Es kommt darauf an, die Welt zu verändern

05.06.2003: BESCHLUSSFASSUNG zu den "Leitlinien für die Arbeit der kommenden Jahre"

1) "Ich weiß, dass die Welt sich noch mal ändern wird"(Die Toten Hosen)

Seit 1989 wird immer wieder behauptet, die Idee des Sozialismus habe sich erledigt. Wer nicht erkenne, dass es zur profitorientierten Wirtschaftsweise und zum bürgerlichen Nationalstaat keine Alternative geben könne, dürfe nicht erwarten, in politischen Diskussionen ernst genommen zu werden.

Diese geschichtliche Schlussfolgerung ist nicht die unsere. Wer diese Gesellschaftsordnung als beste aller möglichen Welten akzeptiert, hat eine Sichtweise auf die bestehenden Verhältnisse verinnerlicht, die wir als Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken nicht teilen. Wir sagen, die Weltordnung, in der nicht alle Menschen in gleicher Weise die Möglichkeit haben, ihr Leben frei zu gestalten und sich ein schönes Leben nach ihren Vorstellungen einzurichten, ohne auf Kosten anderer zu leben, gehört verändert.

Auf Dauer gilt es, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." Und es gilt, in diesem Sinne hier und jetzt etwas zu bewegen.

Dass die bestehende Ordnung das „Ende der Geschichte“ weder sein kann noch als solches hinnehmbar ist, belegt schon der beispielhafte Blick auf einige Entwicklungen: Der Angriffskrieg gegen den Irak und das diplomatische Kräftemessen hierum sind kein politisches Einzelereignis, sondern können nur begriffen werden als ein weiterer Schritt zur Globalisierung militärischer Gewalt, als weitere Eskalationsstufe eines permanenten Kriegszustands. Es ist in dieser Situation vollkommen richtig und notwendig, eine Stärkung der Vereinten Nationen und des Friedens-Völkerrechts zu fordern.

Wir brauchen mehr als eine Stärkung der Vereinten Nationen

Doch unsere Analyse und Kritik geht darüber hinaus: Es liegt letztlich in der Logik des Kapitalismus, dass die Sicherung gemeinsamer Grundlagen der Ausbeutung, aber auch das Austragen von Konkurrenzen zwischen den kapitalistischen Zentren um den Zugriff auf Ressourcen und Märkte und den politischen Einfluss in Regionen der Welt im Zweifel auch die Formen kriegerischer Militärgewalt annimmt. Wenn auch die US-Administration gegenwärtig besonders krass auf die militärische Karte setzt - an der entsprechenden Aufrüstungsspirale und der Umsetzung offensiver Militärdoktrinen sind auch BRD und Kern-EU als sich formierender Block beteiligt.

Diese Politik, die Krieg zu ihrem Mittel macht, verachtet das Leben. Und sie generiert und provoziert Unsicherheit und Terror, der auch in die Metropolen zurückschlägt, statt ihm die Grundlage zu entziehen. Kapitalistisches Wirtschaften hat eine schier unermessliche Produktivitätsentwicklung und die Schaffung ungeahnten gesellschaftlichen Reichtums hervorgebracht, ohne aber zugleich die Teilhabe aller Menschen an diesen Reichtümern zu gewährleisten. Zur notwendigen Kehrseite gehörten immer auch Armut, Hunger und Ausgrenzungen.

"Hartz" und "Agenda 2010" setzen an den falschen Problemen an

Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass der Prozess der Rationalisierung der Produktion eine Stufe erreicht, wo diese dauerhaft die mögliche Ausweitung der Märkte übersteigt. In dem absurden Systemwiderspruch, dass die Aneignung der mit immer weniger Arbeit produzierten Güter allein an die rentable Verausgabung von Arbeit gebunden bleibt, liegt ein Dilemma für die kapitalistische Ordnung selbst, die auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft beruht. Die „überflüssigen“ Arbeitskräfte fallen damit auch als Marktsubjekte weg, was die Märkte weiter verengt. Zusammen mit den Produktionskapazitäten scheidet der Weltmarkt Millionen „überflüssig“ gewordener Menschen aus. Ihre produktiven Fähigkeiten werden nicht mehr gebraucht und müssen ‘stillgelegt’ werden. Diesem Prozess sind seit den 70er Jahren ganze Volkswirtschaften in der „Dritten Welt“ zum Opfer gefallen, in diesen Prozess lässt sich auch die umfassende Vernichtung der produktiven Basis in ehemals „realsozialistischen“ Ländern einordnen. Er macht auch vor unserer „Wohlstandsinsel“ nicht halt: Hier trägt er das Gesicht der strukturellen Massenarbeitslosigkeit.

