Die Schnauze voll seit mehr als hundert Jahren
06.06.2003: BESCHLUSS zu den Leitlinien der Bundes-SJ-Ringarbeit auf der Bundeskonferenz 2003
1. Von guten Gründen und schlechten Verhältnissen
„Aber nach meiner Überzeugung steht hinter dem großen Generalmarsch der große Kladderadatsch. Er kommt nicht durch uns, er kommt durch Sie selber. Sie treiben die Dinge auf die Spitze, Sie führen es zu einer Katastrophe. Sie werden ernten, was Sie gesät haben. Die Götterdämmerung der bürgerlichen Welt ist im Anzuge. Seien Sie sicher: sie ist im Anzuge!“ August Bebel 1911
Vor 100 Jahren zwangen elende Lebensbedingungen, Hungerlöhne und miese Ausbildungsverhältnisse, aber auch die heraufziehende Kriegsgefahr junge Arbeiterinnen und Arbeiter dazu, ihrem Widerstand eine organisierte Form zu geben. An der Seite der Sozialdemokratischen Partei organisierte sich die Sozialistische Arbeiterjugend gegen eine Gesellschaft, in der sie die kapitalistische Produktion von Waren als Quelle ihres Elends erkannt hatte. Die Erkenntnis, dass die Ursache ihrer Not nicht in den Naturbedingungen oder göttlicher Fügung zu suchen sei, sondern in der gesellschaftlichen Organisationsform, gab ihr die Kraft und den Mut, die erlebten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Aus einer Vereinfachung des historischen Materialismus erwuchs jedoch die trügerische Hoffnung, nur den notwendigen Verlauf der Geschichte zu erfüllen. Doch der “große Kladderadatsch“ und die erhoffte neue Zeit ließen auf sich warten.
Der Blick auf die Voraussetzungen sozialistischer Jugendarbeit zeigt heute, nach weiteren 100 Jahren Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, deutlich veränderte Rahmenbedingungen.
Zum einen hat sich die Hoffnung auf eine „neue Zeit“ im geschichtlichen Verlauf in eine politische Waffe unserer Gegner verwandelt. Unsere Argumente gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse werden am Scheitern des Versuchs der praktisch gemachten Kritik, an den Strukturen sogenannter realsozialistischer Staaten in Osteuropa vorgeführt. So wird Kritik am Kapitalismus abgewehrt und in Selbstzweifel der Veränderungswilligen gewendet, ohne sich mit Argumenten der Kritik zu stellen.
Zum anderen hat, innerhalb der europäischen Industriestaaten, die Tendenz der kapitalistischen Ausbeutung der Ware Arbeitskraft zur Verelendung v.a. durch wohlfahrtsstaatliche Klassenkompromisse zumindest zeitweilig an Dynamik verloren. Der gemeingefährliche Charakter des kapitalistischen Produktionsverhältnisses zeigt sich vor allem in der Relation der Lebens- und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Klasse zum gleichzeitig angehäuften gesellschaftlichen Reichtum in seiner abstraktesten Form.
2. Von der Zukunft der doppelten Freiheit
Der Kapitalismus hat des öfteren sein Erscheinungsbild verändert. Nach der Befreiung vom Faschismus standen die Zeichen auf “sozialer Marktwirtschaft“. Am Anfang des 21. Jahrhunderts zeigt sich jedoch, dass die erkämpften Lebensbedingungen für die Mehrheit der Menschen keineswegs als selbstverständlich und dauerhaft gesichert gelten können.
Die Produktivkraft der Gesellschaft wächst durch die Computerisierung der schon maschinisierten Produktion in enormer Weise. Man sollte meinen, diese Tendenz müsste geradewegs ins Schlaraffenland führen. Stattdessen wird die Produktion von immer weniger Menschen in immer intensiveren Arbeitsprozessen geschultert. Und der gezahlte Lohn reicht nicht für ein menschenwürdiges Leben. Tarifverhandlungen gelten oft schon dann als Erfolg, wenn die Inflation weitgehend ausgeglichen wird. Eine andere Seite des Angriffs auf den Lohn, die auch direkte Armutsrisiken schafft, sind Einschränkungen der Sozialversicherungen. (Eine Kürzung des Leistungsumfangs der Sozialversicherung ist eine indirekte Lohnkürzung). Die aktuellen Reformen im Sozialbereich drohen zu bewirken, dass die an der Produktion nicht Beteiligten dauerhaft aufgeteilt werden in eine Reservearmee potentieller Arbeitskräfte und jene, denen auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen gegeben werden und die an den Rand der Gesellschaft verdrängt werden. In den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist die Verteilungsfrage von Lohn, Vermögen und Macht weiterhin aktuell. Bei der Verteilung müssen wir weiterhin alle politischen Strukturen nutzen und neue entwickeln.
