Armut von Kindern bekämpfen - Reichtum umverteilen
28.05.2001: Beschluss der 29. Bundeskonferenz in Nürnberg (24. - 27. Mai 2001)
Der erste Armuts- und Reichtumsbericht für die Bundesrepublik Deutschland, den die Bundesregierung in diesem Mai vorgelegt hat, vertieft die Erkenntnisse des 10. Kinder- und Jugendberichts von 1998. Immer mehr Kinder wachsen unter prekären Einkommensverhältnissen auf. Auch wenn die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung die Armut in Deutschland bekämpfen will, ist davon auszugehen, dass die soziale Polarisierung noch nicht umgekehrt werden konnte.
Generell sind als arm Personen, Familien und Gruppen zu bezeichnen, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“ (Rat der Europäischen Gemeinschaft 1984). Als einkommensarm gelten Personen, die in Haushalten leben, die über weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens verfügen. Das sind im Jahr 1998 für die alten Bundesländer 1709 DM und für die neuen 1691 DM.
Sozialhilfebezug gleich Armut
Ende 1998 erhielten bundesweit 2,88 Millionen Menschen laufende Hilfe zum Lebensunterhalt. Das waren 3,5 Prozent der Bevölkerung. Unter diesen SozialhilfeempfängerInnen waren Kinder unter 18 Jahren mit ca. 1,1 Millionen, von insgesamt 2,88 Mio. überhaupt, die größte Gruppe, stellt der Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung fest. Bei den Haushalten seien allein erziehende Mütter am stärksten betroffen (28,1 Prozent der Haushalte, die Sozialhilfe beziehen). Ein großen Einfluss auf das Armutsrisiko hat auch die Anzahl der Geschwister. Hat ein Kind in den alten Bundesländern zwei oder mehr Geschwister, steigt das Risiko, arm zu sein, um das Zweifache im Vergleich zu geschwisterlosen Kindern. Neben der Familienform ist auch der Aufenthaltsstatus von besonderer Bedeutung. Migrantenfamilien sind deutlich stärker von Armut betroffen, als dies aus ihrem Bevölkerungsanteil heraus zu erwarten wäre.
Armut trotz Erwerbstätigkeit („working poor“)
Von Armut betroffen sind jedoch nach dem beim Armutsbericht zugrunde gelegten Armutsbegriff nicht nur die SozialhilfeempfängerInnen, sondern auch Kinder, die in einkommensarmen Familien aufwachsen. Denn bereits der 10. Kinder- und Jugendbericht stellte 1998 fest, dass auch Familien, die Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit miteinander vereinbaren können, nicht immer in der Lage sind, ihr Leben oberhalb der Armutsgrenze zu bewältigen. Zu Recht bezeichnet es der Bericht als „skandalös“, dass Familien dadurch in Not geraten, „dass geringere und selbst mittlere Einkommen unter den gegenwärtigen Bedingungen des Familienlastenausgleichs bei zwei und mehr Kindern nicht ausreichen, um der Familie ein Leben deutlich über der Armutsgrenze zu sichern“. Heute wird die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf über 3 Millionen geschätzt. Armut belastet die gesamte Familie und fordert die Kräfte von Eltern und Kindern. Für den größten Teil der Betroffenen ist Einkommensarmut ein vorübergehender Zustand, nur für einen kleineren Teil eine dauerhafte Lebenslage. Die meisten Eltern „sparen“ nicht als Erstes an ihren Kindern. Kinderarmut steht meist erst am Ende einer von Eltern nicht mehr zu bewältigenden Unterversorgung. Besonders prekär ist die Lage der überschuldeten Haushalte. Der Bericht der Bundesregierung spricht von ca. 2.800.000 überschuldeten Haushalten im Jahr 1999. Auch immer mehr Jugendliche sind bereits von Überschuldung betroffen. Im Jahr 1999 waren 20 Prozent der Jugendlichen in den alten Bundesländern und 14 Prozent in den neuen Bundesländern verschuldet.
Armut bedeutet für Kinder Stress
Sie erleben nicht nur Mangel, sondern häufig auch die Ohnmacht ihrer Eltern, wenn diese die Probleme nicht meistern können. Je länger Armut andauert, desto mehr werden die Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten der betroffenen Kinder eingeschränkt. Kinder erleben Armut als Einschränkung und Ausgrenzung. In einer Gesellschaft, in der käufliche Statussymbole die soziale Anerkennung bereits im Kindergarten und der Grundschule bestimmen, haben Kinder armer Eltern schlechte Karten. Für Kinder sind Gleichaltrige in der eigenen Stadt, im eigenen Lebensumfeld der Vergleichsmaßstab für die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse. Von Armut betroffene Kinder verfügen über schlechtere Bildungschancen und weniger Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Die möglichen Konsequenzen für die Kinder sind geringeres Selbstwertgefühl, Depressivität, Einsamkeit, Misstrauen, Nervosität, Konzentrationsschwäche und Resignation in Bezug auf ihre Zukunftschancen.
Armut bedeutet für Kinder häufig auch, dass sie in beengten Wohnverhältnissen, unter schlechteren Umweltbedingungen und mit unzureichender Ernährung aufwachsen. Mit wachsender Armut und sinkendem Sozialstatus der Eltern erhöht sich das Gesundheitsrisiko für Kinder. Benachteiligte Kinder sind anfälliger für Krankheiten, häufiger ungesund ernährt, häufiger übergewichtig und körperlich weniger aktiv.