Auch vor diesem Hintergrund scheint es nicht nur unsozial, sondern zudem wenig problemorientiert, wenn nun vermittels „Hartz“, „Agenda 2010“ etc. der Preis der Lohnarbeit zu Lasten der Lohnabhängigen gesenkt werden soll und z.B. die Verlängerung der individuellen Lebensarbeitszeit angestrebt wird.

2) "Euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt"(Wir sind Helden)

Gegen die herrschende Ideologie, jeder sei seines schönen Lebens Schmied, setzen wir den Anspruch, die gesellschaftliche Bedingtheit des Scheiterns unserer Bedürfnisse zu begreifen, und einen Kampf um die Köpfe und Herzen zu führen für das Bewusstsein, dass gesellschaftliche Verhältnisse beeinflussbar und überwindbar sind. Es ist bereits ein wichtiger Schritt, Befreiung überhaupt wieder zu denken!

Menschen brauchen den utopischen Überschuss

Neben dem Begreifen der gesellschaftlichen Mechanismen ist es auch ein utopischer Überschuss, den Menschen brauchen, um Willen und Kraft zu entfalten, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen zu erkämpfen oder sich auch nur gegen die Zumutungen der kapitalistischen Zurichtung zur Wehr zu setzen. Dabei geht es weniger um abstrakte große Weltentwürfe für spätere Generationen, auch wenn wir nach wie vor davon überzeugt sind, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln überwunden werden muss - nur so kann gesamtgesellschaftlich eine gebrauchswertorientierte Ökonomie möglich werden. Heute geht es zunächst darum (selbst im Bewusstsein des immer wieder notwendigen Scheiterns) alle kleinen praktischen Schritte zu gehen, die aus der Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Kapitalverwertungslogik hinausweisen. Dazu können z.B. eine emanzipatorisch ausgerichtete Offensive im Kampf um Arbeitszeitverkürzung, die praktische Solidarität mit entrechteten Flüchtlingen oder das Einfordern umfassender Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in der Schule genauso gehören wie bereits der Kern unseres eigenen regelmäßigen Tuns als Falken-Verband, die selbstorganisierte Kinder- und Jugendarbeit, das gemeinsame Gestalten von Gruppenstunden und Zeltlagern.

Den sozialistischen Kinder- und Jugendverband immer wieder neu erfinden

Wir stehen in der Tradition von fast einem Jahrhundert Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen, die im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Vorstellungen von Sozialismus entwickelt haben und davon, wie er denn zu verwirklichen sei. Es ist unsere Aufgabe, wie all derer vor uns, den sozialistischen Kinder- und Jugendverband immer wieder neu zu erfinden und zu bestimmen, was an diesem Punkt der Geschichte den Kampf für den Sozialismus und die sozialistische Kinder- und Jugendarbeit ausmacht. Dabei können uns der reiche Erfahrungsschatz und, gerade im kommenden Jubiläumsjahr, das Reflektieren und das Wissen um frühere Strategien, Erfolge und Niederlagen unserer Bewegung leiten: „Wir lernen im vorwärts gehen...“.

Seit hundert Jahren Selbstorganisation

Doch gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit, die uns mit allen früheren Generationen der Sozialistischen Jugend verbindet: Das Prinzip der Selbstorganisation. Wir wissen, dass wir für uns selber und füreinander verantwortlich sind, wir handeln entsprechend und wir wollen möglichst viele Kinder und Jugendliche dazu befähigen, das mit uns ebenso zu tun.