Die Flexibilisierungen der Arbeitsverhältnisse mögen Chancen für das Aufbrechen tradierter Rollen und Lebensverhältnisse eröffnen. Aber eine zunehmende Individualisierung der Lebensrisiken bietet nur denen ein Gefühl von Freiheit, die auch die Möglichkeiten haben, sich ihren Lebensentwurf zu verwirklichen. Für die Mehrheit bedeutet sie, dass schon in der Schulzeit der Druck wächst, aus der Selektion als SiegerIn hervorzugehen. Solidarisches Handeln nimmt ab, obwohl auch den SiegerInnen kein sorgenfreies Leben garantiert wird. Erfolglosigkeit wird als persönliches Versagen missverstanden. Es werden nicht die Maßstäbe, an denen man gescheitert ist in Frage gestellt, sondern die eigene Person.
Eine ganze Branche lebt davon, die Freizeit ihrer Mitmenschen zu verplanen. Ein Reflektieren der eigenen Situation steht hierbei nicht im Vordergrund. Im Gegenteil: Über die eigene Situation möchte man so wenig wie möglich nachdenken, die frustriert nur. In seiner Freizeit möchte man ja schließlich Spaß haben, wenigstens dort soll es einem gut gehen.
3. „.. brauchen wir noch Dich und Dich“ - Mehr heißt auch anders
Doch wir wollen als Sozialistische Jugend Ausbeutung und Herrschaft überwinden. Wir wollen die Passivität überwinden und Befreiung denkbar machen. Wir verbinden grundlegende Kritik an der bestehenden Gesellschaft damit, solidarische Kooperationsformen zu erproben. Die Kraft der Selbstorganisation ermöglicht die Verknüpfung eines kritischen Bildungsanspruchs mit Aktionsorientierung und konkretem Veränderungswillen.
Die auf der Bundeskonferenz im Mai 2001 beschlossene Mitgliederkampagne ist keinesfalls abgeschlossen. Immer mehr Verbandsgliederungen haben angefangen, den Gedanken der Mitgliederwerbung in ihrer Arbeit aufzugreifen. Ein Ziel des Bundes-SJ-Rings muss es sein, die Festigung dieses „Mentalitätswechsels“, bei allen Aktivitäten die Attraktivität und Offenheit des Verbandes für neue AktivistInnen mitzudenken, auf allen Gliederungsebenen voranzutreiben. Ausdruck dessen ist sicher die verstärkte Nachfrage nach den vom Bundesvorstand erstellten Werbematerialien. Diesem Bedürfnis gilt es gerecht zu werden und auch in den nächsten zwei Jahren den Gliederungen Werbe- und Arbeitsmaterialien in jugendgerechter Form zur Verfügung zu stellen. Das Werben um aktive Mitglieder kann dabei nicht losgelöst werden von der politisch-inhaltlichen Agitation. Es kann nur gelingen durch das Aufzeigen konkreter Handlungsmöglichkeiten und verbandlicher Betätigungsfelder.
Es muss der Bundesebene jedoch gelingen, mehr als bisher die kreativen Ideen von Gliederungen für alle verfügbar zu machen und so einen für alle AktivistInnen nutzbaren Synergieeffekt zu erzielen. So sind Anknüpfungspunkte an die produktiven Erfahrungen des „Pädagogischen Kongresses“ herzustellen. Der Bundes-SJ-Ring sieht es als seine Aufgabe an, hierfür gliederungsübergreifende Möglichkeiten der Kommunikation und des Austausches zu schaffen und auszubauen, wie z.B. das Bundes-SJ-Ringtreffen, das Internet-Forum und die bundesweite Aktionskartei. Nur als grundlegende Arbeitsaufgabe des ganzen Verbandes verstanden und durchgeführt, wird die Mitgliederkampagne Erfolge verzeichnen können.
