Hetera, Lesbe oder Bi?

15.10.2001: Von der (Un-)freiheit sexueller Orientierung in der Verbandspraxis

Das Coming Out ist für lesbisch/bisexuelle Mädchen ein wichtiger und oft problematischer Lebensabschnitt. Wie es verläuft, beeinflusst nachhaltig die weitere persönliche Entwicklung und entscheidet über Lebenschancen. Dabei erlebt die Mehrzahl der lesbisch/bisexuellen Mädchen ihr Coming Out als Jugendliche. Deshalb sollte dies gerade für uns als sozialistischer Kinder- und Jugendverband ein wichtiges Thema sein, weil für dieses Thema alle offen sein müssen, die mit Jugendlichen zusammen arbeiten.

Einblick in die Sozialisation lesbischer/bisexueller Mädchen

Mädchen mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung müssen immer unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Sozialisation betrachtet werden. Mädchen lernen sich in Beziehungen mit Jungen zu sehen, sie lernen sich auf bestimmte Weise zu kleiden, zu bewegen und sich besonders zu verhalten. Für die meisten Mädchen beschränkt sich die Sexualaufklärung der weiblichen Sexualität auf Verhütung, Schwangerschaft, Embryonalentwicklung und die Erregungszustände des Penis, doch die Erregungszustände des weiblichen Sexualorgans werden so gut wie nie thematisiert.

Tabu weibliche Lust

Dabei hat die Selbstbefriedigung bei der Entdeckung des eigenen Körpers und Lustempfindens einen wesentlichen Stellenwert, doch dieses Tabu muss für Mädchen erst noch durchbrochen werden. Hier wird die eigenständige weibliche Lust schon aberkannt. Dazu kommt die Konfrontation mit dem Thema sexueller Gewalt und der damit verbundenen Einschränkung des Handlungsraums. Dieser Bedrohung können Mädchen aus dem Weg gehen, indem sie sich unter männlichen Schutz begeben. Diese Situation gibt Mädchen kaum die Möglichkeit, ihre sexuellen Bedürfnisse selbst zu entdecken. Dies ist für alle Mädchen ein Problem.

Wenn Empfindungen zum eigenen Geschlecht schon sehr früh wahrgenommen werden, besteht kaum die Möglichkeit diese Gefühle als Verliebtsein zu benennen. Insbesondere weibliche Homosexualität ist als Thema meistens eine Randerscheinung, es wird vermieden, es offen zu behandeln, eine Thematisierung in familiären Zusammenhängen findet praktisch nie statt, so dass Mädchen keine Informationen dazu bekommen.

Anpassungsdruck in der Pubertät

Mit der Pubertät kommt ein enormer Anpassungsdruck auf die Mädchen zu, nicht nur dass der Körper sich verändert, die Mädchen sollen auch gleich ihr Verhalten ändern. In diesem Rahmen werden die eigenen Freundinnen zum stabilen Faktor in einer weniger stabilen Umwelt. Dieser soziale Status der Mädchenfreundschaften wird mit Eintritt in die heterosexuelle Beziehungswelt immer stärker abgewertet. Es vollziehen sich oft Brüche in den Freundschaften zu Mädchen. In unserer heteronormativen bürgerlichen Gesellschaft befürchten lesbische/bisexuelle Mädchen den Verlust von Akzeptanz und Gruppenzugehörigkeit. Sie setzen sich unter Druck, nehmen nur noch Liebesgefühle zu Jungen wahr und alle andern Gefühle werden verdrängt und abgewertet.

Liebe, Freundschaft und Sexualität

Diejenigen, die sich in einer sexuellen Identitätsentwicklung von der gesellschaftlichen Norm unterscheiden, fühlen sich ausgeschlossen und haben Angst vor negativen Sanktionen. Lesbischen/Bisexuellen Mädchen muss es möglich sein, offen im gewohnten sozialen Umfeld zu leben. Liebe, Gestaltung von Freundschaft und Sexualität sind für alle Jugendlichen Thema.

Abbau von Vorurteilen

Der Zeitpunkt des ersten Wahrnehmens und Zulassens seiner eigenen Gefühle zum gleichen Geschlecht ist bei jeder unterschiedlich. Oft hat es mit dem Kontakt zu anderen Lesben zu tun. Dieser Kontakt zu gleichgeschlechtlich Orientierten, hilft beim Abbau von negativen Stereotypen und anderen Vorurteilen. Er hilft beim Entwickeln eines positiven Selbstbildes. Jugendliche haben ein Recht auf Sachinformationen über unterschiedliche Patnerschafts- und Lebensweisen, um selbst entscheiden zu können, welche Art von Sexualität sie leben und erleben wollen.

