Keine Prüfungen oder reiche Eltern für alle!

24.04.2020: Der Vereinzelung, die durch Weiterführung von Schule an den Küchentischen und Kinderzimmern beschlossen wurde, setzen wir Selbstorganisation und Solidarität entgegen.

Im Zuge der von der Bundes- und den Landesregierungen durchgesetzten Beschränkungen wird kaum ein Thema gerade so kontrovers diskutiert, wie die systematische und flächendeckende Schließung der Schulen. Besonders, dass die Schule ihre Aufbewahrungsfunktion verliert, die garantiert, dass Eltern trotz ihrer Kinder weiterhin arbeiten können, wird immer wieder problematisiert. Die Situation der Kinder, Jugendlichen und Familien, die sich auf die neue Form von Schule über Nacht einstellen mussten, gerät dabei oft aus dem Blick. Unter der für alle Familien schwierigen Situation leiden dabei gerade diejenigen besonders, die auch sonst in der allgemeinen Konkurrenz den Kürzeren ziehen.

Die Bedingungen, unter denen gelernt werden kann, sind sehr unterschiedlich. Die einen können sich abwechselnd mit beiden Elternteilen hinsetzen und sich durch moderne Technik unterstützt durch die Schulaufgaben quälen. Den anderen ist das Arbeiten unmöglich, weil sie kein eigenes Zimmer, keinen eigenen Computer oder keine Eltern haben, die ihnen bei den Schulaufgaben helfen können. Die egalisierenden Effekte, die Schule trotz der massiven Ungleichheit hatte, werden ganz ausgeschaltet und Schule wird in Zeiten von Corona zu einem Lieferbetrieb von Aufgaben, die die Schüler*innen in einer vorgesehenen Zeit abzuarbeiten haben - ohne Rücksicht auf deren ungleiche Lebensverhältnisse. Die Funktion der Schule, eine Sortierung der Schüler*innen nach Leistung über Noten vorzunehmen, wird nicht ausgesetzt, sondern lediglich auf die Zeit nach der Wiedereröffnung der Schulen verschoben. Dabei wird sich zeigen, wer in den letzten Monaten besonders fleißig sein konnte.

Durch das Beharren auf das Ablegen der Abschlussprüfungen wird am offensichtlichsten, welche Auswirkungen der Sozialstatus auf die schulischen Leistungen, gerade in Zeiten von Corona, ausübt. Die Vorbereitungen auf Prüfungen ohne Schule werden somit allein abhängig von der Schüler*in und ihrem sozialem Umfeld. Am konsequentesten und sozial gerechter wäre daher eine Bewertung ohne Prüfungen auf Basis des bisherigen Notendurchschnitts, wie es bereits von unterschiedlichen Landesschüler*innen gefordert wurde und ein mögliches Ablegen der Prüfungen auf ausschließlich freiwilliger Basis.

Ebenfalls müssen die Schulen in Zeiten von Corona flächendeckend geschlossen bleiben. Die Tatsache, dass manche Schulen wieder geöffnet haben, während viele andere den Präsenzunterricht noch aussetzen, ist vor dem Hintergrund der Pandemie nicht nur den Schüler*innen, Lehrer*innen und Beschäftigten in der Schule gegenüber verantwortungslos, es verschärft auch die ungleichen Ausgangsvoraussetzungen für die Schüler*innen. Demgegenüber ist es vonnöten Angebote digitaler Unterrichtsformate auszubauen und dafür die entscheidende Infrastruktur zu schaffen, wie es an einigen Schulen bereits geschehen ist.

Wir müssen neben der Forderung nach Aussetzung der Schule bis zum Ende der Pandemie und einer Bewertung ohne Abschlussprüfungen auch darauf drängen, die konkrete Lebenssituation der betreffenden Kinder und Jugendlichen zu verbessern, die gerade am meisten unter der Pandemie leiden, weil sie in engen Wohnverhältnissen leben und es an digitaler Infrastruktur zuhause fehlt.

Wir setzen auch und gerade in der jetzigen Krise auf die Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen. Das bedeutet neben der Ablenkung von den schnöden Hausaufgaben durch digitale Gruppenstunden auch selbstorganisierte Hausaufgabenhilfe und das Bereitstellen von Infrastruktur wie Büchern oder Internet. Viele Falkengliederungen in der ganzen BRD stellen gerade Angebote dafür bereit. Der Vereinzelung, die durch Weiterführung von Schule an den Küchentischen und Kinderzimmern beschlossen wurde, setzen wir Selbstorganisation und Solidarität entgegen.