In unserer gemeinsamen Freizeitgestaltung erproben wir solidarische Aushandlungs- und Kooperationsformen, die schon ein Stück Vorwegnahme unserer Vision einer freien Assoziation beinhalten. Viel ist schon gewonnen, wenn Kinder schlicht lernen, sich in demokratischen Gruppenprozessen wohler zu fühlen als in autoritären Strukturen. Wenn es im verbandlichen Alltag gelingt, eigene Interessen gemeinsam um- und durchzusetzen, kann unsere Bildungsarbeit daran anknüpfend die Veränderbarkeit der Verhältnisse im gesellschaftlichen Maßstab denkbar und im Verbund mit einer in die Öffentlichkeit zielenden Aktionsorientierung handhabbar machen.

Interessen formulieren und Gemeinsamkeiten finden

Wir wollen Kinder und Jugendliche ermutigen und befähigen, sich mit den eigenen Interessen auseinander zu setzen, Gemeinsamkeiten zu erkennen, zu formulieren und sich solidarisch für die eigenen Belange und die anderer einzusetzen. Damit tragen wir zur Herstellung eines die Passivität, das Ertragen erlebter Herrschaft überwindenden gesellschaftlichen Klimas bei.

Es ist gerade wichtig, das Bewusstsein der Jugend für gesellschaftliche Verhältnisse zu schärfen. Nur wenn die Theorie unseres Gesellschaftsideals nicht in Vergessenheit gerät, wenn wir die Begriffe vermitteln, die zum Verstehen des Kapitalismus und der weltweiten aktuellen Entwicklung nötig sind, werden wir und folgende Generationen in Zukunft in der Lage sein, sozialistische Ideale zu verbreiten und zu leben.

Dazu gehört auch die hörbare und klare tagespolitischen Positionierung als sozialistischer Kinder- und Jugendverband. Wenn an den Chancen von Kindern und Jugendlichen gespart wird, wenn die Schutzrechte von ArbeitnehmerInnen in Frage gestellt und Kapitalinteressen bedient werden, muss die Sozialistische Jugend dies mit der gebotenen Schärfe angreifen, unabhängig vom Parteibuch der zuständigen MinisterInnen. Zugleich gilt es, gerade eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung besonderem Erwartungsdruck auszusetzen und unseren konkreten Vorschlägen und Forderungen in aktuellen Auseinandersetzungen z.B. um die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und Ausbildungsnotstand Nachdruck zu verleihen.

Eine weitergehende gesamtgesellschaftliche Perspektive der sozialistischen Linken wird weder aus der Luft noch allein in theoretischen Debatten entstehen, sondern nur in praktischen Kämpfen und Erfahrungen: Überall wo Menschen in diesen Kämpfen die Logik des herrschenden Systems kollektiv in Frage stellen und (partiell) zu durchbrechen versuchen, kann eine emanzipatorische Alternative zur kapitalistischen Barbarei sichtbar gemacht und als Anspruch lebendig gehalten werden. Wichtig ist, dass alle Kampffelder besetzt bleiben und sich verschiedene theoretische und politische Ansätze zu wirkungsvollen und ausstrahlungsfähigen Bündnissen zusammenfügen. Dazu tragen wir mit unserer Arbeit bei.

3) "Ohne uns, ohne uns geht´s nicht!" (Grips-Theater)

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des freiwilligen Engagements in Zusammenschlüssen und Organisationen wie der unseren haben sich seit Jahren erheblich verändert. Lebenswelten werden geradezu durchökonomisiert, was sich sowohl in der Durchdringung der Freizeit von kommerziellen Angeboten als auch in einem flexibilisierenden Formwandel der Ware Arbeitskraft, einer tendenziellen räumlichen und zeitlichen Entgrenzung der Ausbeutung, in der Erziehung zur/m „UnternehmerIn der eigenen Arbeitskraft“ und einer verschärften Konkurrenz um individuelle Teilhabe und Zukunftschancen äußert. Damit verändern sich – im Verbund mit einem ideologischen Rollback und der vermeintlichen Vergeblichkeit politischer Bewegung - zwangsläufig Leitbilder der Lebensgestaltung.

