik- und Gesellschaftsverständnis vielleicht naiv erscheint, Kritik üben, mit einem Verweis auf die unheilvolle Geschichte der Konservativen Revolution und ihrem Beitrag zum Ende der Weimarer Republik ist dieses gewandelte und demokratisierte bündische Selbstverständnis jedenfalls nicht abgetan. Dies gilt angesichts des Schlussbekenntnisses der bündischen Erklärung umso mehr: "Da unser Bemühen um Selbstverwirklichung nur in einem freien Staat gelingen kann, verpflichten wir uns, die uns anvertraute Jugend von der Idee des demokratischen Rechtsstaates zu überzeugen."[16]

Auch die Festrede Helmut Gollwitzers, Bündischer der Zwanzigerjahre, prominentes Mitglied der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit und christlicher Sozialist, auf dem Meißnertag 1963 artikuliert Positionen, mit denen sich die Falken ohne weiteres identifizieren könnten. Dies beginnt bei der schonungslosen Analyse des historischen Versagens eines großen Teils der deutschen Jugendbewegung und ihrer Mitschuld am Hitlerfaschismus: "Der Zusammenbruch Deutschlands fand nicht 1945 sondern 1933 statt, unter kräftiger Mitwirkung vieler Jugendbewegter." Hinzu kommt die Ableitung der Demokratie aus der Meißnerformel: "Die Meißner-Formel ließen wir Bündische oft als individualistisch verleumden, statt zu erkennen, dass man sie als die Kernformel eines demokratischen Bewusstseins verstehen kann […] Warum wollen wir sie trotz aller ihrer Nachteile? Weil sie die Staatsform für erwachsene Menschen ist! Wer sie will, darf also den Staat nicht als Kindergarten und nicht als Kaserne wollen. […] Er muss den Menschen wollen, der sein Leben ‚nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit‘ führen will. Er muss die Freiheit des aufrechten Bürgers, d.h. aber die Freiheit des Andersdenkenden, die Freiheit des Außenseiters, die Freiheit des Ketzers wollen und zwar nicht nur dessen innere, sondern dessen äußere, reale Äußerungs- und Aktionsfreiheit. Wer diese Freiheit und diesen Menschen will, der muss in der Demokratie für die Demokratie kämpfen, jeden Tag, gegen die totalitären Tendenzen in der eigenen Partei, gegen die Uniformierung der öffentlichen Meinung, für die Spielräume der Selbstbestimmung. Wollt ihr das? Tut ihr das? Wir haben die Demokratie in Westdeutschland noch nicht gewonnen, wir haben sie noch kaum begonnen. "Gollwitzer weist auf den Ungeist des Nationalismus, des Antisemitismus und des Militarismus hin, die in ihren Reihen für immer überwunden sein sollten: "Die völkische Selbstanbetung fand auch unser Gefallen und der Arierparagraph spukte schon früh in einigen Wandervogelgruppen. Es ist zu unserer besonderen Beschämung geschehen, dass die gesellschaftlichen Visionen der Jugendbewegung, die uns in Deutschland zerstoben sind, von jungen Menschen in Israel heute in die Wirklichkeit übersetzt sind wie sonst nirgends in der Welt. Wenn sie uns erlauben, dann möchten wir von hier aus diese Menschen, die zu uns gehörten und aus unserem Lande vertrieben worden sind, von Herzen Grüßen!" Friedenswille angesichts des Kalten Kriegs und Solidarität mit den Völkern des Ostens - man hört den Aktivisten der Bewegung Kampf dem Atomtod und des Unterstützers der Ostermärsche heraus: "Denn eure Zukunft werdet Ihr west-deutsche und westliche Jugend nur gewinnen können zusammen mit der Jugend der anderen Völker und nicht gegen sie: also, was auch die Hetzer des Kalten Krieges in allen Lagern predigen mögen, nur mit der kommunistischen Jugend der Sowjetunion, nur mit den jungen Kommunisten und Nichtkommunisten in Polen und den anderen Ostblockstaaten, nur mit der Freien deutschen Jugend, wie sie sich selbst nennt, ohne es leider zu sein, mit den jungen SED-Leuten und den jungen Christen in der DDR - und sicher auch nur zusammen mit der Jugend Chinas und der farbigen Völker."

