Drogenpolitische Positionierung

22.10.2014: Der Bundesausschuss hat am vergangenen Wochenende die folgende drogenpolitische Einschätzung beschlossen.

Die SJD - Die Falken vertritt unten stehende Einschätzung des Rauschmittelkonsums.

Der Bundesvorstand macht diese durch Aushang an der Bar und im Raucher*innenbereich auf allen Veranstaltungen, die sich auch an junge Erwachsene richten, offen zugänglich. Die Einschätzung wird ergänzt durch eine Liste von gängigen Rauschmitteln, ihrer Schönheit und ihren Gefahren.

Diese Liste und auch die hier angeführten Einschätzungen werden in einer Form aufbereitet, die zur Auslage/ zum Aushang auf Bundesveranstaltungen im SJ-Bereich geeignet ist. Dafür werden die Liste und die Positionen ergänzt durch einen Einführungstext, der klarstellt, warum wir möglichst wertfrei über Drogen aufklären möchten. Dabei stellt der Text auch klar, dass wir nicht den Drogenkonsum fordern oder fördern und dass wir auch verschiedene Problematiken in Konsum und Auswirkungen von Konsum sehen.

Eine pädagogische Aufbereitung dieser Einschätzungen und der Liste sollen wichtige Punkte unserer Verbandspraxis werden.

Text der Einschätzung:

Wir wissen, dass die Möglichkeiten, sich eine gute Zeit zu verschaffen, im Kapitalismus äußerst begrenzt sind. Daher nehmen die Falken zur Kenntnis, dass Menschen sich berauschen, um sich eine solche gute Zeit zu verschaffen. Darüber hinaus werden Drogen dazu eingesetzt, um in Konkurrenz und unter Leistungsdruck besser bestehen zu können.

Wir sind alle auf die eine oder andere Art beschädigt, haben die einen oder anderen Probleme. Manche von uns versuchen, dem durch Rauschmittel zu begegnen oder versuchen, der Langeweile oder dem Stress des Alltags durch Rauschmittel zu entkommen.

Wir wollen ein Vorbild sein. Aber nicht indem wir so tun, als wären wir anders, als wir sind. Sondern indem wir unsere Probleme ansprechen, um dadurch zu entdecken, dass diese nicht bloß individuelle Probleme sind, sondern Probleme in und mit dieser Gesellschaft. Auch, indem wir erkennen und zugeben, dass wir oft keine einfachen Lösungen für diese Probleme und keinen guten Umgang mit ihnen finden. Wir diskutieren sie mit anderen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Obwohl sich manche Probleme gemeinsam lösen lassen, nehmen wir zur Kenntnis, dass uns die herrschenden Verhältnisse bei der Lösung vieler anderer Probleme im Wege stehen.

Wir lehnen die Heuchelei ab, mit der alle sich wechselseitig versichern, sie kämen schon klar, während sich alle fürchten und sorgen. Wir kritisieren, dass die Menschen sich präsentieren, als wären sie super, während wir und alle anderen von Selbstzweifeln zerfressen sind. Wir lehnen es deshalb auch ab, so zu tun, als sei uns die Flucht in den Rausch fremd, wenn dies nicht der Wahrheit entspricht, und erklären stattdessen offen den Genuss, den die Rauschmittel bereiten können sowie ihre Nebenwirkungen.

Wir weisen darauf hin, dass sich mit dem konkreten Konsum konkreter Rauschmittel konkrete Nebenwirkungen ergeben. Wir dokumentieren diese Nebenwirkungen in einer extra Liste.

Das Ausgeführte zeigt: Sucht wird als Krankheit des Willens gefasst: Man kann nicht wie man will, weil man auch gleichzeitig etwas anders will; etwa mit dem Rauchen aufhören und eine rauchen. Die Vorstellung und die zentrale Bedeutung eines freien Willens und eines Individuums, das sich bewusst und freiwillig zu seiner Umwelt stellt, sind Produkt der bürgerlichen Gesellschaft. In ihr sind die Einzelnen zugleich von Tradition und Schicksal emanzipiert. Abhängigkeit ist vor diesem historischen Hintergrund ein Problem. Zugleich wird dem Individuum zum Problem, dass es doppelt frei ist: es darf, soll und muss sich mit Willen zu allem möglichen stellen, gleichzeitig ist es - soweit es lohnabhängig ist - aber auch "frei" von allen Mitteln, die es zum Bestreiten seines Lebens braucht.