Es verändern sich aber auch die objektiven Möglichkeiten, sich kontinuierlich zu engagieren. Diese Tendenzen dürfen wir bei der Gestaltung unserer Arbeits- und Organisationsformen nicht ignorieren. Auch in diesem Zusammenhang gilt, dass das Begreifen dieser Bedingtheiten und Bedingungen ein wichtiger Schritt zur Vermeidung von Frust und Selbstzweifeln ist. (Umgekehrt ist die Gefährdung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten auch ein zusätzliches wichtiges Argument in der Auseinandersetzung gegen arbeitsmarkt- und sozialpolitische Verschärfungen.)

Erschwerend kommt hinzu, dass in vielen Bundesländern vor dem Hintergrund der (vermeintlichen) Sparzwänge der Umfang der Unterstützung verbandlich selbstorganisierter Kinder- und Jugendarbeit als solcher erheblich reduziert und mitunter deren Sinnhaftigkeit grundsätzlich in Frage gestellt wird. Doch müssen wir uns in diesen Auseinandersetzungen – in dieser Frage gemeinsam mit unseren PartnerInnen in den Jugendringen - nicht verstecken. Auch wenn wir selbst richtigerweise immer einen kritischen Blick auf die Effektivität und Angemessenheit unserer Strukturen und Handlungsformen behalten, sollten wir nicht versäumen, einen gewissen Stolz zu bewahren und auf das zu verweisen, was wir als Selbstverständlichkeit betrachten und tagtäglich in ehrenamtlicher Arbeit in unseren Gruppen, Jugendhäusern, Zeltlagern, Fahrten, Seminaren, Konferenzen, Festen und Straßenaktionen ermöglichen. Mag sein, dass wir manchmal noch nicht laut genug werden. Aber wir sind da.

Partizipation ist unsere Existenzgrundlage

Wenn aller Orten von Partizipation die Rede ist, können wir besondere Qualitätsmaßstäbe anlegen: Unmittelbare Mitbestimmung und gelebte Demokratie ist geradezu die Existenzgrundlage der Kinder- und Jugendverbandsarbeit. Hier wird auf unterster Ebene über Organisationsziele gestritten, Verantwortung übernommen und werden Interessen artikuliert, hier gibt es wirklich selbst etwas zu entscheiden. Wir werden in vielen Bereichen gar nicht umhin können, uns auch auf neue Angebots- und Kooperationsformen in der Jugendhilfe sowie z.B. zwischen Jugendarbeit und Schule einzulassen. Wir sind auch in der Lage, dies kreativ, kompetent und selbstbewusst zu tun, weil wir als gewachsener Verband Struktur, Erfahrung und vielfältig erprobte Konzepte haben.

Solidarische Selbstorganisation in demokratischen Strukturen

Entscheidend für uns selbst ist dabei, dass wir unser wichtigstes Pfund, mit dem wir wuchern können, nämlich das Rückgrat und das Potential der solidarischen Selbstorganisation in demokratischen Strukturen, nicht nur bewahren, sondern durch die Integration der Möglichkeiten erweiterter Angebote und Arbeitsformen stärken. Nur wo dies gelingt, sind solche Wege richtig. Wir bleiben uns selbst treu, in dem wir den Anspruch der Antizipation und Partizipation auf allen Ebenen ernst nehmen. Wenn wir diesen Qualitätsmaßstab hochhalten, kann uns ein falscher Professionalisierungsfetisch nicht allzu sehr imponieren – auch, wenn der in der Landschaft der Jugendhilfe hoch im Kurs ist (und oft eigentlich Bürokratisierung und Durchökonomisierung bedeutet).

Freiwillige Gruppenbildungsprozesse als Lernfeld sozialistischer Erziehung

Die uns wichtigen Lern- und Handlungsfelder sozialistischer Erziehung lassen sich vor allem durch freiwillige, auf Kontinuität gerichtete Gruppenbildungsprozesse erschließen. Über gemeinsame Aktivitäten, Gruppenstunden und Zeltlager lernen die Kinder und Jugendlichen sich mit dem Verband zu identifizieren, in deren Rahmen kann das Gefühl der Freundschaft sich entfalten, die Haltung der Solidarität zum tragen kommen und die Befähigung zum Eingreifen in die sozialen Kämpfe erarbeitet und erprobt werden. Wo immer es geht, müssen wir die Gruppenstunden fördern, denn vor allem durch Gruppen können wir Kinder und Jugendliche an den Verband binden, können wir auf eine feste Zahl Kinder und Jugendlicher bauen, die den Verband stärken und das Leben im Verband mitgestalten. Hier liegt der Kernbereich unserer politisch-pädagogischen Arbeit, auf den auch Praxishilfen und Qualifizierungsangebote vor allem zu zielen haben.