Hier hat der "bürgerliche" Jugendbewegte Gollwitzer die zeitgenössischen Falken eindeutig links überholt. Der die Auseinandersetzung mit Anhängern der Ostermarschbewegung und deren Ausschluss sind der wesentliche innerverbandliche Konflikt bei den Falken in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. "Gollwitzers Rede wurde nicht einstimmig akzeptiert, aber sie wurde von 5000 Menschen angehört, um sich mit ihr auseinanderzusetzen", wie ein zeitgenössischer Bericht anmerkt.[17]

Der Bundesjugendring, dem immerhin drei mitveranstaltende Organisationen (Bund Deutscher Pfadfinder BDP, evangelische Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands CPD und die katholische Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg) des Meißnertreffens angehörten, nahm nicht Teil, sondern verabschiedete eine Stellungnahme, die sich mühsam zu einer Anerkennung historischer Verdienste der deutschen Jugendbewegung durchrang, jedoch gleichzeitig einen deutlichen Strich zwischen sich und der alten Jugendbewegung und den sie repräsentierenden Bünden zieht.[18] Auch die lokale Gliederung der Falken, der Bezirk Hessen-Nord mit Hauptsitz in Kassel, nahm die ganze Veranstaltung nicht zur Kenntnis: "Das ist an uns vorbeigegangen! Unsere Bündnispartner waren die Naturfreunde, die Solidarität-Jugend und die DGB-Jugend. Mit der Bündischen Jugend hatten wir keine Berührung",[19] so Fritz Kistner, der damalige Bezirksvorsitzende. Die Position der Bündischen ist nicht weniger distanziert: Man grenzt sich energisch von den "Jugendabteilungen gesellschaftlicher Großorganisationen, die unter dem irreführenden Namen ‚Jugendverbände‘ im Bundesjugendring zusammengeschlossen sind" ab. "Diese ‚Jugendverbände‘ haben in der Vergangenheit die Gelegenheit oft und gern ergriffen, sich von uns und der Jugendbewegung überhaupt zu distanzieren; lasst uns ihnen dafür danken und ihnen versichern, daß das vielleicht der einzige Punkt ist, in dem wir übereinstimmen… Die, die uns als ‚Restformen eines überholten Stils des Jugendgemeinschaftslebens‘ abtun wollen, haben selbst nie einen Stil gehabt, den sie hätten wandeln können; bestenfalls hatten sie etwas Methode, vor allem aber Taktik."[20] Hans-Albrecht Pflästerer, Bundesvorsitzender der deutschen evangelischen jungenschaft (dej) sekundiert: "Manchmal glaubt ein Bund, die Ebenbürtigkeit mit den ‚großen Jugendverbänden‘ hebe ihn. Er irrt."[21] Den beleidigten Stolz hört man deutlich! Wenn man sich die genannten Tagesordnungspunkte der Bundesvorstandssitzung der Falken vom gleichen Monat und die Zielbestimmung der Entschließung des Bundesjugendringes ansieht und mit der "Grundsatzerklärung der jungen Bünde" oder gar den Ausführungen Gollwitzers vergleicht, so fragt man sich, worin die Gründe der scharfen Abgrenzung voneinander liegen. Trotz deutlich erkennbarer unterschiedlicher Gewichtungen im Detail überwiegen die inhaltlichen Gemeinsamkeiten. Allerdings dürfte das Bild, das die unterschiedlichen bündischen Gruppen im Lande von sich zeichneten oft deutlich von der Position Gollwitzers abgewichen sein. Das noch immer martialisch-soldatische Auftreten und die Landsknechtsromantik vieler Bünde hat für Außenstehende vermutlich oft die inzwischen durchaus vorhandene demokratische Substanz überdeckt.

