Die Falken bekannten sich immer zum demokratischen Sozialismus.
26.02.2005: Beitrag von Dietrich Stobbe zur 100-Jahr-Feier der Falken in Berlin.
Einleitung
Ihr habt mich zu dieser Veranstaltung eingeladen. Ich danke Euch dafür. Ihr wisst, dass ich kein Historiker bin. Ihr wollt von mir auch keine Aufarbeitung der Geschichte des Jugendverbandes "Die Falken - Sozialistische Jugend Deutschlands". Die historische Würdigung können mit der dafür nötigen Distanz andere besser leisten als ich. Aber ich kann etwas darüber sagen, wie ich als SPD-Mitglied und Funktionär, als Landesvorsitzender unserer Partei und als Regierender Bürgermeister die Falken wahrgenommen habe. Wie ich zu den führenden Köpfen stand, die damals bei den Falken wirkten und wie ich mich mit ihrer Politik auseinander gesetzt habe, die damals oft konträr zur Politik des SPD-Landesverbandes stand.
Eine Erinnerung an die politischen Konstellationen vor einer Generation mag Euch aber nicht genügen. Schließlich ist das ja schon solange her. Wir reden über die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Deshalb möchte ich die Gelegenheit der Erinnerung dazu benutzen, den Blick auch nach vorn zu werfen. Wo stehen wir? wohin gehen wir? - möchte ich mich und Euch fragen.
Heute, in einer sich immer rasanter individualisierenden Gesellschaft - oder, genauer: in sich immer rasanter individualisierenden Gesellschaften immer größer werdender internationaler Verbünde von Staaten - frage ich mich besorgt nach der Zukunft von politisch-demokratischen Bewegungen, die ihr Handeln auf den Grundwerten der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität, der Freiheit und des Friedens aufbauen. Wie können wir diese Grundwerte mit den Anforderungen in Einklang bringen, die aus den gewaltigen gesellschaftlichen Problemen dieses Jahrhunderts erwachsen? Was müsste eine "Vorfeldorganisation" wie die Falken heute leisten, um im Ergebnis die Pionierfunktionen zu erfüllen, die sie Jahrzehnte lang zweifellos hatte.
Aber erinnern wir uns zunächst daran, dass die Sozialdemokratie einst umgeben war von einer großen Familie von Organisationen. Zu ihnen gehörten die Gewerkschaften, die Genossenschaften, die Arbeiterwohlfahrt, der Wandervogel, die Schrebergarten-Bewegung, die Freidenker, viele Vereinigungen von Kulturschaffenden, viele Bildungsvereine und -einrichtungen. Und eben auch die sozialistische Jugend, die Falken.
Es waren die Nazis, die genau diesen Verbund von Organisationen zerschlagen wollten. Er war die einzig wirklich mehrheits- und gestaltungsfähige demokratische Kraft der Weimarer Republik. Er musste folglich zertrümmert werden. Und die Nazis haben es während ihrer Diktatur ja auch geschafft. Fast geschafft, denn so, wie es nach dem Krieg Menschen gab, welche die SPD wieder begründeten, und die Gewerkschaften, die Genossenschaften und all die anderen Organisationen, so gab es nach 1949 eben auch jene, die der Jugendarbeit einen neuen, demokratischen und sozialistischen Impuls geben wollten.
Viele von denen, die 1947 bei den Alliierten in Berlin den Antrag auf Zulassung des Jugendverbandes "Die Falken" stellten, habe ich später, in den 60ger Jahren und danach, in dem immer tiefer gespaltenen Berlin und in Bonn getroffen. Wir sind ein Stück des Weges der Nachkriegs-Sozialdemokratie gemeinsam gegangen. Aber als wir uns trafen, war die nach dem Krieg wieder begründete Familie von Organisationen rund um die Sozialdemokratie schon nicht mehr so eng beieinander wie in der ersten deutschen Demokratie und - vielleicht - in den ersten Jahren nach dem Krieg.
