Kritik der Prostitution: Solidarität mit denen, die in der Prostitution arbeiten!

21.03.2017: Die politische Debatte zum Thema Prostitution beschäftigt linke wie feministische Kreise bereits seit geraumer Zeit und wird kontrovers diskutiert. Auch wir als sozialistischer Kinder- und Jugendverband möchten dazu Stellung beziehen. Vielleicht muss zunächst erklärt werden, warum.

Als Sozialist*innen sind wir Feminist*innen. In Diskussionen wie der um Prostitution geht es um ein Anliegen, dass für viele feministische Kämpfe der heutigen Zeit elementar ist: Das Selbstbestimmungsrecht der Frau über den eigenen Körper. Sowohl in den Debatten um Abtreibung und um sexualisierte Gewalt als auch in der Diskussion um Prostitution/Sexarbeit spielt dieses eine zentrale Rolle. Auch wir halten die Frage nach körperlicher und sexueller Selbstbestimmung für eine Kernfrage des Feminismus. Daher spielt sie auch für Kinder und Jugendliche bei den Falken eine elementare Rolle, denn in unseren Gruppenstunden und Zeltlagern beschäftigen wir uns auch mit Geschlechterverhältnissen und Sexualpädagogik. Dort beziehen wir eine klare Haltung gegen das Patriarchat und seine Auswirkungen im Speziellen auf das Leben von Mädchen und Frauen.

Die Frage nach dem Umgang mit Prostitution/Sexarbeit bezeichnet eine der großen Spaltungslinien des gegenwärtigen Feminismus. In der Debatte stehen sich vor allem zwei Positionierungen gegenüber: Zum einen die Position der Liberalisierung, die in erster Linie gegen das "Hurenstigma" arbeitet, das Sexarbeit[1] gesellschaftlich ächtet und verschiedene negative Konsequenzen für das Leben von Sexarbeiter*innen hat. Dieses Stigma würde insbesondere durch die Kriminalisierung der Sexarbeit bedingt. Die Forderung der Befürworter*innen lautet daher: Legalisierung und Liberalisierung der Sexarbeit; das Fernziel wiederum: die Anerkennung der Sexarbeit als normalen Beruf. Dem steht die abolitionistische[2]Position der Prostitutionsgegner*innen gegenüber, welche Prostitution - ausdrücklich nicht "Sexarbeit", ein Begriff, der als verharmlosend verstanden wird - als Verletzung der Würde der Frau wertet. Dass jemand diesen Beruf freiwillig, d.h. nicht aufgrund eines direkten Zwangs, aus Armut oder aus einer psychischen Notlage heraus ausüben könnte, wird von Vertreter*innen dieser Position tendenziell abgestritten. Beide Positionen prallen regelmäßig konfrontativ aufeinander und scheinen kaum miteinander vereinbar.

Das System Prostitution - Folge und Stütze des Patriarchats

Auch wir als Sozialistische Jugend stehen dem System Prostitution kritisch gegenüber. Wir kritisieren Prostitution als ein patriarchales System, bei dem in der Regel Männern der sexuelle Zugang zu Frauenkörpern möglich gemacht wird: Während die Kundschaft nahezu vollständig (cis-)männlich ist, sind die Prostituierten zu einem sehr großen Teil weiblich. Prostitution muss daher im Zusammenhang mit dem Patriarchat thematisiert werden, dessen Effekt wie auch dessen Stütze sie ist. So baut Prostitution einerseits auf einer gesellschaftlich weit verbreiteten patriarchalen Sexualität auf, welche um die Bedürfnisse des Mannes kreist und welche die Frau in die Rolle der Fürsorgenden drückt, die Nähe und Lust zu spenden hat. Diese patriarchale Sexualität reicht von der Konzentration auf die Penetration als dem zentralen sexuellen Akt, welcher für viele Frauen häufig unbefriedigend bleibt, bis zu sexuellen Übergriffen, in der die Frau als stets für das männliche Bedürfnis verfügbares Objekt behandelt wird. Diese Geschlechtscharaktere des auf die eigenen Bedürfnisse fixierten Mannes und der auf das fremde Bedürfnis fixierten Frau werden im Rahmen des Tauschgeschäfts Prostitution auf die Spitze getrieben: Ihr Bedürfnis zählt nichts, sein Bedürfnis alles.