Neben diesen konkreten Gefahren der konkreten Rauschmittel besteht fast immer die Gefahr der Sucht.

Wir weisen nachdrücklich darauf hin, dass die Sucht in Widerspruch zu dem steht, was diejenigen, die sich berauschen wollen, im Rausch suchen: sie macht den Süchtigen den Alltag ohne Droge noch unerträglicher, als er ohnehin bereits ist. Die Droge hört in dem Moment auf, in erster Linie ein Mittel zu sein, sich eine schöne Zeit zu verschaffen, und wird vornehmlich ein Mittel, um die eigene Sucht zu befriedigen. Unabhängig davon, ob Sucht nun heißt, immer auf der Suche nach dem Genuss zu sein, den man vor der Abhängigkeit beim Konsum verspürte, das Gefühl, ohne die Droge seinen Alltag nicht bewältigen oder überhaupt nicht mehr leben zu können, oder eben körperliche Abhängigkeit. Verglichen mit der Befriedigung der Sucht wird alles andere nebensächlich - andere schöne Dinge kann man so kaum mehr genießen. Wir verlieren in ihr ein weiteres Stück freier Verfügung und müssen stattdessen einem weiteren Zwang Folge leisten.

Wir weisen jedoch auch nachdrücklich darauf hin, dass die schädlichen Folgen der Sucht fast immer auch eine soziale Komponente haben: Krankheit und Elend sind nicht einfache Folgen der stofflichen Seite der Droge und ihres Konsums, sondern des Umstandes, dass wir nur über begrenzte Mittel zur Gestaltung unseres Lebens verfügen und wir, einmal süchtig, Prioritäten zu setzen gezwungen sind, die unser Dasein erst wirklich elendig machen. Wer das wenige Geld, das er oder sie hat, für Drogen ausgeben muss, kann es nicht für Essen und Wohnen ausgeben und muss die Folgen schlechter Unterbringung und mangelnder Ernährung ertragen. Die Reichen hingegen können ihren Konsum bezahlen, ohne Abstriche an ihrer sonstigen Lebensqualität zu machen.

Wir nehmen zur Kenntnis, dass der Staat sich einen Dreck darum schert, ob Schule, Arbeit und Uni uns krank machen, solange wir unseren Aufgaben nachkommen, aber plötzlich ein umfassendes Interesse an unserer Gesundheit entdeckt, wo Schäden entstehen, die Folgen eines Genusses oder einer Sucht sind, die nicht verwertbar sind. Deswegen kritisieren wir das staatliche Regime über unsere Körper, die den Staat bloß als die Körper seiner Staatsbürger*innen und Arbeitskraftbehälter interessieren.

Vor dem Hintergrund dieser Einschätzung fordert die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken:

  • Ein Ende der Stigmatisierung und Kriminalisierung von Drogenkonsument*innen
  • Die Legalisierung aller Rauschmittel

  • Die staatliche Kontrolle über Produktion und Abgabe von Rauschmitteln sowie regelmäßige Qualitätskontrolle
  • Den Ausbau von Maßnahmen und Einrichtungen, die die Lebenssituation von Süchtigen verbessern
  • Den Ausbau von Maßnahmen und Einrichtungen, die Süchtige dabei unterstützen, clean zu werden oder die eigene Sucht zu kontrollieren

  • Eine steuerfinanzierte Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken der Selektion in Schule und Universität, von Armut und von Lohnarbeit, dabei besonders schwerer körperlicher Arbeit, monotoner Arbeit, Überstunden und Stress.
Zugehörige Dateien:
Positionen_BA_2_2014 Drogenpolitik.pdfDownload (120 kb)