Die Gründergeneration
Zu den Gründern der Berliner Falken gehörte bekanntlich Ilse Reichel, damals Ilse Pottgießer. Sie stammte aus einer Familie, die sich in der Weimarer Republik zu ihren Bindungen an die SPD und die Gewerkschaften bekannte. Ilse Reichel war als Kind bei den Kinderfreunden. 1945, damals 20-jährig, gehörte sie zu jenen Deutschen, die das Ende von Diktatur und Krieg als Freiheit begriffen. Ihr Name stand mit fünf anderen unter dem auf Englisch verfassten Antrag auf Zulassung der Sozialistischen Jugend Deutschlands in der Viersektorenstadt Berlin. Die Gründer der "Falken" wollten an unvergessene Weimarer Traditionen der Kinderfreunde-Bewegung und der Sozialistischen Arbeiterjugend anknüpfen, sie aber nun der veränderten sozialen Wirklichkeit in einer zertrümmerten Stadt und einem zerrissenem Land anpassen. Ilse Reichel stammte zwar aus dem Wedding, wohnte aber später in der Freien Scholle in Reinickendorf und hatte früh Kontakt mit dem bedeutenden Franz Neumann, der sich, wie viele mit ihm, schon früh gegen die Diktatur der Kommunisten wandte und für die Freiheit einstand. Der aber von einem anderen Deutschland träumte als dem, das in Westdeutschland unter Adenauer und im Osten Deutschlands unter Ulbricht sich entwickelte. Diese Vorstellung Neumanns von einem "dritten Weg" für Deutschland sollte später für viele Berliner Sozialdemokraten bis weit in die 60ger Jahre hinein von prägender Faszination sein - und ich glaube, auch und gerade für viele führende Köpfe der Jugendorganisation "Die Falken".
Heinz Westphal als Wegbereiter für einen einheitlichen Verband
Auch Heinz Westphal hat den Antrag auf Gründung der Falken unterschrieben. Der spätere Bundesvorsitzende des Jugendverbandes und langjähriger Bundestagsabgeordneter sowie Vizepräsident des Deutschen Bundestages war auch einer von denen, die bereits 1945 damit begannen, die Organisationsform für einen einheitlichen Verband zu entwickeln, in der Kinder- und Jugendarbeit gleichberechtigt ihren Platz haben sollte. Anknüpfen wollte er an die Traditionen des Rote-Falken-Verbandes vor 1933. Die Falken sollten zwar organisatorisch unabhängig sein, letztlich aber doch ein Teil der sozialdemokratischen Bewegung. Ein Zeichen für diese Einstellung war, dass die Zusammenkünfte des vorbereitenden Ausschusses für die Neugründung der Falken in der Parteizentrale der Berliner SPD in der Ziethenstr. stattfanden. Dort trafen sich junge Leute aus allen Berliner Bezirken, um unter der Leitung von Heinz Westphal Inhalte und Strukturen der neuen Jugendorganisation zu diskutieren.
Noch einen möchte ich erwähnen aus der Gruppe derjenigen, die damals für die Falken den Antrag auf Gründung unterschrieb. Ich nenne Erich Richter, der nach Auseinandersetzungen mit Grotewohl, Fechner, Mattern, Axen und Ulbricht 1947 als Redakteur zum Telegraph kam und ehrenamtlich stellvertretender Vorsitzender und Pressereferent der Falken wurde. Er war dann viele Jahre lang Chefredakteur des "Blickpunkt", der überparteilichen Monatszeitschrift für die politische Bildungsarbeit, und ist für seine journalistische wie für seine vielfältige ehrenamtliche Arbeit hoch geehrt worden.