2013 Getrennte Feiern

Auch im neuen Jahrhundert nichts Neues? Zunächst ist festzuhalten, dass sich das Umfeld der Jugendarbeit verändert hat: Die alten sozialen Milieus haben sich weitgehend aufgelöst. Die Entscheidung zu den Falken oder zu den Pfandfindern (oder wo es sie überhaupt noch gibt, den Wandervögeln) zu gehen wird nicht mehr primär durch die eigene gesellschaftliche Lage bestimmt. Entscheidend sind persönliche Freundschaften, Kinderfeste oder zufällige Begegnungen geworden, die einem Zugang zu der einen oder der anderen Gruppe verschaffen.[22] Auch die Falken, als organisatorische Erben der historischen Arbeiterjugendbewegung organisieren kaum Kinder und Jugendliche aus den neuen Präkariat, es fällt ihnen wie allen anderen Jugendverbänden schwer, Menschen mit "Migrationshintergrund" über die Teilnahme an Zeltlagermaßnahmen im Kindesalter hinaus zu binden. Dennoch ist das Bedürfnis der Bündischen nach Abgrenzung ungebrochen: Bereits auf seiner zweiten Sitzung 2010 in Hofgeismar entschied die "Bundesführerversammlung zur Vorbereitung des hundertjährigen Meißnerjubiläums", dass die Falken als politischer Jugendverband unerwünscht seien. Auch sonst ist die Fähigkeit der bündischen Veranstalter zur Integration gering: Der Ring Junger Bünde in Hessen ist inzwischen aus der Vorbereitung des zentralen bündischen Gedächtniszeltlagers ausgestiegen[23] und weiterhin bestehende Bünde, die 1963 zu den Mitveranstaltern zählten, tauchen dort nun nicht auf. Offensichtlich reichen die Gemeinsamkeiten für eine gemeinsame Veranstaltung selbst der bürgerlichen Jugendbewegung nicht mehr aus. Die nunmehr unter Beteiligung der Falken - voraussichtlich in Weimar - geplante Veranstaltung verbindet in ihrem Aufruf die Meißnertradition als den ersten Ausdruck jugendlicher (und jugendpolitischer) Selbstartikulation mit den historischen Anliegen der Arbeiterjugendbewegung: Selbstbestimmung, Gestaltungsmacht und die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und in Gesellschaft und Staat muss jede Jugend erneut erkämpfen. Sie setzen demokratische Entscheidungsstrukturen und die Partizipation aller am gesellschaftlichen Reichtum - nicht nur seiner kulturellen Ausprägung - voraus. Diese alten Erkenntnisse der Jugendbewegung gelten angesichts einer medial durchdrungenen und multikulturellen Lebenswelt, in der Kinder und Jugendliche heute aufwachsen weiter. Es gilt im Bewusstsein der eigenen Tradition hierfür angemessene Formen zu entwickeln. Dem soll der Aufruf zu "Weimar 13" und die geplante Veranstaltung Rechnung tragen: "Wir sind mehr als Eure Fortsetzung! Weimar 2013: Hundert Jahre selbstorganisierte Jugend"

I. Woher wir kommen:

Zu Beginn des 20. Jh. formulierten junge Menschen in Europa ihr Recht auf Eigenständigkeit, Jugend als Recht zum neu Beginnen und Anderssein. Im Jahre 1913 forderten Vertreter der deutschen Jugendbewegung zum ersten Mal die Anerkennung der Jugend als selbstbestimmten Lebensabschnitt, jenseits der Zumutungen von Familie, Gesellschaft und Staat: "Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei."

Anders als viele damals meinten, bewegten sie sich hierbei nicht außerhalb der bestehenden Gesellschaft in einem eigenen "Jugendreich". Ihr Anliegen war trotz verbreiteter Politikverweigerung politisch und individuell zugleich. In Abgrenzung zu den offiziellen patriotischen Hundertjahrfeiern der sog. Völkerschlacht bei Leipzig kamen sie 1913 friedlich zusammen, um ihr Verhältnis zur Welt selbstständig zu bestimmen und Stellung zu nehmen:

Gegen die individuellen Anforderungen der Eltern nach sozialer Anpassung, schnellem Studium, Berufsausbildung, Familiengründung und reibungsloser berufliche Karriere.