Prostitution ist jedoch nicht nur Effekt, sondern auch eine Stütze des Patriarchats. Der Zugang zu weiblichen Körpern ist für den Freier prinzipiell nur durch dessen finanzielle Möglichkeiten beschränkt. Damit wird gesellschaftlich das Bild der stets verfügbaren Frau noch bestärkt und eine kulturelle Akzeptanz dafür geschaffen, dass Männer andere Personen als Objekte sexueller Entladung benutzen dürfen. Prostitution betrifft daher nicht nur die Personen, die sie ausüben, sondern alle Mädchen und Frauen.

Benachteiligte Gruppen sind verstärkt betroffen.

Wir kritisieren Prostitution als einen Beruf, der vor allem den sexuellen Zugriff auf die Körper gesellschaftlich marginalisierter Gruppen möglich macht, die mit höherer Wahrscheinlichkeit von Armut betroffen sind. Auch das erklärt den hohen Anteil von Frauen in diesem Gewerbe, sind Frauen doch verstärkt von Armut betroffen. Dass Prostitution von Armut bedingt wird, zeigt auch deutlich der hohe Anteil migrantischer Frauen sowie der überproportional hohe Anteil von Trans*personen, denen in vielen Ländern kaum alternative Verdienstmöglichkeiten offen stehen. Die Armut, die Migrant*innen aus Ost- und Südosteuropa sowie aus außereuropäischen Ländern auf den deutschen Sexmarkt treibt, wird in Deutschland durch den für EU-Ausländer*innen stark eingeschränkten Zugang zu Sozialleistungen fortgesetzt. Sozialleistungen erlauben es Menschen im Zweifelsfall auch zu unzumutbaren Arbeitsbedingungen Nein zu sagen. Insbesondere deutsche Städte zahlen jedoch möglichst wenig Sozialleistungen und setzen ausländische Leistungsbezieher*innen unter Druck. Seit 2016 sind EU-Ausländer*innen (je nach Herkunftsstaat) entweder generell von der Grundsicherung ausgeschlossen oder können erst nach fünf Jahren, in denen sie sich ohne Unterstützung auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchschlagen müssen, Leistungen beziehen. Migrant*innen kommen also z.T. nicht nur aus Armut hierher - sie werden hier auch arm gehalten und damit eben auch in die Prostitution gedrängt. Bisweilen arbeiten sogar Kinder auf dem Strich, die von mittelloser Herkunft sind, was insbesondere für uns als Kinder- und Jugendverband ein Skandal ist.

Wir lehnen jegliche Form von sexuellen Handlungen von Erwachsenen an Kindern und Jugendlichen entschieden ab, dies ist immer sexuelle Gewalt. Häufig wird hier die Notlage von Kindern und Jugendlichen ausgebeutet. Auch das Wissen der Erziehungsberechtigten darüber oder die Bezahlung dieser Handlungen legitimieren diese Gewalt in keiner Weise.

Auch Menschenhandel gehört zu den Auswüchsen der kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft, die wir entschieden verurteilen und bekämpfen. Unter Androhung und Ausübung von Gewalt finden dabei Täuschungen, Entführungen, sexuelle Gewalt und Ausbeutung statt: Oft noch quasi freiwillig, aber unter Vortäuschung falscher Tatsachen, schließen sich die Opfer dabei den Täter*innen an, die sie nach Deutschland bringen, ihnen einen Pass und eine Unterkunft beschaffen. Extrem hohe Schulden bei den Täter*innen für diese "Hilfen" lassen ihnen dann keine Alternative, als sich zu prostituieren, oft werden sie auch konkret von Täter*innen dazu gezwungen oder gedrängt. Gewinne müssen zum "Schuldenausgleich" sofort abgegeben werden, wodurch es nicht möglich ist, sich eine neue Existenz aufzubauen. Menschenhandel bewegt sich häufig im Schatten der legalen Prostitution und kann manchmal nur schwer als solcher ausgemacht werden.

