Der Himmel über Israel

10.12.2004: Delegation der Falken besuchte Israel.

Treffen mit der drusischen Sektion der HaNoar HaOved

Völlig übermüdet von einer Nacht, die wir auf Flughäfen, im Flugzeug und im Bus verbracht hatten, verließen wir - 11 Falkinnen und Falken - um 6.00 Uhr morgens den Minibus, irgendwo im Nordwesten Israels. Nach leckerem Frühstück und kurzer Ruhepause stand zuerst eine "Besichtigungsfahrt" rund um den Kenereth (den größten See Israels) auf dem Programm. Nach kurzer Busfahrt, wir konnten bereits die Golanhöhen sehen, stiegen wir auf Kanus um. Aus dem Sightseeing Trip wurde eine halbe Wildwasserfahrt und nicht nur einmal machten wir feuchte Bekanntschaft mit dem Ufer und sich plötzlich auftuenden Sandbänken.

Dichtes Programm abseits touristischer Pfade

Dies ist nicht Teil einer Jugendfreizeit, sondern der Beginn der Israel-Delegationsreise des Falken Bundesverband im Oktober 2004. Neben wenigen entspannten Momenten wie diesem, standen vor allem eine Reihe von inhaltlichen Veranstaltungen für die nächsten sieben Tage auf dem Plan. Ziel der Delegation war die Einschätzung nach dem Zustand des Friedensprozesses im Nahen Osten (bzw. ob es überhaupt noch einen gibt), sowie vor allem das kennen lernen unserer israelischen Partnerorganisationen.

Begegnung mit sozialistischen Jugendorganisation im Nahen Osten

Spannend war für uns hierbei, wie in so einer konfliktreichen Region sozialistische Jugendorganisationen arbeiten. Daher besuchten wir viele Projekte und Sektionen unserer israelischen Partnerorganisationen HaNoar HaOved VeHaLomed (NOV. arbeitende und lernende Jugend), die uns eingeladen und hervorragend betreut hat, sowie dem Arab Youth Movement und Hashomer Hazair ("junge Wächter").

Mit Schwarz-Weiß-Denken kommt man nicht weiter

Die Frage nach einem Friedensprozess in einer Region, die sich seit über 30 Jahren offiziell in einem kriegsähnlichen Zustand befindet, ist schwer zu beantworten. Das konnten wir bei vielen Gespräche mit Einheimischen feststellen. Der Friedensprozess scheint - trotz der Abstimmung in der Knesset (dem israelischen Parlament) zum Rückzug aus Gaza - nach wie vor brach zu liegen. Schwarz-Weiß-Denken hat hierbei keinen Platz, zu kompliziert sind alleine schon die Konfliktlinien innerhalb der israelischen Gesellschaft. Gehört haben wir viele unterschiedliche Standpunkte bei unseren Diskussionen - auch über unsere Partnerorganisationen hinaus. Wir haben Gruppen erlebt, die sich stark für friedliche Lösungen einsetzten. Auf der andere Seite haben wir auch Gespräche geführt, nach denen uns klar war, dass Menschen mit Standpunkten wie diesen niemals einen Schritt in Richtung Frieden gehen werden.

Kibbuze mit Jugendhilfeprojekten

Wir hatten die Gelegenheit, zwei Kibbuze (Ravid und Eshbal) zu besuchen, die von Mitgliedern der HaNoar HaNoved gegründet worden sind. Kibbuze sind kollektive Gemeinschaften, die ursprünglich nur in der Landwirtschaft arbeiteten. Diese beiden konzentrieren sich auf die Arbeit mit Jugendlichen. Beide Gemeinschaften glauben, dass durch Bildung die Gesellschaft veränderbar ist, hin zu einem friedlichen und sozialistischen Israel. Im Kibbuz Ravid - in dem wir drei Tage wohnten - liegt der Schwerpunkt auf Werteerziehung von Jugendlichen. Dagegen versuchen die Mitglieder im Kibbuz Eshbal zum Einen schwer erziehbare Jugendliche in einer formalen Schule zu unterrichten, zum Anderen sollen sich jüdische und arabische Jugendliche besser kennen lernen, Vorurteile voneinander überwinden und so den Grundstein legen für ein zukünftig friedliches Zusammenleben von beiden Kulturen.

