"Die Jugendarbeit hat sich nicht bewährt"

24.01.2006: Offener Brief zum Interview mit Prof. Pfeiffer in der taz vom 20. Januar.

Ihr Interview in der taz nrw vom 20. Januar 2006

Sehr geehrter Herr Professor Dr.Pfeiffer,

mit Entsetzen habe ich am vergangenen Freitag die Veröffentlichung Ihres Interviews in der taz-nrw unter der Überschrift "Die Jugendarbeit hat nicht sich bewährt" gelesen.

Mit Ihren Äußerungen dokumentieren Sie deutlich, dass Sie über die Situation der Jugendpolitik im Land Nordrhein-Westfalen nicht informiert sind. Ebenso wenig scheinen Sie über detailliertere Informationen über die pädagogische Arbeit in Jugendzentren zu verfügen. Ihr Bild von "klapprigen Tischtennisplatten und einem gelangweilten Sozialarbeiter" diskriminiert die Arbeit der übergroßen Mehrheit der "öffentlichen Mütter und Väter" in den Kinder- und Jugendhäusern.

Bisher schätzte ich Sie als einen "Mann der Empirie", als jemanden, der weiß, wovon er spricht und worüber er spricht. Diesem Anspruch sind Sie mit diesem Interview leider nicht gerecht geworden.

Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass sich in Situationen der Entstehung von politischer Gegenwehr gegen finanzielle Kürzungen und gegen Sozialabbau "die Wissenschaft" zu Wort meldet und sich der herrschenden Politik andient, im Interesse der eigenen existientiellen Absicherung. Vielleicht werden wir es demnächst erleben, dass wir Sie als Forscher im Interesse der amtierenden Landesregierung von NRW erleben.

Im Weiteren überreiche ich Ihnen eine aktuelle Recherche zum Thema "Abmilderung der Folgen von Kinderarmut im Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit". Dieser Beitrag ist der Dokumentation der Fachkonferenz des Deutschen Kinderschutzbundes vom 27. September 2005 in Bochum entnommen.

Im Rahmen dieses Beitrags habe ich mehrere empirisch nachweisbare "präventive" Wirkungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit darstellt. Das Wörtchen "präventiv" setze ich bewusst in Anführungsstriche, weil sie "normale" förderliche Wirkungen dieses Handlungsfeldes sind.

Im Einzelnen sind feststellbar: die Stammbesucher von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit erhalten fast alle ihren Hauptschulabschluss, auch die Migrantenjugendlichen, von denen im statistischen Durchschnitt in NRW im Schuljahr 22003/04 22,7% keinen Hauptschulschluss erreichten. Auch der Effekt der Verhinderung von Schulformwechsel zur Sonderschule sind nachweisbar.

Angesichts solcher Tatsachen, vom "Fehlen konkreter Konzepte" und vom "Nichterreichen der Zielgruppen" zu sprechen, erscheint schon fast bösartig.

Angesichts meiner knappen Zeit vor dem Hintergrund der Durchführung einer neuen Volksinitiative der nordrhein-westfälischen Kinder- und Jugendarbeit, erlaube ich mir, auf den weiter unten folgenden Text zu verweisen.

In der vorletzten Antwort Ihres Interviews sprechen Sie davon, dass man den Kindern "Angebote" machen muss, um sie vom Fernseher und vom Computer wegzubewegen. Warum Sie die pädagogische Kinder- und Jugendarbeit draußen vor lassen, bleibt Ihr Geheimnis.

Nur noch ein konkreter Hinweis für den empirischen Sozialforscher: die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit werden nicht flächendeckend und bedarfsorientiert in NRW organisiert, soll heißen, die Bedarfe in diesem Bereich sind sehr groß, aber vor dem Hintergrund der aktuellen Steuerpolitik nicht finanzierbar. Ihrer Bemerkung "Das ist doch eine absurde, kranke Welt" kann ich nur zustimmen.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Kozicki
(Sozialwissenschaftler, Referent für Jugendpolitik beim Falken Bildungs- und Freizeitwerk-FBF NRW)

Professor Dr. Christan Pfeiffer ist Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Hannover.

Zugehörige Dateien:
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