Gegen überkommene gesellschaftliche Zwänge und erstarrte Konventionen.
Gegen staatliche Anforderungen an politische Konformität und militaristischen Patriotismus.
Für die Erprobung neuer Formen des Zusammenlebens.

Für eine Neubestimmung der eigenen kulturellen Identität.

Für eine Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens und der staatlichen Verfassung.

Anders als in der schulisch-patriotischen Erziehung, in den Kriegerverbänden und Jungfräuleinvereinen forderten die in der Freideutschen Jugend vereinten Jugendlichen für sich einen Freiraum, in dem das Ausprobieren authentischer Formen des Zusammenlebens, das Diskutieren eigener gesellschaftlicher und politischer Perspektiven möglich sein sollte.

Die organisierte Arbeiterjugend, die Jungarbeiterinnen Jungarbeiter, Dienstmädchen und Lehrlinge, die sich gegen das Züchtigungsrecht ihrer Ausbilder, gegen Ausbeutung und persönliche Abhängigkeit zur Wehr setzen wollte, durfte sich zu dieser Zeit noch nicht öffentlich artikulieren. Erst 1920, nach Begründung der ersten deutschen Demokratie, traf sie sich an Goethes Geburtstag in Weimar und postulierte ihren Anspruch auf Teilhabe an der Kultur für alle gesellschaftlichen Schichten und bekannte sich zu der am selben Ort gerade ausgerufenen demokratischen Republik. Jugendschutz in den Betrieben, Zugang zu Bildung und die Forderung nach einem Freiraum für selbstbestimmte Aktivitäten in der Freizeit, nach Achtung und Partizipation an den gesellschaftlichen Entscheidungen über die gesellschaftliche Zukunft standen hier im Vordergrund. Auch an diese frühe Manifestation jugendlichen Gestaltungswillens knüpfen wir an.

Selbstbestimmung und das Streben nach Eigenverantwortung waren die gemeinsamen Nenner der im Übrigen politisch, konfessionell und sozial höchst heterogenen Jugend. Tragischer Weise hatte ihre große Mehrheit angesichts des Krieges versagt: Kein Jahr nach dem Meißnertag zogen begeisterte Wandervögel und Arbeiterjugendliche in den Weltkrieg ohne zu erkennen, dass eine zynische Gesellschaft ihren idealistischen Überschwang missbrauchte. Ein großer Teil von ihnen bezahlte dafür mit dem Leben. Die Jugend ist nicht klüger als die übrige Gesellschaft, Antisemiten, Frauenfeinde und Gegner einer demokratischen Zukunft Deutschlands spielten auch in der Jugendbewegung eine viel zu gewichtige Rolle. Dennoch gingen aus den Reihen dieser Jugendbewegungen in den Jahren nach 1918 Reformpädagogen, Pazifisten, Parlamentarier der demokratischen Parteien, Gewerkschaftler, Frauenrechtlerinnen und innovative Kulturschaffende - wesentliche Träger der demokratischen und kulturell lebendigen neuen Gesellschaftsordnung hervor. Aber auch Aktivisten des völkischen Lagers bis zu Funktionären NSDAP und der SS sowie auch führende Mitglieder der KPD und spätere Repräsentanten des DDR-Regimes brachte sie hervor. Auch unter denen, die den Diktaturen widerstanden waren viele Jugendbewegte.

