queer in der AJ
12.12.2008: Sozialismus braucht Vielfalt!
oder warum SozialistInnen für LGBT*1-Rechte kämpfen sollten...
Quelle: Beitrag aus der AJ Nr.3/2008 (PDF, 89 kb), S.14/15
Ungeachtet einiger Fortschritte (insbesondere für Schwule und Lesben), welche in den letzten Jahren errungen werden konnten, ist die Situation für LGBT's in Deutschland weiterhin unbefriedigend. Zwar existiert die Möglichkeit der eingetragenen Lebenspartnerschaft ("Homo-Ehe"), aber diese ist gegenüber der heterosexuellen Ehe deutlich benachteiligt. So können Adoptionen nicht gemeinsam von gleichgeschlechtlichen Paaren, sondern nur individuell von einem/einer der PartnerInnen vorgenommen werden. Vom Blutspenden sind Schwule gesetzlich ausgeschlossen, damit werden sie einer sogenannten, künstlich konstruierten HIV-Risikogruppe zugeordnet, statt die Zulassung zur Blutspende von objektiveren Kriterien für das tatsächliche Risiko einer HIV-Infektion (zum Beispiel in Bezug auf die Häufigkeit wechselnder SexualpartnerInnen) abhängig zu machen. Bei Heterosexuellen spielt das dagegen kaum eine Rolle, sie werden als "Normalfall" definiert, der als Schablone zur Abgrenzung des "Unnormalen" verwendet wird. Auch in zahlreichen anderen Fällen werden Menschen durch rechtliche Unterscheidungen an Hand sexueller Kriterien diskriminiert. Ein allgemeines Gleichstellungsgesetz lässt weiter auf sich warten.
Durch eine progressivere Gesetzgebung allein wird - bei aller Notwendigkeit - jedoch keine umfassende Verbesserung der Situation erreichbar sein. Auch andere gesellschaftliche Bereiche sind durch ein antiquiertes Familien- und Menschenbild bestimmt. Selbst in vermeintlich aufgeklärten Gesellschaftsschichten finden sich immer noch krude Verknüpfungen von Homosexualität und Pädophilie. Andernorts wird Homosexualität zwar als vorhanden akzeptiert, aber mit Sicherheit nicht als gleichwertig und gleichberechtigt angesehen. Die Sexualaufklärung in der Schule erfolgt meist nur in Bezug auf heterosexuelle Partnerschaften. Sofern über eine Person nichts anderes bekannt ist, wird vorausgesetzt, sie habe oder wolle eineN PartnerIn vom jeweils anderen Geschlecht. Gleichzeitig wird angenommen, es gäbe überhaupt nur zwei Geschlechter (verbunden mit klaren Rollenzuschreibungen). Die Existenz einer Form des "sozialen Geschlechts" wird genauso negiert wie die Existenz intersexueller Menschen, Transgender und Transsexueller. Das Erklären der heterosexuellen Beziehung zur alleinigen gesellschaftlichen Norm bezeichnet man als Heteronormativität. Diese bildet eine Basis für die (irrationale) Angst vor Homosexualität (Homophobie), die nicht selten in Feindseligkeiten und Angriffe gegenüber dem "Unnormalen" und "Fremden" mündet. Auch in Falkenstrukturen lassen sich die gesellschaftlichen Phänomene Heteronormativität und Homophobie beobachten.
Zwar sind homophobe Übergriffe bei Falken glücklicherweise eher selten, aber auch bei uns gilt es als "normal", wenn ein Junge ein Mädchen anbaggert. Tut er dies bei einem anderen Jungen, so sorgt das bestenfalls für Verunsicherung.
Selbst wenn grundsätzlich ein theoretisches Bewusstsein für queere*2 Belange (und deren Existenz) vorhanden ist, werden diese in der Gruppenarbeit, im Zeltlager oder in der Bildungsarbeit dennoch selten beachtet. Geht es um Liebe, Sex, Verhütung, Lebensweisen und anderes wird meist zunächst davon ausgegangen, dass alle heterosexuell sind; Homosexualität wird oft nicht selbstverständlich mitthematisiert.
Vielfach wird sogar in Frage gestellt, dass es überhaupt noch eine Notwendigkeit gibt, gesondert über queere Fragestellungen zu sprechen. Da fallen auch mal böse Worte über die "nervigen Schwulen, die sich immer in den Mittelpunkt drängen müssen", schließlich sei der Verband ja tolerant, weltoffen und Probleme existierten nicht.
Leider sieht die Realität oft anders aus: "Vielfalt" und "Andersartigkeit" finden innerhalb unserer Verbandsstrukturen kaum statt. Viele lesbischwule Jugendliche fühlen sich im Verband nicht aufgehoben und verlassen spätestens nach dem Coming out den Verband. Dadurch bleiben die heterosexuellen Jugendlichen meist unter sich und kommen folglich kaum in Kontakt mit anderen Formen von Liebe und Sexualität.
Gerade für Jugendliche, die feststellen, dass sie nicht der gesellschaftlichen Norm der Heterosexualität entsprechen, ist es jedoch besonders wichtig, festzustellen, dass Sie nicht nur in der Theorie akzeptiert werden, sondern auch praktisch erfahren, wie selbstverständlich die Vielfalt in unserem Verband gelebt wird. Nur dann ist es möglich, Gegenwelterfahrungen zu schaffen und unsinnige gesellschaftliche Normvorstellungen von Liebe und Sexualität glaubwürdig zu hinterfragen.
Die dafür nötige Sensibilisierung ist etwas, das alle im Verband angeht: Der Kampf um die Rechte und Belange von LGBT's ist eine selbstverständliche Aufgabe für SozialistInnen, weltweit.
"Es kommt darauf an, die Welt zu verändern!" - das gilt nicht nur für die "großen" Fragen von Armut und Reichtum, von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, sondern Sozialismus fängt im Kleinen an, zum Beispiel wenn es gelingt, in Gruppenstunden und Zeltlagern die Heteronormativität zu überwinden und Selbstverständlichkeit queerer L(i)ebenswesen vorzuleben, denn: Unser Sozialismus ist vielfältig und bunt!
1 Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender = Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (Begriff für Abweichungen von der sozialen Geschlechtsrolle bzw. den sozialen Geschlechtsmerkmalen)
2 umfassende Bezeichnung für sich nicht-heterosexuell definierende Menschen