Erhöhtes Armutsrisiko
„Risikogruppen“ - auch infolge von Problemanhäufungen – sind vor allem Arbeitslose, Geringqualifizierte, Alleinerziehende und Paare mit drei bzw. mehr Kindern sowie ZuwandererInnen einschl. SpätausiedlerInnen. Armut von Kindern ist vielfach eine Folge der fehlenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eines unzureichenden gesellschaftlichen Kinderbetreuungssystems. Schlechtere Erwerbs- und Einkommenschancen der Eltern haben einschneidende Auswirkungen auf die Kinder. Ein Armutsrisiko besonders für Frauen und ihre Kinder ist auch die Gewalt und in der Familie; denn Schätzungen zu Folge kommt es in jeder dritten Partnerschaft zu Gewalt und oft sehen Frauen und Kinder trotz der aktuellen Gesetze zum „Platzverweis“ für sich nur die Möglichkeit der Flucht aus der Wohnung des Misshandlers.
Eine extreme Form von Kinderarmut erleben die ca. 7000 „Straßenkinder“. Hinzu kommen diejenigen Kinder, deren Eltern als Flüchtlinge in der Bundesrepublik leben und keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Ihre Sozialhilfe wurde mit dem Asylbewerberleistungsgesetz um 20 Prozent gekürzt.
Ursachen von Armut
Als Ursachen für Lebenslagen in Armut, dass heißt auch für Unterversorgungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnen, etc. werden von der Bundesregierung vor allem Arbeitslosigkeit und Niedrigeinkommen festgestellt. Arbeitslosigkeit und Niedrigeinkommen gehen vor allem mit fehlender schulischer und beruflicher Qualifikation einher, deren Ursachen sie wiederum sind. Soziale Ausgrenzung ist in vielen Fällen die Folge von Lebenslagen in Armut.
Dem bisher recht gut untersuchten Bereich der Lebenslagen in Armut steht der bisher noch sehr wenig untersuchte Bereich der Lebenslagen in Reichtum gegenüber. Bisher gibt die Forschungslage noch nicht einmal eine Definition von Reichtum her. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung stellt fest, dass die Privatvermögen 8.200.000.000.000 DM im Jahr 1998 betrugen. So waren in den alten Bundesländern etwa 42 Prozent im Besitz der vermögendsten 10 Prozent der Haushalte, während den unteren 50 Prozent der Haushalte nur 4,5 Prozente des Vermögen gehörten. Durchschnittlich besaß das obere Zehntel ein Vermögen von ca. 1.100.000 DM. In den neuen Ländern war die Ungleichheit der Vermögensverteilung noch größer. Die reichsten 10 Prozent besaßen 1998 rund 48 Prozent des Vermögens.
Wir weisen mit aller Vehemenz darauf hin, dass die verwandte Datenlage überwiegend nur bis 1998 reicht. Somit sind die sozialen Fehlentwicklungen, die soziale Polarisierung, die Teilhabeungerechtigkeit allein der konservativ-liberalen Bundesregierung bis 1998 anzulasten.
Kinder aus armen Familien benötigen ein starkes Selbstbewusstsein und große Unterstützung durch Eltern, Schule und Jugendgruppe, um schlechtere Entwicklungsmöglichkeiten auszugleichen und von Gleichaltrigen anerkannt zu werden. Wir, die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, fordern als selbstorganisierter Kinder- und Jugendverband von der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung eine zukunftsfähige Kinder-, Jugend- und Familienpolitik sowie größte Anstrengungen in Bildungs-, Ausbildungs- und vor allem Arbeitsmarktpolitik.
Unsere Forderungen sind im Einzelnen:-Die Beseitigung des bereits existierenden Niedriglohnsektors. Die Forderung nach Schaffung eines Niedriglohnsektors geht an der Realität vorbei und ist rein ideologisch motiviert zu verurteilen. Jedwede Erwerbstätigkeit muss mindestens extístenzsichernd entlohnt werden, was mit der Aufwertung der „klassischen“ Frauenberufe einhergehen muss. Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt muss aufgehoben werden. Männer müssen gleichberechtigt verpflichtet werden, Erziehungsaufgaben wahrzunehmen („Männerforderung statt Männerförderung“). -die grundlegende Reform des Bundessozialhilgegesetzes (BSHG). Dazu gehört die Einführung der sozialen Grundsicherung als Ersatz der Hilfen zum Lebensunterhalt, die niemals auf die Bekämpfung von Armut als Massenphänomen ausgerichtet waren sowie die Anpassung der Leistungen mit dem Ziel der Befähigung zur Bewältigung aktueller und zukünftiger Lebenslagen. -die flächendeckende staatliche Absicherung der Kinderbetreuung durch ganztägige, flexible und fachlich gut ausgebildete Angebote für Kinder bis zum 14 Lebensjahr. -die Entwicklung von Konzepten zur Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher unter Vermeidung von „Ghettoisierung“. -die Beseitigung der Mängel in der öffentlichen Datenlage vor allem hinsichtlich von Niedrigeinkommen, verdeckter Armut, „Vererbbarkeit“ von Lebenslagen sowie der Entwicklung der Privat- und Produktivvermögen. -die Ausrichtung aller Politikbereiche auf die Bekämpfung von Armut in Deutschland („poverty mainstreaming“).
Der Diskurs um Armut in Deutschland muss endlich in einen Diskurs über Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland münden. Dazu werden wir als Sozialistische Jugend Deutschlands „Die Falken“ unseren Beitrag weiterhin leisten.