Die Mitgliederkampagne steht jedoch für mehr als den rein quantitativen Anspruch, mehr junge Menschen zu organisieren. Als hierarchiekritische Organisation ist für uns die Mitgliederkampagne auch der Ausdruck unseres Bedürfnisses, den Grad der Selbstorganisation innerhalb unserer Strukturen zu erhöhen. Dies hat zur Voraussetzung, dass mehr Menschen unseren Verband für sich als taugliches Mittel zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und zur Umsetzung ihrer Ideen erkennen und nutzen wollen. Unsere Strukturen müssen daher klarer, offener und flexibler werden. Weniger eine bestimmten unverrückbaren formalen Aufbau der Organisation, sondern das Prinzip der solidarischen Selbstorganisation sollen neue GenossInnen bei uns erleben. Es wäre jedoch ein Missverständnis, das Prinzip der Selbstorganisation nur als „machen lassen“ zu interpretieren. Die eigene gesellschaftliche Situation zu verstehen und sich aufgrund von, als kollektiv erkannten, Interessen zu organisieren, hat Lern- und Bildungsprozesse zur Voraussetzung, wie auch zum Ergebnis. Wer sich bei den Falken organisieren will, sollte also nicht nur die Mittel an die Hand bekommen, sondern auch die Fähigkeiten erlernen können diese zweckmäßig einzusetzen. Solche Qualifizierungsangebote richten sich also sowohl an die im Verband groß gewordenen Mitglieder, als auch an Quer- und Neueinsteiger. Organisationsprinzipen erlernen zu können mag für einige ein guter Grund zum Einstieg in unsere verbandliche Arbeit sein. Es muss Spaß machen, Organisationsprinzipien zu erlernen und umzusetzen und damit zur Weiterentwicklung des Verbandes beizutragen. Auch hieran wird in den kommenden Jahren der Erfolg der Mitgliederkampagne zu messen sein.
4. „Wir lernen im vorwärts gehn...“
Die Arbeiterjugendbewegung wird 100 Jahre alt. Natürlich muss die Motivation, sich zu engagieren und zu organisieren, aus der erlebten Gegenwart und der erhofften Zukunft wachsen. Dennoch bietet das Jubiläum einen willkommenen Anlass, gängiger Geschichtspolitik, die immer auch auf die Konstruktion kollektiver Identitäten zielt, den Blickwinkel auf die letzten 100 Jahre als Geschichte der sozialen Kämpfe der arbeitenden und lernenden Jugend entgegenzusetzen. Dabei ist immer die inhaltliche Brücke von deren Anliegen und Erfahrungen zu den aktuellen Auseinandersetzungen – und von diesen zum eigenen alltäglichen Erleben der heutigen Jugendlichen - zu schlagen. Das muss nicht schwer fallen: Zentrale politische Anliegen der ersten Arbeiterjugendvereine, die sich als roter Faden durch die Geschichte unseres Verbands weiterverfolgen lassen, sind zum einen die Verbesserung der eigenen Situation in Ausbildung und Lohnarbeit, zum anderen der Kampf gegen Militarisierung und Krieg.
Sofern es uns um die Organisierung für die Durchsetzung eigener Interessen geht, kommen für eine sozialistische Jugendorganisation notwendiger Weise die Themen Schule und Ausbildung ins Blickfeld. Schule ist der Ort, an dem alle Jugendlichen wesentlichen Teile ihres Alltags verbringen, ohne zugleich diesen Ort als ihren Lebensraum umfassend gestalten zu dürfen. Vielmehr erleben sie hier tagtäglich die Bedeutungslosigkeit der eigenen Anliegen vor den Anforderungen des Lehrplans. Und jedes doch einmal aufgenommene Interesse (Diskussionen zu Krieg und Frieden, Castor und Genua) wird postwendend zum prüfungsrelevanten Auslesekriterium pervertiert. Die Schule bietet mit ihrem leistungsorientierten System der Selektion, ihrem Prinzip, Leistungen statt Erkenntnisse erzeugen zu wollen, eine Unzahl an kritikwürdigen Erfahrungen. Dass unser Verband in der SchülerInnenvertretungsarbeit kaum mehr verwurzelt ist, werden wir deshalb nicht weiter unbeantwortet lassen dürfen. Gerade hier können die bei den Falken erlernten Fähigkeiten zum Tragen kommen, hier kann der Verband seine Möglichkeiten anbieten, hier kann er auch neue MitstreiterInnen gewinnen. Für alle Beteiligten könnte auch der Versuch eine lehrreiche Erfahrung sein, die im Jugendverband erlernten Prinzipien der Selbstorganisation in der Schule zu verwirklichen. Dies würde dann zügig in der Schule die Systemfrage stellen...
