Laut werden für bessere Bildung !
27.10.2003: Die Delegierten des Bundesausschusses der SJD - Die Falken haben am 11. Oktober 2003 in Regensburg Forderungen zur Zusammenarbeit von Jugendverband und Schule aufgestellt
Die PISA-Studie hat einen in der Bildungsökonomie nie ernsthaft bezweifelten Zusammenhang wieder in die öffentliche Debatte zurückgebracht. Die Bildungschancen von Kindern sind sehr stark durch den Bildungsgrad der Eltern beeinflusst. Dieser hängt wiederum vom sozialen Status ab. Soziale Ungleichheit macht sich auch - aber eben nicht nur an finanziellen Unterschieden fest. Kinder unterschiedlicher gesellschaftlicher Klassen haben ungleiche Chancen in der Schule. Leistungsschwache Kinder kommen häufiger aus sozial benachteiligten Klassen. Sie haben nicht die gleichen Chancen sich Bildung anzueignen wie Kinder aus sozial stärkeren Familien. In ihren Familien sind Wissen und (für die Schule notwendige) kulturelle Ausdrucksformen, wie sprachliche Gewandtheit, Probleme in Diskussionen zu lösen oder eigene Standpunkte zu formulieren häufig weniger wichtig und können daher nicht schon vor dem Schulbesuch weitergegeben werden. Kinder mit studierten Eltern haben in der Schule bereits von Anfang an einen Vorsprung, da in ihren Familien mit Wissen und den o.g. kulturellen Ausdrucksformen anders umgegangen wird als in Familien mit niedrigerem Bildungsgrad. <b>So setzt sich soziale Ungleichheit in den nachfolgenden Generationen fort, da die Ausgangschancen zum Erwerb von und dem Umgang mit Bildung unterschiedlich sind.</b> Auch wenn in den letzten Jahren viele Kinder aus sogenannten "bildungsfernen Schichten" die Gymnasien besuchten, werden deren Chancen außerhalb und nach der Schule von der Soziologie kaum besser beurteilt als in den frühen siebziger Jahren. Nicht nur berufliche Chancen, sondern auch die Aktivitäten in Jugendverbänden und anderen sozialen Feldern hängen stark vom Bildungsgrad der Eltern ab. Die Sozialisation in Jugendverbänden kann einen positiven Einfluss auf die Chancen benachteiligter Kinder haben.
Soziale Lage und Bildungschancen von Kindern
Es geht bei der Diskussion um Bildungschancen also nicht nur darum, eine Position zu PISA, Bildungspolitik etc. zu entwickeln, vielmehr betrifft sie uns als Verband sehr konkret. Daher muss es eine wichtige Aufgabe der nächsten Zeit sein, sich mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Bildungschancen theoretisch auseinander zu setzen und praktische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Dabei muss es auch darum gehen, ganz genau zu schauen, in wie weit wir durch unsere Formen der Mitbestimmung herrschende Verhältnisse reproduzieren.
Unser Verständnis von Bildung
Wir, die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken, kritisieren, wenn allein die Verwertungsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zum Maßstab von Bildung gemacht werden. Denn wir lehnen es ab den Menschen darauf zu reduzieren, wirtschaftliche Leistungen möglichst reibungslos zu erbringen und sich im übrigen kritiklos, fantasielos und initiativlos in ungerechten Verhältnissen einzurichten, also nicht Subjekt seiner Geschichte zu sein, sondern bloßes Objekt von Herrschaft und Marketing. Nach unserem Verständnis ist Bildung Voraussetzung und Ergebnis der Selbstverwirklichung des Menschen und befindet sich damit in einer kritischen Spannung zu den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen. Sie zielt auf einen Prozess der Emanzipation, auf Urteils-, Kritik- und Handlungsfähigkeit. Zwar werden gesellschaftliche Zwänge, Anforderungen und Gegenwirkungen durch Bildungsanstrengungen allein nicht überwunden, aber sie können bewusst gemacht und kritisiert werden. Bildungsangebote müssen sich auf alle Menschen beziehen, ohne Diskriminierung nach Herkunft, Religion oder Geschlecht. Sie haben den geistig-ästhetischen wie auch den wirtschaftlichen und den politisch-sozialen Bereich zu umfassen und sich nicht nur auf die geistigen Fähigkeiten zu konzentrieren. Sie müssen auch die Entfaltung der Bedürfnisse, Gefühle und körperlichen Fähigkeiten beachten. Bildung darf nicht reduziert werden auf das Erlernen theoretischer Kenntnisse, sondern beinhaltet auch das Erproben praktischer Fertigkeiten und konkreter Tätigkeiten. Ziel ist auch, tradierte Geschlechterverhältnisse überwinden zu helfen.