Wenn wir als Sozialdemokraten zurückblicken, müssen wir dankbar sein. Es gab unmittelbar nach dem Krieg trotz der Nazi-Katastrophe Gruppen von Menschen, die an demokratische und sozialistische Traditionen anknüpfen wollten. Sie hatten ein verbrecherisches Regime hinter sich, das sich "nationaler Sozialismus" nannte. Und sie gerieten sofort in einen Konflikt mit einem anderen System, dass sich als "realer Sozialismus" ausgab. Fürwahr, die Vision eines demokratischen freiheitlichen Sozialismus wurde nach dem Ende des ersten durch ein zweites totalitäres Regime bedrängt. Wie konnte es gelingen, einen Jugendverband mit der Vision einer sozialistischen Demokratie in die zweigeteilte Welt der Nachkriegszeit zu führen?
Parteikonflikte
Die Berliner SPD ist bis zur Deutschen Einheit von den Konflikten geprägt gewesen, die sich aus ihrer in Westdeutschland vollzogenen Anpassung an Adenauers Westintegration und dem fortlebenden Glauben vieler Berliner Sozialdemokraten an einen "dritten Weg" ergaben. Diese Konflikte sind natürlich keineswegs einfach so "über einen Kamm zu scheren". Es hat in der Berliner SPD bei allen Beteiligten fortwährend Anpassungsprozesse gegeben. Aber ich habe erlebt, dass sich in den Köpfen vieler Berliner Sozialdemokraten jener Impuls fortsetzte, der so früh nach dem Kriege zur Gründung der Sozialistischen Jugend Deutschlands führte. Viele dieser linken Sozialdemokraten kamen aus der Falken-Bewegung oder waren ihr als Gleichgesinnte beigetreten. Ich möchte einige aufzählen. Peter Weiss, Alfred Gleitze und sein Bruder Lothar, Heinz "Micki" Beinert, Jürgen Dittner, , Heinz Gerull, Harry Ristock und Ilse Reichel. Das ist natürlich keine vollständige Liste. Die Verortung dieser Genossinnen und Genossen in der Berliner SPD führt aber unweigerlich zu der Feststellung, dass sie Zeit ihres Lebens zum linken Flügel der Partei, von einem bestimmten Zeitpunkt an zur so genannten "Vereinigten Linken" gehörten.
Während all dieser Jahre waren sie über einen gewissen Zeitraum ihres Lebens bei den Falken aktiv. Und die Falken waren ein großer, starker und funktionierender Jugendverband, der sich z.B. dadurch auszeichnete, dass er schon früh mit einer intensiven Auslandsarbeit auf sich aufmerksam machte und für Jugendliche attraktiv wurde. Die Falken führten zunächst im westlichen, dann aber auch im osteuropäischen Ausland, große Zeltlager durch, an denen oft mehr als 1000 Jugendliche teilnahmen. 1961 z.B. gab es ein solches Zeltlager der Falken in Holland, an dem damals noch Falken aus Ost- und Westberlin teilnahmen. Eine Woche nach Beendigung des Zeltlagers wurde die Mauer errichtet und Freundschaften brutal zerrissen.
Die Berliner Falken als hoch politischer Jugendverband
Aber die Berliner Falken waren stets ein hoch politischer Jugendverband. Für die Berliner SPD wurde er gerade in den 60ger Jahren zu einem mehr als schwierigen Partner. Die Partei hatte sich gerade zum Godesberger Programm bekannt - der Gedanke einer programmatisch wo möglich undefinierbaren Volkspartei stieß nicht gerade auf Begeisterung vieler Falken-Funktionäre, zumal das Godesberger Programm in der Berliner SPD auch hoch umstritten war. Die große Koalition in Bonn entzweite die Berliner SPD-Führung und die Falken-Organisation noch mehr. Die Anpassung der SPD-Außenpolitik an die Westintegration Adenauers belastete die "familiären Beziehungen" ebenfalls. Die Frage der Oder-Neiße-Grenze, der Krieg der Amerikaner in Vietnam, die Notstandsgesetze - die Aussagen der Berliner Falken und der Berliner SPD standen konträr zueinander. Es war fast schon nicht mehr wie ein Streit zwischen Familienmitgliedern, der heftig geführt, aber dann doch mit Versöhnung endet.
