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Position

26.03.2026

Frauen im Digitalen Raum

beschlossen im März 2026 durch die Delegierten der Bundesausschuss-Sitzung in Bremerhaven

Unsere Positionen BA 2026-1
Unsere Positionen BA 2026-1

Wir bewegen uns alle tagtäglich im Internet, gerade junge Menschen haben soziale Medien schnell zur Hand und sind häufig Zielgruppe von Videos, in denen Männern erzählt wird, wie sie echte Männer und Frauen wie sie gute (Haus-)Frauen werden. Dabei nehmen Sexismus und Misogynie immer weiter zu und werden normalisiert. Heteronormative Rollenbilder fluten unsere Bildschirme.

Influencerinnen sind ein zentrales Phänomen sozialer Medien. Entgegen der Erzählung von individueller Selbstverwirklichung reproduzieren sie sich innerhalb kapitalistischer Marktlogiken und prägen insbesondere das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen. Sie fungieren nicht nur als Werbeflächen, sondern als alltagsnahe Instanzen der Meinungsbildung – ohne pädagogischen Auftrag, aber mit erheblicher gesellschaftlicher Wirkung.

Es überrascht dabei nicht, dass auch die digitale Welt von unterschiedlichen Geschlechterverhältnissen, ideologischen Ressentiments und Gewalt geprägt ist.

Auch geschlechtsspezifische Gewalt ist nichts Neues, sondern existierte bereits im Nicht-Digitalen. Wir setzen uns mit verschiedenen Beispielen von Herrschaft durchzogener Praxen, Formen expliziter und impliziter Gewalt und verschiedenen (Selbst-) Bildern und binären Geschlechterstereotypen in Bezug auf Männlichkeit und Weiblichkeit auseinander. All diese Erscheinungsformen prägen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und müssen in unsere Analysen, aber auch unsere Praxis Einzug finden.

Gewalt an Frauen im Netz

Digitale Gewalt umfasst ein breites Spektrum: Hate Speech, sexualisierte Gewalt, Stalking oder Bedrohungen. Social Media ist ein Sammelbecken misogyner Kommentare. Frauen werden direkt oder indirekt beleidigt aufgrund ihres Aussehens, ihres Verhaltens oder ihrer Meinungen, die sie im Internet teilen. Das kann sogar so weit führen, dass Frauen auch außerhalb des Internets nicht nur angesprochen werden, sondern auch verfolgt, gestalkt oder angegriffen werden.  Digitale Gewalt dient also der Einschränkung der Diskursteilhabe, schüchtert Betroffene ein und wirkt als „Platzverweis“ aus öffentlichen und beruflichen Räumen.

Es ist unsere Aufgabe, uns gemeinsam mit unseren Teilnehmer*innen und dem Thema Gewalt im digitalen Raum auseinander zu setzen, gemeinsame Erfahrungswerte auszutauschen und ihnen bei akuter Betroffenheit zu helfen und beizustehen.

Tradwives

Eine weitere Zurichtung von Frauen geschieht durch die Tradwife-Bewegung, die maßgeblich im digitalen Raum stattfindet.

Tradwives sind Influencerinnen, die, insbesondere auf Instagram und TikTok, in ihren Videos ein traditionelles Frauenbild darstellen und propagieren. Damit sind sie zumindest anschlussfähig an rechte Ideologien. Viele Tradwife-Accounts werden aber auch ganz bewusst von rechten Akteurinnen betrieben, die gezielt und aktiv als vermeintlich unpolitische Hausfrauen rechte Ideologie verbreiten und normalisieren.

Tradwives romantisieren die Vorstellung, dem Mann untergeordnet zu sein und begreifen es als ihren Lebenssinn, Kinder zu kriegen und den Haushalt zu organisieren – das alles nicht nur während sie immer perfekt aussehen, sondern am besten auch alles von Hand machen und Modernes so weit wie möglich meiden. Dabei wird vernachlässigt, dass sie ihren Content mit neuester Technik produzieren und ihr Geschäftsmodell als Influencerinnen nur aufgrund von Medientechnologien des 21. Jahrhunderts wie Social Media existiert.

Trotz ihres Erfolgs positionieren sie sich gegen Lohnarbeit von Frauen. Sie stehen als Symbol für die Rückkehr zur Rolle der traditionellen Hausfrau und damit „zur guten alten Zeit“. Dabei wird Care-Arbeit stark romantisiert. Die vermeintlich individuelle Entscheidung für dieses Leben verwischt Machtverhältnisse und blendet die gesellschaftlichen Gegebenheiten aus.