II Wohin wir wollen

Daher wollen wir - hundert Jahre später - versuchen die richtigen Konsequenzen aus dieser Geschichte zu ziehen: Auch heute wird ein großer Teil der in Deutschland lebenden Jugendlichen aus alteingesessenen und besonders aus eingewanderten Familien eine ihren Fähigkeiten entsprechende Teilhabe an Bildung und Erfolgschancen in unserer Gesellschaft vorenthalten. Die Forderung, der Jugend einen Freiraum zu Selbsterprobung und Selbstbestimmung jenseits aller gesellschaftlichen Anforderungen zu behaupten, bleibt aktuell: Auch heute versucht eine repressive Schulpolitik das Lernen nicht mehr an den Bedürfnissen junger Menschen, am Heranwachsen einer selbstbewussten, kreativen und kritikfähigen jungen Generation zu orientieren, sondern versucht in möglichst kurzer Zeit arbeitsmarktfähige "Produkte" herzustellen. Die kurzfristigen Bedürfnisse der Wirtschaft drohen die Inhalte aus Schule, Berufsbildung und Universität zu verdrängen, die mündige Bürger wissen müssen, um eine demokratische und pluralistische Gesellschaft mit Leben erfüllen zu können. Die Kommerzialisierung jugendlicher Freizeitangebote geht auf Kosten des Erlernens sozialer und demokratischer Kompetenzen. Authentische, nicht kommerziell korrumpierte soziale Beziehungen bleiben ein menschliches Grundbedürfnis. Soziale und kulturelle Identität sollen nicht übergestülpt werden, sondern müssen immer wieder neu und eigenständig angeeignet werden. Das Recht auf jederzeit neues Beginnen muss gewahrt werden! "Demokratie will gelernt sein", diese alte Forderung der sozialistischen Arbeiterjugend bleibt aktuell, hinzugetreten ist die Notwendigkeit sich souverän in einer pluralistischen, multikulturellen und multimedialen Gesellschaft bewegen zu können. Innerer und äußerer Friede bleibt eine Grundvoraussetzung jedes Zusammenlebens. Die Grundlagen für all dies werden wesentlich in der Phase der Jugend und des jungen Erwachsenseins gelernt. Aus diesem Grunde stellen wir, Vertreter der aktuellen Jugendbewegungen in Deutschland, uns heute in die Tradition der Jugend seit 1913: Wir wollen aus eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit in einer globalen Gesellschaft unsere Zukunft gestalten. Dazu gehört:

  • Verständnis und Wertschätzung für Menschen mit anderem kulturellen, konfessionellen und ethnischem Hintergrund in unserem Land zu fördern, ohne unsere universalen, an Menschenrechten und Demokratie orientierten Werte zu verleugnen,
  • allen Nachwachsenden frei von Geschlechterstereotypen und ökonomischer Ausgrenzung eine umfassende soziale, kulturelle und intellektuelle Entwicklung und Bildung zu ermöglichen,
  • die Fähigkeit, Konflikte in unserer Gesellschaft zu erkennen und in friedlicher Form Lösungen auszuhandeln, um die gemeinsamen Herausforderungen eines weltoffenen Deutschlands in einem geeinten Europa zu meistern,
  • die ökologischen und ökonomischen Probleme auf eine humane Weise zu lösen, die nicht auf Kosten der Menschen in anderen Teilen der Welt geht.

Wir wollen entwickeln, was in uns liegt - wir sind mehr als die Fortsetzung dessen, was heute ist!

Bisherige Unterstützer: (Stand Ende Oktober 2012)
SJD-Die Falken (bisher: Bundesvorstand, Kreisverband Berlin-Neukölln, Bezirk Hannover),

Haschomer Hazair Deutschland,
Wandervogel e.V.
Bund der Alevitischen Jugendlichen e.V.


[1] Die Mundorgel , Neubearbeitung 1982, Lied Nr. 170, "Aus grauer Städte Mauern", Text v. Hans Riedel, Melodie v. Robert Götz, bzw. Das Echo, hg. von Kalli Prall, 2. Aufl. Bonn 1957, S. 148, Lied "Aus grauer Städte dunklen Mauern", Text v. R. Holzinger, polnische Melodie. ^

[2] Das Echo, hg. von Kalli Prall, 2. Aufl. Bonn 1957, S. 14, Lied "Wir sind jung, die Welt ist offen", Text v. Jürgen Brand, Melodie v. Michael Engert. ^