Wir begrüßen, dass die Bundesregierung dies als Problem erkannt hat und mithilfe des neuen Prostitutiertenschutzgesetzes (ProstSchG) bekämpfen möchte. Aber auch hier wird nicht die Wurzel des Problems angegangen, sondern allein seine Auswüchse: Solange es für in Armut lebende Menschen keine Alternativen gibt, um legal Grenzen zu überschreiten und legalen Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, werden Menschenhändler*innen ihren Geschäften nachgehen können.

Unsere feministische Kritik ist antikapitalistisch.

Allgemein drücken Armut und ökonomische Krisen regelmäßig Frauen in die Prostitution, die ihr sonst fern geblieben wären. Das zeigt sich besonders drastisch an der Ausweitung des Sektors in Griechenland seit Einbruch der Krise, mitsamt seiner Tendenz zu Dumpingpreisen[3].

"Wie immer, wenn Frauen keine andere Möglichkeit mehr sehen, Geld zu verdienen, wird die Prostitution zu einer Option."[4]

Dabei machen sich Frauen* das Vorurteil der patriarchalen Gesellschaft "zunutze", welche in ihnen in erster Linie das Geschlechtliche erblickt: Sie verwandeln ihren hypersexualisierten Körper in eine Ressource zur Sicherung ihrer ökonomischen Existenz. In dieser Einsicht und einer daran anknüpfenden Kritik der Mittellosigkeit von vielen Menschen und von vielen Frauen im Speziellen, verbinden sich feministische und antikapitalistische Kritik.

Die Marginalität derjenigen, die einen großen Teil der Prostituierten stellen, durchwirkt den Beruf Prostitution, der "als solcher" nicht von dieser Marginalität zu lösen ist. Es ist - neben anderen Jobs im Niedriglohnsektor - vor allem ein Beruf für diejenigen, die keine andere Möglichkeit sehen, ihren Lebensunterhalt zu verdingen; die z.B. aus dem EU-Ausland kommen und keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben und die Sprache nicht beherrschen. Ihnen fehlen die vielfältigen Ressourcen, die dazu vonnöten sind, die eigenen Rechte wirksam zu verteidigen und sich vor den Auswüchsen der sexuellen und finanziellen Ausbeutung zu schützen.

Weiterhin führt auch die Besonderheit der getauschten Ware in der Prostitution, der sexuellen Dienstleistung, dazu, dass die Arbeitsbedingungen in der Prostitution in vielen Fällen nicht hinnehmbar sind. Die Intimität der Situation in Kombination mit männlichem Anspruchsdenken und Sexismus führen regelmäßig zu Gewalt und sexualisierten Übergriffen gegen Prostituierte. Es sind wohl diese Erfahrungen sowie die intensiven körperlichen Begegnungen, die wesentliches Merkmal dieses Berufes sind, welche für die posttraumatischen Belastungsstörungen verantwortlich zu machen sind, die einige Frauen aus der Prostitution davontragen. Jedoch trägt nicht jede Frau psychische Schäden aus der Sexarbeit davon, sowie nicht jede Frau, die in der Sexarbeit tätig ist, eine Geschichte psychischer Vorerkrankungen oder, wie häufig von Prostitutionsgegner*innen behauptet, Missbrauchserfahrungen hat. Trotzdem erweist sich Prostitution aufgrund der Begleitumstände häufig als besonders hässliche Variante der Lohnarbeit. Sicherlich wird diese Situation für diese Prostituierten durch das "Hurenstigma" noch verschlimmert, welches die Ausübung von Prostitution (und nicht die Inanspruchnahme!) als unsittlich betrachtet. Es führte in der Vergangenheit (in vielen Ländern auch gegenwärtig) zu staatlicher Verfolgung und Polizeigewalt. Im Nationalsozialismus wurden Prostituierte als "Asoziale" verfolgt und getötet. Heute werden Prostituierte auf Grundlage von Sperrbezirksverordnungen an die Stadtränder und dunkle Seitenstraßen abgedrängt. Die staatliche Sonderbehandlung mag gerade bei gewalttätigen Freiern die Annahme bestärken, dass in der Prostitution arbeitende Frauen keine vollwertigen Subjekte seien und straflos schäbig behandelt werden dürften.