Mehr werden für eine gerechtere Welt!

Wenn wir unsere Möglichkeiten als Selbstorganisation nutzen, erhalten und erweitern wollen, müssen wir mehr werden! Unserer Meinung nach ist es nur dann möglich, „mehr zu werden“, wenn wir uns mit einer klaren linken, einer klaren sozialistischen Position an die Kinder und Jugendlichen wenden, ihnen zeigen, dass wir für eine sozialere und gerechtere Welt stehen. Wir brauchen mehr aktive GenossInnen, die unsere Ideen und Vorhaben tragen können: Wir brauchen eine sich nachwachsend stärkende Struktur als Mitgliederverband. Im Grunde haben wir im Zeichen der vor zwei Jahren in Nürnberg verabredeten „Mitgliederkampagne“ gerade erst begonnen, Tritt zu fassen bei der Produktion geeigneter Materialien für eine offensive Öffentlichkeitsarbeit. Es geht weiter darum, diesen Anspruch, bei allen Aktivitäten die Attraktivität und Offenheit des Verbands für neue AktivistInnen mitzudenken, in der täglichen Arbeit aller Gliederungsebenen zu festigen. Hier ist der Bundesvorstand unverändert in der Pflicht, konzeptionell und mit geeigneten Handreichungen und „Werbeträgern“ zuzuarbeiten, die potentiellen neuen aktiven Mitgliedern konkrete Handlungsmöglichkeiten, politische und pädagogische Betätigungsfelder in unserem Verband eröffnen.

(Selbst)organisation muss Qualität haben

Der an uns selbst gerichtete Qualitätsmaßstab der Selbstorganisation heißt von der Zeltgruppe bis zum Trägervereinsvorstand aber auch: Unsere verbandlichen Strukturen dürfen nie zum Selbstzweck verkommen. Sie müssen unseren Mitgliedern immer als möglichst starkes Instrument zur Umsetzung und Absicherung ihrer Interessen und Ideen dienen. Die unmittelbare Beeinflussbarkeit der Organisationsformen unserer Arbeit muss für alle aktiven GenossInnen immer erkennbar sein. Dazu gehört das Hinterfragen und Überwinden von Rede- oder Geschäftsordnungsritualen und insgesamt der Dominanz von Verhaltensweisen – meist männlicher – „Politzocker“. Die Strukturen müssen auch offen genug sein, dass der Verband Interessierte, die bereit wären, zunächst den kleinen Finger zu reichen und konkrete Arbeit voranzubringen, nicht abschreckt, in dem er sofort die ganze Hand verlangt.

Praktische Prozesse der verbandlichen Entwicklung, wenn junge GenossInnen in den Verbandsgliederungen sich ihre Gremienwelt erschließen und so machen, wie sie ihnen gefällt, müssen mit freudiger Neugier und konstruktiver Kritik begleitet werden. Entscheidend ist, dass Strukturanpassungen aus der Mitte der Selbstorganisation gewollt und breit getragen sind sowie demokratische Legitimierung und Überprüfbarkeit, das Primat des Ehrenamts und die Kompatibilität mit den gesamtverbandlichen Kommunikations- und Entscheidungswegen sicherstellen.

Besondere Beachtung sollte der Bedeutung der beiden Arbeitsringe (F- und SJ-Ring) als wesentliche organisatorische Rahmen unserer praktischen und theoretischen Arbeit geschenkt werden.

4) „Mit Macht heran und haltet Schritt...“ (H. A. Eildermann)

Im kommenden Jahr wird die ArbeiterInnenjugendbewegung 100 Jahre alt. Das werden wir kräftig feiern - gemeinsam mit GenossInnen aus vielen Generationen, die unsere Bewegung über die Jahrzehnte gestaltet und vorangebracht haben. Das Jubiläum können wir zum Anlass nehmen, uns die Geschichte der Organisierung und der sozialen Kämpfe der lernenden und arbeitenden Jugend zu erschließen, um auf sie aufzubauen und aus ihr zu lernen. Klar ist, dass die Motivation, sich heute zu engagieren und zu organisieren, letztlich nur aus der erlebten Gegenwart und der erhofften Zukunft wachsen kann. Wir müssen deshalb immer die Brücke von der Geschichtsarbeit zu den aktuellen Aufgaben und Auseinandersetzungen schlagen.