Sie wollen sich vermeintlich dem Neoliberalismus entziehen und glorifizieren Reproduktion statt Produktion. Spannend ist, dass sich diese Bewegung gegen die neoliberalen Umstrukturierungen der Gesellschaft wendet und gesellschaftliche Widersprüche dabei aufgreift. Jedoch wird hierbei nicht der Kapitalismus kritisiert, sondern es werden Feindbilder gesucht, wie zum Beispiel die Liberalisierung des Geschlechterregimes, was sich übersetzt in Antifeminismus und Transphobie. Während Männer auf diese Krise der Moderne mit männlicher Stärke als Ausweg antworten, berufen sich Tradwives auf (weiße) traditionelle Weiblichkeit zurück. Dabei entsteht eine positive Umdeutung vom Aufgeben der geistigen Eigenständigkeit und eine Abgrenzung zur feministischen Frau.

Die Geschlechtervorstellungen verbleiben im binären System. Die Geschlechterordnung wird als natürlich gegeben dargestellt und nicht als gesellschaftlich hergestellt. Ideologische Inhalte werden mit Alltäglichem, wie dem Kleidungsstil, verknüpft und verfestigen dadurch Geschlechterrollen.

Mädchen und junge Frauen begegnen Tradwives in ästhetischen Videos auf allen möglichen Plattformen. Sie greifen dabei einen in unserer schnelllebigen Gesellschaft tatsächlich vorhandenen Leidensdruck auf und versprechen einen vermeintlichen Ausweg durch die propagierte Lebensweise. Dieser ist jedoch geprägt von rechter Ideologie und Abhängigkeit. Kinder und Jugendliche laufen Gefahr, dieses Bild von einem Lebenskonzept zu verinnerlichen und unhinterfragt übernehmen zu wollen. Deshalb ist es wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen, mit ihnen kritisch die Inhalte aufzuarbeiten und ihnen andere Lebensentwürfe zu zeigen und vorzuleben.

Fitness- und Skincare-Influencerinnen

Fitness- oder Skincare-Influencerinnen als Beispiel richten sich gezielt an junge Frauen mit Trainingstipps, Hautprodukten und Ernährung. Die vermeintliche Vielfalt in Form eines Überangebots mündet in ein normiertes Körperbild. Der Körper erscheint als Projekt permanenter Optimierung, bestimmt durch Disziplin, Willenskraft und reglementierte Ernährung.

Floskeln von Body Positivity und Selbstakzeptanz brechen die zugrunde liegenden Normen nicht auf, sondern stabilisieren diese. Selbst vermeintlich emanzipatorische Angebote enden in individuellen Ratschlägen: Man müsse den negativen Blick auf den eigenen Körper selbst „verlernen“, sich positiv bestärken oder an sich arbeiten. Widerstand gegen Schönheitsnormen wird so zur persönlichen Aufgabe, besonders von Mädchen und Frauen. Diese Body-Positivity- Formate erschließen dabei auch neue Zielgruppen – nicht zur Infragestellung des Marktes, sondern zu seiner Diversifizierung.

Sowohl Fitness- als auch Skincare-Influencerinnen sind in klare Marktlogiken eingebunden. Statt Klassenzugehörigkeit oder struktureller Ungleichheit stehen der „Hauttyp“ oder die Körperform im Zentrum. Gesellschaftliche Bedingungen werden auf individuelle Defizite reduziert. Am Ende stehen fast immer Produkte.

Mädchen und junge Frauen gelten als primäre Zielgruppe, da sie sich häufiger als „defizitär“ wahrnehmen und besonders anfällig für Versprechen schneller Lösungen sind.

Dazu entsteht durch Interaktivität und hohe Posting-Dichte der Eindruck von Nähe: Die Influencerin erscheint wie eine Freundin, deren Alltag man kennt. Influencer*innen erscheinen als individuelle Vorbilder, agieren jedoch innerhalb kapitalistischer Marktlogiken. Unter dem Label von Selbstliebe, Body Positivity und vermeintlicher Gesundheitsförderung reproduzieren sie normierte Schönheitsideale, individualisieren gesellschaftliche Probleme und verlagern Verantwortung auf Einzelne.

Es geht nicht darum, seinen Körper kennen zu lernen und einen Umgang mit dem eigenen Aussehen zu finden, sondern um Selbstoptimierung, Objektifizierung und darum, sich unter zu ordnen.

Für Kinder und Jugendliche bedeutet dies die frühe Internalisierung von Leistungs-, Disziplin- und Konsumnormen am eigenen Körper. Eine feministische Pädagogik muss diese Mechanismen sichtbar machen und Räume für Körperbilder eröffnen, die nicht verwertbar, normiert und marktförmig sind.