Wir wollen eine bessere Schule und Chancengleichheit
Ausgehend von diesem Verständnis von Bildung positioniert sich die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken in der aktuellen Debatte um eine bessere Schule und mehr Chancengleichheit. In keinem vergleichbaren Land entscheidet die soziale Herkunft so immens über die Bildungschancen wie in Deutschland. Dies ist nicht hinnehmbar. Schulbildung muss dazu beitragen soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung zu überwinden und darf diese nicht erst schaffen. Die PISA-Studie hat durch die vorgelegten Ergebnisse an vielen Stellen eine Bildungsdebatte wiedereröffnet. Dabei hat sie die Schwächen u.a. des deutschen Schulsystems unter den Bedingungen der Verwertungskriterien moderner kapitalistischer Gesellschaften verdeutlicht. An vielen Stellen überschneiden sich die in der PISA-Studie analysierten Schwächen mit von uns und Anderen schon seit langem festgestellten. Unsere schon in den 70er Jahren eingebrachte Forderung nach der Aufhebung des dreigliedrigen Schulsystems und der Einführung der Gesamtschule erhält, nun wissenschaftlich fundiert, nachträglich Bestätigung.
Gesamtschule als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem
Daher muss Schluss sein mit der Selektion von SchülerInnen, die zumeist eine sozial bedingte Selektion ist. Selektion und Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems führen nicht dazu, dass die Einzelnen ihre Bildungspotentiale besser entwickeln können, sondern zu vermehrter Ungleichheit und Ausgrenzung. Gerade in Ländern mit einem ausgewiesen guten Bildungssystem findet eine solche Selektion nicht statt. Deshalb halten wir als Konsequenz die Forderung nach der Gesamtschule als flächendeckende Regelschule aufrecht. Die Gesamtschule verstehen wir dabei nicht als Ergänzung sondern als Alternative zum hierarchischen Schulsystem. Unsere Forderung steht dabei immer vorrangig im Zusammenhang mit der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und einer demokratischen Schule. Daher sind Gesamtschulen grundsätzlich als Ganztagsschulen einzurichten, pädagogisch abzusichern, auszubauen und auszustatten.
Aber die bisherige Umsetzung eines Gesamtschulkonzeptes hat massive Schwächen und erfüllt bei weitem nicht die Anforderungen, endlich ein Schulsystem zu schaffen, das Menschen in ihrem Bildungs- und Wissensdurst fördert und nicht selektiert. Ohne die Intention der PISA Studie aufzugreifen, nämlich nationale Schulsysteme unter modernen kapitalistischen Bedingungen zu vergleichen, können wir feststellen, dass es unabdingbar ist für eine gerechtere Entwicklung der Gesellschaft, dass Bildung nicht als Selektionsmechanismus und Ausgrenzungsstruktur funktioniert, sondern sich an den Fähigkeiten und Fertigkeiten einzelner zu orientieren hat. In diesem Sinne gilt es die Ergebnisse zu nutzen und den Umbau des Schulsystems voranzutreiben.