Wenn wir „100 Jahre ArbeiterInnenjugendbewegung“ als einen roten Faden unserer Jahresarbeit und unseres öffentlichkeitswirksamen Auftretens nehmen, verknüpfen wir dies mit der geschärften Profilierung der SJD – Die Falken als Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen.

Das heißt zum einen – als Akzentuierung für den F-Ring - , den gesellschaftlichen Diskurs zur Beteiligung von Kindern, die als Floskel ja fast alle im Munde führen, aufzugreifen, dessen Begrenzungen überall da, wo es spannend wird, zu kritisieren und unsere Ansätze und Möglichkeiten der Mitbestimmung dagegen zu stellen. Denn in unseren Gruppen und Zeltlagern lernen Kinder, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen, zu formulieren und auszuhandeln. Und wir können ihnen Anstöße geben, die gesellschaftliche Dimension und Bedingtheit ihrer Interessenlagen zu durchdringen.

Der Anspruch - so lässt es sich insbesondere für den SJ-Ring sagen - , als Selbstorganisation von Jugendlichen und als deren Interessenvertretung in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen präsent zu sein und in sie einzugreifen, muss sich nicht zuletzt im Lebensalltag konkretisieren. Wir müssen junge Leute da abholen, wo ihnen das Leben schwer gemacht wird, und an diesen konkreten Widrigkeiten und Widersprüchen ansetzend mit ihnen Kritik, Standpunkte und Handlungsorientierungen erarbeiten.

Für die Einlösung unseres Anspruchs, Interessen junger Menschen zu vertreten, aber auch für unsere eigene verbandliche Existenzsicherung ist es auf allen Ebenen von einiger Bedeutung, die uns zugeschriebene kinder- und jugendpolitische Kompetenz unter Beweis zu stellen und ständig zu aktualisieren. Von der Bundesebene aus muss es gewährleistet werden, den Informationsaustausch und die Qualifizierung unserer VertreterInnen in Jugendringen und Jugendhilfeausschüssen zu organisieren. Neben die unmittelbar haushalts- und förderpolitischen Auseinandersetzungen, die nirgends leichter werden, tritt u.a. die fachliche Debatte um Partizipations-„Modelle“ und die kritisch-konstruktive Begleitung der durch die Bundesregierung angestoßenen und von uns im Grundsatz begrüßten Ganztagsschulen-Offensive.

Mädchen- und Frauenpolitik

Ein für unser Selbstverständnis wesentliches Handlungsfeld ist die Mädchen- und Frauenpolitik. Im Geschlechterverhältnis treten strukturelle Ungleichheit und Herrschaftsförmigkeit so deutlich zu Tage, dass dies von strategischer Bedeutung für eine sozialistische Erziehungsorganisation sein muss, die zur Kritik der bürgerlichen Gesellschaft anspornen will. Auch sind wir – wie alle linken Zusammenhänge - kein bisschen vor der Gefahr geschützt, Sexismus und patriarchale Strukturen in unserem verbandlichen Alltag zu reproduzieren. Schon um den Raum für die entsprechende Bewusstseinsbildung zu erkämpfen und zu stabilisieren, ist unverändert und auf allen Ebenen parteiliche Mädchen- und Frauenarbeit (und auch die Stärkung eigener lesbischwuler Arbeitszusammenhänge) notwendig. Es ist ein Teil der Frage nach dem Grad und der Qualität unserer Selbstorganisation, wie wir überkommene geschlechtsspezifische Zuordnungen von Leitungs- und Arbeitsbereichen an den Wurzeln packen können. Die Stärkung einer selbstbewussten Mädchenarbeit ist eine Aufgabe, die über entsprechende praktische Aktivitäten ihre tatsächliche Verankerung in den regionalen Verbandsgliederungen (wieder) finden muss. Gleichberechtigung in allen Verbandsbereichen lässt sich nur verwirklichen, wenn wir unsere Strukturen und Arbeitszusammenhänge auf deren Bedeutung für beide Geschlechter hin überprüfen. Dafür stellt das Gender-Mainstreaming ein hilfreiches Konzept für unsere Verbandsarbeit dar. Als Gegenstück und notwendige Ergänzung der Mädchenarbeit ist auch weiterhin der Aufbau einer kontinuierlichen und funktionierenden antisexistischen und antipatriarchalen Jungenarbeit ein wichtiges Ziel.