Der Weg zur Selbstakzeptanz geschieht eher in der Isolation aus Angst ausgegrenzt zu werden. Dieser Weg zu einer lesbischen/ bisexuellen Identität ist fast immer einsam. Dies ist mit ein Grund, warum viele immer wieder heterosexuelle Beziehungen eingehen oder in Mädchen- bzw. Frauenbeziehungen leben, ohne sich je als lesbisch oder bisexuell zu bezeichnen. Zwangsheterosexualität wird ausgeübt, indem lesbische Lebensweisen und Sexualität ausgeblendet werden. Bis hin zur Homophobie.

Warum festlegen?

Viele Mädchen wollen sich gar nicht festlegen, denn sie wissen meistens noch gar nicht, ob sie lesbisch, bisexuell oder sich nur zu diesem einen Mädchen sexuell hingezogen fühlen. Viel zu oft wird ihnen eine Entscheidung abverlangt, die sie schnell komplett überfordert. Es gibt fast immer nur das Eine oder das Andere und kein Dazwischen. Dieses Dazwischen ist für viele Mädchen notwendig, um das Neue mit dem Gewohnten zu vereinen. Mit der Perspektive, bewusst eine akzeptierte Lebensform gefunden zu haben, wächst auch der Wille zur aktiven gesellschaftlichen Integration.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen Geschlechterrollen beinhaltet auch eine Auseinandersetzung mit dem andern Geschlecht. Mädchen müssen die Erfahrung machen, dass sie - egal ob lesbisch, bi oder hetera - ihren eigenen Platz und Raum haben.

Lesbisch/Bisexuelle Mädchen in Jugendverbänden

Es gibt kaum adäquate Angebote, um diesen Coming-Out-Prozess zu unterstützen. Viele lesbische/bisexuelle Mädchen haben Erfahrungen in konventionellen Jugendverbänden. Was lesbische/bisexuelle Mädchen in Jugendverbänden schätzen, ist das Gemeinschaftsgefühl, die zahlreichen persönlichen Kontakte, den Spass und die kreativen, musischen und politischen Angebote. Doch die wenigsten lesbischen/bisexuellen Mädchen können sich offen zeigen und integrieren. Sie ziehen sich zurück. Viele suchen Lesbisch-Schwule Jugendverbände auf, in denen sie aktiv in der Lobbyarbeit zum Thema Homosexualität mitarbeiten können. Das bedeutet, dass gerade wir als sozialistischer Kinder- und Jugendverband in einer Verantwortung stehen, einen Beitrag zu einer Sexualerziehung zu leisten, die es lesbischen/bisexuellen Mädchen leichter macht, ihr Coming Out im gewohnten Umfeld zu erleben. Unsere GruppenleiterInnen und PädagogInnen müssen als Vorbildfunktion zur Verfügung stehen und Orientierung und Informationen bieten. Offenheit für unterschiedliche Lebensformen ist ein Prozess, der in der Jugendarbeit mit einfließen muss.

Gemäß unserer Utopie einer sozialistischen und demokratischen Gesellschaft hat jede ein Recht darauf so respektiert zu werden, wie sie ist - egal ob lesbisch, bi oder hetera. Homosexualität ist kein Problemfall, sondern sie gehört zur gesellschaftlichen Normalität dazu. Ungleichbehandlung aufgrund der sexuellen Identität ist in allen Lebensbereichen unzulässig.

Beschluss des Bundesausschusses:

  • Der Bundesvorstand wird beauftragt in Zusammenarbeit mit den Bildungsstätten und Gliederungen eine Praxis- und Informationsbroschüre zum Thema Homosexualität für die Falkenarbeit zu erarbeiten und zu veröffentlichen.
  • Die Mädchen- und frauenpolitische Kommission des Bundesvorstandes wird beauftragt, Aktionen vorzubereiten und durchzuführen, die auf die Existenz weiblicher Homosexualität im Verband und in der Gesellschaft aufmerksam machen, die dem Abbau von Vorurteilen dienen und zur Sensibilisierung gegenüber Homosexualität in der Kinder- und Jugendarbeit beitragen.
  • Der Bundesvorstand wird beauftragt, eine Schwerpunktsitzung mit den ExpertInnen des Queerforums durchzuführen, in deren Rahmen Konzepte der Zusammenarbeit entwickelt werden.