Die Förderung von mehr Ganztagsschulen ist der richtige Weg
Die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken begrüßt grundsätzlich die Initiative der Bundesregierung, die Voraussetzungen für die bundesweite Einführung der Ganztagsschule zu schaffen und fordert gleichzeitig die inhaltliche Weiterentwicklung dieses Konzeptes mit dem Ziel umfassender Ganztagsbetreuung und Förderung an Schulen. In der aktuellen politischen Situation ist es sinnvoll und wichtig, den Ausbau von Ganztagsschulen voranzutreiben, und dies mit der Forderung, Gesamtschule als Regelschule zu etablieren, zu verbinden. Ziele hierbei sind zum einen, sozial "vererbte" Benachteiligungen in Bezug auf Bildung auszugleichen und zum anderen, dass Erwachsene mit Kindern nicht in ihren beruflichen Perspektiven beeinträchtigt werden. Ein Abdrängen in Teilzeitarbeit oder geringfügige Beschäftigungsverhältnisse kann - auch vor dem Hintergrund der Diskussion um Armut bei Kindern und Jugendlichen - vor allem im Interesse der Kinder so vermieden werden. Der Ausgleich von unterschiedlicher Bildung ist deswegen notwendig, weil der Bildungsgrad über Lebensperspektive und -qualität entscheidet. So geht es uns um die bildungspolitischen und demokratischen Chancen, die mit der Ganztagsschule verbunden werden - nicht um eine weitere Optimierung von verwertbarer Leistung von SchülerInnen. Es wird jedoch wesentlich auf die Konzepte ankommen, mit denen als erster Schritt die Umsetzung der Ganztagsschule vorangetrieben wird.
Unsere Forderungen für eine bessere Ganztagsschule
Als Kinder- und Jugendverband bringen wir dabei folgende Aspekte in die Diskussion ein:
- Die Ganztagsschule darf keinesfalls eine Halbtagschule mit Suppenausgabe und angehängtem irgendwie gestaltetem Betreuungsbereich sein. Vielmehr steht unsere Vorstellung von Ganztagsschule immer im Zusammenhang mit (Gesamt-)schulkonzepten, die Schluss machen mit Aussiebmechanismen und Notendruck, sich über differenzierten Förderunterricht an Fähigkeiten und Interessen von SchülerInnen orientieren und eine Chance für alternative Lehr- und Lernformen (z.B. selbstorganisiertes Lernen) bieten.
- Die Ganztagsschule muss endlich Schluss machen mit dem Unsinn, einen Teil des Unterrichts in die Verantwortung der Eltern zu legen und somit das kommerzielle Hausaufgaben- und Nachhilfesystem endlich beenden. Dies war und ist nichts anderes als die Privatisierung von Bildung und ein sichtbares Zeichen für die Chancenungleichheit im Bildungssystem.
- Beim Ausbau von Ganztagsschulen und der Entwicklung entsprechender Konzepte müssen die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Vordergrund stehen! Wenn Schule mehr Lebensraum und -zeit von Kindern und Jugendlichen einnehmen soll, muss auch die Verfügung der Kinder und Jugendlichen über diese erweitert werden. Integraler Bestandteil für die Ganztagsschule muss die Ausweitung von Mitentscheidungsmöglichkeiten für SchülerInnen sein. Ist dies nicht so, wird nur noch mehr Lebensraum von Kindern und Jugendlichen durch Leistungsdruck und Konkurrenz besetzt. In einem solchen Fall lehnen die SJD - Die Falken Ganztagsschulen ab.
- Für eine Ausweitung von Partizipation und Mitbestimmung ist es unabdingbar, dass die Ganztagsschule auch endlich mehr Raum für Projektunterricht und Zeit zum selbständigen Lernen bietet. Alternative Lehr- und Lernformen müssen ausprobiert werden können. Es muss ein Angebot an fächerübergreifenden Projekten geben. Doch nicht nur über die Methoden des Lehrens und Lernens, auch über deren Inhalte müssen SchülerInnen mitbestimmen können.
- Weiterhin ist in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung, dass innerhalb und außerhalb des Rahmens der Ganztagsschule Kinder und Jugendliche ausreichend Freizeit im Sinne von Zeit, über die sie frei verfügen können, haben. Dies meint ausreichend Zeit und Ressourcen innerhalb der Schulzeit zur eigenen, freien und nicht kontrollierten Gestaltung, sowie ausreichend Zeit außerhalb der Schule für andere Aktivitäten. Dies schließt die Möglichkeit, außerhalb von Schule soziale Kontakte zu knüpfen, ein.