Internationale Solidarität

Die internationale Solidarität und die aktive Mitarbeit in den Internationalen IFM-SEI und IUSY sind Teil unserer Identität als sozialistischer Kinder- und Jugendverband. Der Kampf um Befreiung ist für uns nur als internationaler Kampf denkbar und führbar. Für die Entwicklung der IFM-SEI haben wir in den letzten Jahren einige Verantwortung übernommen. Wir freuen uns, in unserem Jubiläumsjahr 2004, das auch das 80. Gründungsjahr der Sozialistischen Erziehungsinternationale ist, den Kongress der IFM-SEI ausrichten zu können. Auch innerhalb der IUSY (und ECOSY) hat unser Verband in den letzten Jahren – nicht zuletzt durch die Sprache von Jugendkultur und Selbstorganisation - Gewicht gewinnen und v.a. zugunsten antimilitaristischer und feministischer Positionierungen in die Wagschale werfen können. Diese Wege gilt es fortzusetzen. Ein entscheidender Erfolgsmaßstab unserer internationalen Arbeit ist die konkrete Erlebbarkeit unserer Internationalen für alle aktiven Falken im direkten Jugendaustausch und durch das Wissen um die Kämpfe unserer Schwesterorganisationen in allen Teilen der Welt. In diesem Sinne betreiben wir die internationale Vertretung der SJD – Die Falken nicht als folgenlose Jugenddiplomatie, vielmehr sozusagen als „Kontaktbörse“ für unsere Gruppen.

5) „Uns fehlt nicht die Kraft, uns fehlt nicht der Mut.“ (TSS)

Die vorhandenen Möglichkeiten und Ressourcen des Verbands fair einzuschätzen heißt, sich den Aufgaben gemeinsam zu stellen. Dies betrifft die Themenwahl, die Entwicklung des Verbandes sowie ggf. die Ausgestaltung und Durchführung der zentralen Aktivitäten. Diese können nur gelingen, indem gemeinsam definierte konkrete Ziele ihre Umsetzung durch die arbeitsteilige Anstrengung vieler, möglichst aller, Gruppen und Gliederungen erfahren. Im selbstorganisierten Kinder- und Jugendverband existiert keine Ebene als abstrakter Dienstleister. Ein Bundesverband kann bestenfalls so stark sein wie die Summe seiner Gruppen und Gliederungen, seiner örtlichen und überörtlichen Zusammenhänge, und deren Motivation, gemeinsam handelnd die Welt zu verändern. Es ist eine bewusste Entscheidung, als Gliederung übergreifende Handlungsebenen mitzutragen und auch eigene Kapazitäten und Positionen dort einzubringen. Es ist daher legitim und notwendig, immer wieder die Aufgaben und Erwartungen an diese übergreifenden Ebenen und insbesondere an den Bundesverband zu hinterfragen und vor dem Hintergrund der dafür freizustellenden Arbeitskapazitäten, aber auch der politischen Notwendigkeiten zu bestimmen.

Es stimmt aber auch die Umkehrung, dass Identität und Stärke für die Arbeit vor Ort nicht zuletzt aus bundesweiter (und internationaler) Handlungsfähigkeit und Organisationskraft wachsen können. Sozialistische Erziehung findet natürlich zuallererst im Stadtteil statt, aber in sich gekehrt und zurückgezogen, ohne Austausch, Orientierung und Kooperation funktioniert sie dort nicht - weder theoretisch noch praktisch. Doch nur wer sich auf die Absicherung und Gestaltung überregionaler und bundesweiter gemeinsamer Arbeitsebenen einlässt, wird am Ende vom gestärkten Rückgrat und den Impulsen eines sich weiter entwickelnden Gesamtverbands profitieren können.