Männer im digitalen Raum

Schönheitsideale und Selbstoptimierung werden auch Jungen und Männern über soziale Medien nähergebracht. Sogenannte „Gymfluencer“ zeigen ihre muskulösen Körper und geben Ernährungstipps oder verkaufen Supplements über ihre Werbe- Deals. Jungen Männern wird nahegelegt, ihren Körper nicht zu pflegen, sondern zu gestalten („bodybuilding“). Es geht nicht um Gesundheit oder Praktikabilität, sondern in erster Linie um eine Ästhetik der Stärke. Diese zeigt sich auch in der Inszenierung: Gymfluencer grenzen sich häufig zu Trainingsform, -art oder - gewicht von Frauen ab, stellen sich als „Lone Wolf“ dar und inszenieren sich als unemotional, kalt und fokussiert. Eine Steigerung dieser Inszenierung findet sich beim Phänomen der „Alpha-Männer“. Neben dem Aussehen und der eigenen Sportlichkeit werden die eigene Arbeit und der eigene Erfolg betont. Diese haben absolute Priorität und sollen so die Unterordnung der umsorgenden Frau rechtfertigen.

Auch diese Darstellungen von Männlichkeit gehen zurück zu patriarchalen Vorstellungen von Geschlecht. Wenn Frauen Tradwives sein sollen, sollen Männer wieder der Starke und der Versorger in der Beziehung zur Frau sein.

Vor allem das Einzelgängertum dieser Darstellung von Männlichkeit macht es für sie schwierig, Vorbilder für gute und emotionalisierte Beziehungen zu Freund*innen oder Partner*innen zu haben. Kinder und Jugendliche werden dabei oft mit ihren Gefühlen alleine gelassen und werden angehalten, sie zu unterdrücken.

Konkrete Ziele

Während viele gesellschaftliche und politische Akteure aktuell über Verbots- Regelungen diskutieren, zeigt die Studienlage klar: Kinder und Jugendliche sind durchaus selbst in der Lage, reflektiert und kritisch mit Inhalten und Konsumverhalten auf Social Media umzugehen. Es ist unsere Aufgabe, sie darin zu bestärken und begleiten.

Denn Soziale Medien haben auch positive Auswirkungen auf die Konsument*innen. Kindern und Jugendlichen ist es möglich, Leute zu finden, die „wie sie“ sind, Menschen, die gleiche Hobbies oder Gedanken haben. Sie entwickeln soziale Netzwerke und Freundschaften. Außerdem fördern soziale Medien Kreativität, sei es durch das praktische Produzieren von Videos oder durch Ideen, was man umsetzen könnte, entweder im Spiel mit Freund*innen oder auf den Plattformen. Kinder und Jugendliche haben die Chance, ihre Gedanken und Kreativität mit Fremden zu teilen und Anerkennung für sich selbst oder ihre Arbeit zu bekommen, was zu Hause vielleicht nicht der Fall ist.

Außerdem kann der digitale Raum bei richtigem Umgang durchaus für die Beschaffung von Informationen geeignet sein. Weiterhin können differenzierte, kreative oder humoristische Inhalte die (politische)Haltung junger Menschen positiv beeinflussen.

Bei den Falken beschäftigen wir uns tagtäglich mit dem Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie konsumieren auf unseren Veranstaltungen diese Videos, sie tauschen sich über Gesehenes aus und wollen die Dinge, die sie dort sehen, selbst ausprobieren und machen. Das bedeutet für uns, dass wir wissen müssen, wie wir uns mit den Themen auseinandersetzen und Räume schaffen, in denen wir sie besprechbar machen können, sodass unsere Teilnehmenden das Gesehene reflektieren und einordnen können.

Das bedeutet konkret für uns:

  • Die Gliederungen nehmen Mädchen & Frauen im digitalen Raum in ihrer Medienpädagogik und Mädchenarbeit auf und denken diese Thematik mit.
  • Die MFPK wird einen Workshop zu den Phänomenen und zur Implementierung in unsere Pädagogik bei der Verbandswerkstatt anbieten.
  • Die MFPK wird Artikel zu der Thematik in unseren Verbandspublikationen veröffentlichen.
  • Der Bundesvorstand entwickelt bis zum nächsten BA ein Konzept zum pädagogischen Umgang, das gezielt Jungen und Männer sowie deren Geschlechterbild im digitalen Raum und die Aufarbeitung dieser Phänomene behandelt.
  • Der Bundesvorstand schreibt zum nächsten BA zusammen mit interessierten Gliederungen einen Antrag zu Geschlechterbildern im digitalen Raum.

Bundesausschuss in Bremerhaven
Moin aus Bremerhaven

Das war unser Bundesausschuss in Bremerhaven

Schlussverkauf Bildung!
Gegen den Schlussverkauf Bildung! – Für eine nachhaltige Bildungsfinanzierung!

Wir unterstützen die Kampagne #SchlussverkaufBildung und fahren zur Kampagnen-Konferenz!

Termine

22.04.2026, 18:00

Fragebogen, Musterung – Was tun?!
Info-Veranstaltung mit der DFG-VK

22.04.2026, 19:00

Gliederungsvernetzung PSG
Sexuelle Bildung im Verband und als Teil des Schutzkonzepts

23.04.2026, 19:00

Regionale Frauenvernetzungstreffen: Nord, Ost, Süd
Kommt zum ersten regionalen Frauen-Vernetzungstreffen!

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