Wir sind uns bewusst, dass mit der längst überfälligen Einführung der Ganztagsschule insbesondere Jugendverbände in der Struktur ihrer Arbeit betroffen sind. Dies kann jedoch kein Grund sein, sich der Notwendigkeit der Ganztagsschule zu verschließen. Gerade angesichts des nicht nur durch die PISA-Studie belegten Versagens bisher dominanter Schulformen sind Jugendverbände und andere außerschulische Bildungsträger gefordert, sich mit ihrem Wissen und ihren Vorschlägen in die Debatte einzubringen. Das darf aber nicht dazu führen, dass der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit automatisch weniger Bedeutung beigemessen und damit einhergehend die finanzielle Förderung außerschulischer Kinder- und Jugendarbeit zurückgefahren wird. Die auch von uns angemahnte veränderte Unterrichtskultur kann und soll jedoch grundsätzlich nicht von der SJD - Die Falken geleistet werden. Auch wenn die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken bereits konkrete Kooperationsmöglichkeiten mit der Schule anbietet, sind diese Angebote keine Fortsetzung des schulischen Curriculums, sondern ergänzen Schule um Formen des selbstorganisierten und selbstbestimmten Lernens. Als Jugendverband haben wir nicht das Interesse, uns für schulische Aufgaben verpflichten zu lassen. Die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken hat jedoch das Interesse, die Entwicklung junger Menschen zu unterstützen und mitzugestalten und sich dort aktiv einzubringen, wo verbandliche Strukturen es erlauben.
Zusammenarbeit von Jugendverband und Schule
Jugendverband und Schule haben eigene, oft gegensätzliche Grundsätze, Methoden und Ansätze in ihrer Arbeit. Unseren Prinzipien von Freiwilligkeit und Partizipation steht bisher eine schulische Praxis gegenüber, die SchülerInnen im wesentlichen als Objekte des Lernens ansieht. Jede mögliche Kooperation muss in einem verbindlichen Rahmen die jugendverbandlichen Grundsätze gleichberechtigt absichern.
- Jugendverbandsarbeit macht an den Schulen eigenständige und zusätzliche Angebote. Sie darf weder preisgünstige Ausführungsgehilfin noch "Lückenbüßerin" für defizitäre schulische Leistungen sein.
- Verbandliche Angebote unterliegen auch im Rahmen der Ganztagsschule dem Prinzip der Freiwilligkeit, auch wenn sie entsprechend der eigenen Regeln in sich verbindlich sind.
- Alle Möglichkeiten für die Mitwirkung, Mitbestimmung und Selbstorganisation von SchülerInnen in der Schule müssen ausgeschöpft und aktiv gefördert werden.
- Um die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Schulen und Jugendverbänden auszuweiten, müssen Formen der sich gegenseitig ergänzenden Zusammenarbeit stärker als bisher gefördert werden. Dazu gehört die Fortbildung von haupt- und ehrenamtlichen Fachkräften ebenso wie die finanzielle Absicherung.
- Rechtliche Rahmenbedingungen für die Ausweitung des Tätigkeitsfeldes von Jugendverbänden auf die Zusammenarbeit mit und in Schulen sind zu schaffen.
- Die Angebote müssen dabei kostenfrei sein, um allen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu ermöglichen. Es kann kein bundesweit gültiges Konzept für die Ganztagsschule geben. Unverzichtbar ist, dass die Schulen gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern aus Jugendverbänden und Jugendhilfe sowie weiteren möglichen Initiativen ein ihnen, ihren Schülern und ihrem Einzugsbereich angemessenes eigenständiges pädagogisches Profil entwickeln.
Beschuss des Bundesausschusses der SJD - Die Falken am 11./12. Oktober 2003 in Regensburg.