Militärdienst und Jugendkommunen

JedeR muss in Israel Militärdienst leisten, genauer gesagt alle jüdischen Israelis und alle drusischen männlichen Israelis. Wie die NOV das nutzt, erfuhren wir beim Besuch einer Kommune in der Nähe von Tiberias. Die Jugendlichen, die uns alle in Blauhemden empfingen, waren Mitglieder der NOV und hatten sich nach ihrem Schulabschluss entschieden, den obligatorischen Militärdienst aufzuschieben und statt dessen eine Nahal-Gruppe (vergleichbar mit dem deutschen FSJ) zu bilden. Sie lebten ein Jahr im Kollektiv zusammen und arbeiteten in Jugendclubs und Jugendeinrichtungen. Danach gingen alle für 1 1/2 Jahre zur Grundausbildung zum Militär. Die zweiten 1 1/2 Jahre ihres eigentlichen Militärdienstes leben sie nun wieder als Gruppe zusammen und arbeiten mit Jugendlichen in der Umgebung. Danach entscheidet sich die Gruppe gemeinsam, was sie zukünftig tun wird. Sie können in Eshbal oder Ravid Mitglied werden, eine Stadtkommune gründen oder sich etwas neues gemeinsam überlegen.

HaNoar HaNoved organisiert Juden, Araber und Drusen

Die HaNoar HaNoved ist - anders als viele Organisationen in Israel - eine Jugendorganisation, die für alle jungen Israelis offen ist, egal ob Jude, Araber oder Druse. Häufig sind die Wohngebiete und sogar ganze Städte in Israel entweder jüdisch oder arabisch und somit auch die Jugendclubs selten gemixt.

Zu Besuch in einem arabischen Jugendclub

Bei einem Besuch in einem arabischen Jugendclub erzählte uns die Vorsitzende, wie schwierig es ist, auf der einen Seite Araberin und auf der anderen Seite Mitglied einer zionistischen Organisation zu sein. Ein Schwerpunkt der Arbeit der arabischen Jugendclubs ist der Kontakt und der Austausch mit jüdischen Israelis, der mit sogenannten Zwillingsclubs erreicht werden soll. Zwillingspartnerschaften werden zwischen einem arabischen und einem jüdischen Jugendclub geschlossen und beide Clubs veranstalten gemeinsame Aktivitäten. Ziel ist auch hier, dass Jugendliche die jeweils andere Kultur besser kennen lernen.

Hashomer Hazair und Arab Youth Movement

Im Gegensatz zur NOV arbeitet die Hashomer Hazair ausschließlich mit jüdischen Israelis, hat aber ein arabisches Gegenstück - das Arab Youth Movement. Hintergrund für diese Trennung in zwei Organisationen, ist die Annahme, dass die Interessen von Minderheiten in einer großen Organisation untergehen und deswegen deren Interessen besser und stärker durch eigene Strukturen vertreten werden können. Trotz der Trennung arbeiten beide Organisationen eng zusammen und auch hier gibt es Projekte, die arabische und jüdische Israelis zusammen bringen soll, ähnlich dem der Zwillingspartnerschaft bei der NOV.

Zu Besuch bei Rudolf Dressler

Neben den Gesprächen mit Mitgliedern von Jugendorganisationen trafen wir uns unter anderem auch mit Vertretern der Gewerkschaft, mit einer Jüdischen Siedlerin und dem deutschen Botschafter Rudolf Dressler. Letzterer vermittelte uns einen Einblick in die offizielle deutsche Sichtweise des Nah-Ost-Konfliktes. Kurz- und mittelfristig - so seine Einschätzung - werde es keinen Frieden geben; denn sowohl auf palästinensischer als auch auf israelischer Seite gäbe es keine ernsthaften Bemühungen um einen Kompromiss, besonders was die Zwei-Staaten-Frage anbelangt.

Der Traum vom Kanufahren auf dem Jordan

Trotz der pessimistischen Einschätzung haben wir viele Projekte erlebt, die für ein friedliches Zusammenleben von Arabern und Juden kämpfen. Wir haben viele Stimmen gehört, die an einen Friedensprozess in der Region glauben. Der Traum von weiteren Kanufahrten auf dem Jordan bleibt, dann hoffentlich auch ohne Militärhubschrauber am Himmel.

Conny Paatzsch, Internationale Kommission der SJD-Die Falken

(veröffentlicht in der AJ, Heft 3, 2004)