Zur Zeit fehlen 160.000 Ausbildungsplätze für Jugendliche und damit vielen auch eine Perspektive für ihre berufliche Zukunft und zur materiellen Teilhabe an dieser Gesellschaft. Der Lebensabschnitt der beruflichen Bildung ist von großer Bedeutung für die Sozialisation Jugendlicher. Für uns als sozialistischer Jugendverband ist dieses Themenfeld daher neben dem Bereich Schule wichtiges Arbeitsfeld. Wir müssen in nächster Zeit zu diesem Thema Position beziehen und Jugendlichen inner- und außerhalb des Verbandes eine Orientierung in Form von Materialien geben, damit sich diese stärker für ihr Recht auf Ausbildung einsetzen und damit auseinandersetzen. Es ist auch eine verstärkte Vernetzung und Kooperation mit anderen Arbeiterjugendverbänden notwendig, um dieses Thema verstärkt in der Öffentlichkeit zu verankern und um Lösungsansätze zu entwickeln. Darüber hinaus sollen in Kooperation mit diesen Verbänden Veranstaltungen und Aktionen geplant werden, die die Zukunftschancen von Jugendlichen zum Thema haben.
Aus den beschriebenen Schwerpunkten ergeben sich für den Bundes-SJ-Ring folgende konkrete Arbeitsvorhaben für die nächsten zwei Jahre:
I. Publikationen
Mehr aktive Mitglieder erreichen wir nur mit stetiger und zielgruppengerechter Öffentlichkeitsarbeit. Weiteres Kampagnenmaterial (Flyer, Leporellos, Plakate), das Positionen und Handlungsfelder benennt und zum Mitmachen auffordert, wird u.a. gezielt für Bereiche Schule und Ausbildung erstellt.
Als Hilfestellung für die verbandliche Selbstorganisation führt der Bundesvorstand die begonnene Aktionskartei fort und wird einen „Roten Faden“ für die Neugründung von Gruppen und Ortsverbänden erstellen.
Als ständige Publikation für Jugendliche im Verband, aber auch mit öffentlicher Aussagekraft über Positionen, Diskussionen und Aktivitäten des Verbands, wird die AJ fortgeführt und sowohl als Print- wie als Online-Ausgabe veröffentlicht, wovon eine als Sonderausgabe zum 100jährigen Betsehen des Verbandes erscheint.
II. Veranstaltungen
Mit dem Pädagogischen Kongress 2002 ist uns ein erster Schritt des ringübergreifenden produktiven Austauschs über die Grundlagen und die Reflektion unserer Praxis gelungen. Die Ergebnisse dieses Kongresses müssen ausgewertet und veröffentlicht werden, damit sie auf dem nächsten Ringtreffen diskutiert werden können. Dies darf nur der Auftakt für einen ständigen kreativen Prozess sein, der sich verstärkt mit politischen Inhalten auseinanderesetzt. Als jährlichen zentralen Ort hierfür in enger Verknüpfung mit der Vor- und Nachbereitung der konkreten Jahresarbeit bieten wir das SJ-Ring-Treffen an, auf dem wir uns 2003 mit unserem 100 jährigen Bestehen auseinandersetzen werden.
Die Weiterentwicklung unserer Theorie im übergreifenden Austausch wird aber nur konkret, wenn wir auch gemeinsame zentrale Praxisfelder schaffen. Aus ihnen stärkt und entwickelt sich und durch sie verknüpft sich auch dezentrale gemeinsame Kampagnenfähigkeit. Unser Vorschlag für eine zentrale Maßnahme ist ein ringübergreifendes Bundespfingstcamp 2004, auf dem wir unseren runden Geburtstag feiern wollen.
Mit einem festen Platz im Bildungsplan bietet das jährliche große Seminar anlässlich des Jahrestags der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Gelegenheit, kritische und kreative Blicke auf die Geschichte und Zukunft unserer Bewegung zu werfen. Die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung, aber auch die Auseinandersetzung mit uns angemessenen Formen des Gedenkens sind Teil davon. „Rosa und Karl“ lebt auch davon, dass viele Gliederungen ihre Themen und Blickwinkel aktiv beitragen.
Nach den guten Ansätzen der politischen Bildung und der Ergänzung um eine Aktionsorientierung der Winterschule im SBZ/SAH wird der Bundes-SJ-Ring in Kooperation mit den interessierten Gliederungen und der Bildungsstätte sich für eine bessere Verankerung engagieren und die Fortführung sichern.
Ergänzend unterstützt und begleitet der Bundes-SJ-Ring die Internationale Winterschule im KLH – auch als hervorragende Kontaktbörse zu Mitgliedern unserer europäischen Schwesterorganisationen.
Mit großer Mehrheit bei einigen Gegenstimmen und Enthaltungen auf der 30. Bundeskonferenz 2003 in Dresden beschlossen.