Und dennoch haben die politischen Richtungen wieder zueinander gefunden. Gerade die Brutalität des Mauerbaus führte bei der SPD zu einem Durchdenken der Ost-Westlage. "Wandel durch Annäherung", Politik der "kleinen Schritte", "Entspannung", von den "Realitäten ausgehen, um sie zu verändern" - das alles wurde zuerst hier in Berlin gedacht. Willy Brandt ist in seiner eigenen Person das gewichtigste Zeugnis für den Wandlungsprozess von einem kalten Krieger zu einem Gestalter der Entspannungspoltik, dem die Berliner SPD anfangs nur zögerlich folgte. Willy Brandt nahm das alles mit nach Bonn. Es brauchte Jahre, um die ganze SPD auf Entspannungspolitik umzustellen.
Erste Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz
Man muss den Falken zubilligen, dass sie früher als die SPD Pioniere der Entspannungspolitik waren. Seit 1959 führten die Berliner Falken Gedenkstätten-Fahrten durch. Zunächst nach Auschwitz, dann nach Theresienstadt, Lidice und Prag. Das war politische Bildungsarbeit pur, was die Aufarbeitung des "nationalen Sozialismus" anging. Aber war es auch politische Bildung in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem "realen Sozialismus" jener Zeit? War es Auseinandersetzung oder eben doch Anpassung an die realen Verhältnisse vor Ort?
Ich möchte freimütig einräumen, dass auch ich in all jenen Jahren misstrauisch gewesen bin. Ich hatte Angst, dass der Traum der Falken ein Traum von einem demokratischen Sozialismus zu der Illusion führen konnte, dass Stalinisten sich zu Demokraten wandeln können. An diese Alternative glaubte ich nicht. Aber war dieses Misstrauen gerechtfertigt? Möglichkeiten zu westöstlichen Begegnungen, dem Austausch von Gedanken, dem Diskurs mit kommunistischen Funktionären gab es damals nicht gerade eben häufig. Als in Berlin nach dem Mauerbau die Politik der kleinen Schritte eingeleitet wurde, war ein Kernargument für diese Innovation, dass durch die hunderttausendfachen Begegnungen der Menschen untereinander die Saat der Freiheit in der DDR-Gesellschaft gestreut und später aufgehen wurde. Die Auswirkungen der Entspannungspoltik sollten die Menschen erreichen und diese sollten ihr Joch abschütten können. Aus der Rückschau betrachtet, muss ich sagen, dass die Falken für ihre bedeutenden Gedenkstätten-Fahrten und Zeltlager im Ostblock mit Fug und Recht das gleich Argument für sich in Anspruch nehmen können.
Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus
Denn dass sie Freiheit meinten und nicht Anpassung, haben wir z.B. 1968 erlebt, als die Warschauer Paktstaaten die Tschechoslowakei militärisch überfielen, um der Politik Dubć,eks für einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht ein gewaltsames Ende zu bereiten. Damals organisierten die Falken spontan eine Demonstration vor der Militärmission der CSSR in Dahlem, an der 5000 Menschen teilnahmen. Alfred Gleitze und "Micki" Beinert fuhren einen Tag nach dem Einmarsch nach Prag, um sich mit den Bedrängten zu solidarisieren. Da war es dann wieder das Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus. Der Ursprungsgedanke für den Jugendverband wurde erneut sichtbar.
Dietrich Stobbe war von 1977 bis 1981 Regierender Bürgermeister der Stadt Berlin. Dietrich Stobbe hielt diesen Vortrag auf der 100-Jahr-Feier der Neuköllner Falken am 23. November 2004.
Quelle: www.spd-neukoelln.de