[3] Ein Todesopfer der Jungdeutschen, in: Arbeiter-Jugend 5 (1913), H. 25, S. 391. ^

[4] Im September 1913 teilte die Redaktion stolz mit, dass die AJ nunmehr 100.000 Abonnenten habe ^

[5] In der Zeitung Der Naturfreund des Jahres 1913, S. 69, erscheint ein Bericht über eine Wanderung "In der hessischen Schweiz", in der der Meißner gestreift, auf die Jugendbewegung jedoch kein Bezug genommen wird (möglicherweise handelt es sich um einen Wanderbericht vom Herbst 1912). ^

[6] Ernst Främke hat Anfang der Neunzigerjahre diese Anekdote mehrfach erzählt. ^

[7] Gustav Mittelstraß (Hg.), Freideutscher Jugendtag 1913. Reden von Bruno Lemke, Gottfried Traub, Knud Ahlborn, Gustav Wyneken, Ferdinand Avenarius, 2. Aufl. Hamburg 1919, S.44 (nachgedruckt in: Winfried Mogge, Jürgen Reulecke, Hoher Meißner 1913. Der Erste Freideutsche Jugendtag in Dokumenten, Deutungen und Bildern, Köln 1988, S. 304). ^

[8] Rudolf Lindau, Massenausflug der Hamburger Arbeiterjugend, in: Arbeiter-Jugend 5 (1913), H. 19, S. 296. ^

[9] Paul Ristau, Bezirksjugendtag in Kiel, in Arbeiter-Jugend 5 (1913), H. 19,. S. 295. ^

[10] So in einem Artikel in Junges Deutschland Nr. 50/51 vom 23.13.1920, zitiert nach: Walter Rüdiger, Weimar, ein Rückschritt?, in: Arbeiter-Jugend 13(1921), H. 1, S. 23. ^

[11] Das Weimar der Arbeitenden Jugend. Niederschriften und Bilder vom ersten Reichsjugendtag der Arbeiterjugend vom 28. Bis 30. August 1920 in Weimar, hg. v. Hauptvorstande des Verbandes der Arbeiterjugendvereine Deutschlands, Sitz Berlin, bearb. v. E.R. Müller, Magdeburg, Seite 25 f. ^

[12] Protokoll der Sitzung des Bundesvorstandes vom 5./6. Oktober 1963 in Ludwigshafen ^

[13] Heinz Warmbold, Vom Ungeist der deutschen Jugendbewegung, in: Junge Gemeinschaft 15 (1963), H. 10, S. 2 f. ^

[14] Erich Weinert: Gesang der Edellatscher. In: Weinert. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1976, S. 67 f. ^

[15] Grundsatzerklärung der jungen Bünde zum Meißnertag 1963. Auf der Homepage der Jugendburg Ludwigstein, zuletzt eingesehen am 31. August 2012 ^

[16] Ebd. ^

[17] Ernst, Günter Der Meißnertag 1963. Wiedersehen der Alten - Debüt der bündischen Jugend, in: Blickpunkt Nr. 124, November/Dezember 1963, S. 22 ^

[18] Stellungnahme des Deutschen Bundesjugendrings vom 1.10.1963, in: Solidarität, Monatsschrift für gewerkschaftliche Jugendarbeit 1963, S. 214 f. ^

[19] Fritz Kistner in einem Telefongespräch mit dem Autor am 31. August 2012. ^

[20] Kommentar in "der eisbrecher", zitiert nach: ijpd, Internationaler Jugendpressedienst, Jahrgang XIII, Folge 532 vom 10.10.1963, S. 6. ^

[21] Ebd. S. 6 ^

[22] Mit uns zieht die neue Zeit! Sozialistische Jugend zwischen Sozialdemokratie, Reformpädagogik und Jugendbewegung, in: Kay Schweigmann-Greve, Ilse Wellershoff-Schuur (Hg.), Auf dem Weg. Festschrift für Peter Lampasiak, Hannover, 2008, S. 149-169. ^

[23] rjbhessen.blogspot.de/ (zuletzt eingesehen am 01.09.2012). ^