Um den sozialistischen Charakter unserer Organisation immer wieder neu zu bestimmen und herzustellen, ist es notwendig, übergreifend im ganzen Verband einen lebendigen Austausch über Bedingungen, theoretische Ansätze, Ziele, Wege und Methoden unserer politisch-pädagogischen Arbeit zu pflegen, der sich aus unterschiedlichen analytischen Ansätzen und praktischen Erfahrungen speisen kann. Da immer neue Generationen von jugendlichen EhrenamtlerInnen immer neue Erfahrungen einbringen und sich so immer neue Meinungen über die sozialistische Erziehung finden werden, muss dieser Diskussionsprozess fortwährend sein und kann nie abgeschlossen werden. Eine Auseinandersetzung mit den Zielen der sozialistischen Erziehung und unseren Inhalten ist nötig, um auf Bundesebene und vor Ort politisch zu handeln, unsere Meinung und Ziele zu vertreten und Bündnisse eingehen zu können.

Wer reden will, sollte auch wissen, worüber er redet und warum. Politische Bildung fällt nicht vom Himmel, sie muss gut konzeptioniert und regelmäßig an die Helferin und den Helfer gebracht werden, der Bundesverband muss mit seinem Fachwissen und seinen Ressourcen dafür Sorge tragen, dass sich HelferInnen bundesweit zu bezahlbaren Maßnahmen treffen können. Dieser Erfahrungsaustausch trägt zu einer gemeinsamen Positionierung bei. Die Entwicklung, die durch den Pädagogischen Kongress angeregt wurde, muss in den nächsten zwei Jahren fortgesetzt werden. Die grundsätzlichen Positionen, die wir in diesem Prozess entwickeln, müssen eine gemeinsame Klammer um unsere Arbeit bilden. Die Weiterentwicklung unserer Theorie wird aber nur konkret in der Verknüpfung und in der wechselseitigen Beeinflussung mit gemeinsamen zentralen Praxisfeldern. Auch aus zentralen Aktivitäten stärkt und entwickelt sich und durch sie verknüpft sich dezentrale gemeinsame Kampagnenfähigkeit. Vielfalt und Buntheit ist ein Markenzeichen, so lange sie sich aufeinander bezieht und sich zu gemeinsamer Stärke ergänzt.

Aus diesen Quellen speist sich auch die Bereitschaft und Fähigkeit, Verbandsgliederungen, die in ihren Regionen unter besonders schwierigen Bedingungen arbeiten oder unter zeitweiliger Schwäche leiden, solidarisch unterzuhaken und mit der notwendigen Motivation und den notwendigen Ressourcen für den Aufbau und die Weiterentwicklung der sozialistischen Erziehungspraxis vor Ort zu unterstützen.

Die Arbeitsformen des Bundesvorstands selbst und des Bundesbüros müssen sich darauf ausrichten, anstehenden Diskussionsprozessen oder der Vorbereitung zentraler Aktivitäten auch „ad hoc“ die notwendige partizipative Struktur geben können, um jeweils eine breite Beteiligung und Einbindung des gesamten Verbands zu ermöglichen. Zu diesem Bereich gehört, das Internet für die innerverbandliche Kommunikation intensiver nutzbar zu machen, aber auch dessen Grenzen und Ausgrenzungen nicht zu übersehen.

Das Angebot von Praxishilfen für die Selbstorganisation vor Ort, die Erstellung brauchbarer Materialen für die offensive Öffentlichkeitsarbeit, die Abstimmung und das Schaffen von Synergieeffekten in der verbandlichen Außenvertretung, die hörbare tagespolitische Positionierung und Orientierung – die Erfüllung all dieser originären Aufgaben wird dem Bundesvorstand nur gelingen können, wenn alle Teile des Verbands die ständige Entwicklung gemeinsamer übergreifender Handlungs- und Politikfähigkeit als ihr gemeinsames Projekt begreifen und ihren Teil dazu beitragen.

Lasst und gemeinsam

Laut werden! Es kommt darauf an, die Welt zu verändern!

(Beschluss der 30. Bundeskonferenz der SJD - Die Falken in Dresden (29.5.-1.6.2003)

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