Wider die bürgerliche Doppelmoral

Dass die Gesellschaft einerseits grundlegend die sexuelle Ausbeutung von Prostituierten akzeptiert (die tägliche Kundenzahl in der BRD wird je nach Quelle auf 1 bis 1,2 Millionen Freier geschätzt), sie andererseits aber nicht in deren Mitte stattfinden darf, ist als gesellschaftlicher Doppelstandard zu kritisieren, unter dem in erster Linie die Prostituierten leiden. Dabei steht zu vermuten, dass einige Männer gerne Prostitution in Anspruch nehmen, sie andererseits "bei Tage" jedoch staatlich bekämpfen bzw. sie nicht in ihren lauschigen Wohngebieten dulden wollen. Ein Teil der Prostituierten sieht in diesem "Hurenstigma" das primäre Problem. Sie verteidigen Sexarbeit ‚an sich‘ als Beruf wie jeden anderen und sehen dabei von allem ab, was die Prostitution bedingt und prägt: die patriarchale Gesellschaft, die Notwendigkeit von Lohnarbeit im Kapitalismus und dabei die besonders ausgeprägte Mittellosigkeit und damit Bedürftigkeit von vielen Frauen, Trans*personen und generell marginalisierten Gruppen. Die negativen Aspekte des Berufs führen sie einzig auf dessen gesellschaftliche Abwertung zurück, welche v.a. in der rechtlichen Ungleichbehandlung mit anderen Berufen wurzele. Entsprechend fordern sie die Entkrimininalisierung von Prostitution bzw. Sexarbeit und kritisieren die staatliche Überwachung des Prostitutionsgewerbes.

Hinter diesen verschiedenen Auffassungen über den Charakter von Prostitution/Sexarbeit sehen wir verschiedene Gruppen von Prostituierten. Denn tatsächlich können die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen/Prostituierten sehr unterschiedlich sein. Es gibt Prostituierte, die sich den Beruf neben anderen Optionen ausgesucht haben, die ihm grundsätzlich positiv gegenüber stehen und die sich dabei gut artikulieren und für ihre Rechte streiten können. Sie sehen sich nicht als Opfer, sondern als Arbeitnehmer*innen wie alle anderen auch und fordern zu Recht, dass die Herabwürdigung ihrer Arbeit ein Ende hat.

Auch wenn es aufgrund der Intransparenz des Gewerbes unmöglich ist, verlässliche Zahlen zu finden, sind wir davon überzeugt, dass die Mehrheit der Prostituierten diesen Beruf ausübt, weil sie kaum Möglichkeiten haben, einer anderen Lohnarbeit nachzugehen: Sie sind arm, haben keine (gefragten) Qualifikationen, haben bisweilen auch kein Konto oder keinen Aufenthaltsstatus und z.T. keine oder nur schlechte Sprachkenntnisse. Ihre Arbeitsbedingungen gestalten sich aufgrund dieser schwachen Arbeitsmarktposition und Verhandlungsmacht entsprechend schlecht. Zwar arbeiten viele Menschen in Berufen, die sie nicht wählen würden, wenn sie frei von kapitalistischen Zwängen leben könnten. Aber wir dürfen nicht ignorieren, dass die Arbeitsbedingungen hier häufig besonders schäbig sind und sich dementsprechend viele Prostituierte einen Ausstieg aus der Prostitution wünschen.

Ein Verbot ist auch keine Lösung

Ein Prostitutionsverbot kann hier jedoch keine Abhilfe schaffen. Es führt nicht dazu, Prostitution abzuschaffen, sondern treibt Sexarbeiter*innen in die Illegalität, in der sie in viel höherem Maße Gewalttaten ausgesetzt sind. Auch das sogenannte "schwedische Modell" bzw. Sexkaufverbot, bei welchem nur die Freier bestraft werden, ist hier keine Alternative. Aus Furcht vor Razzien, die bei Freiern zu Verurteilungen und bei Prostituierten zum Wegfall ihrer Einnahmen führen, wird auch hier Prostitution in Räume getrieben, in denen die Sicherheit der Prostituierten nicht mehr kontrolliert werden kann. Zudem kann das Verbot eines ganzen Berufszweigs (statt eine Begrenzung des Wettbewerbs durch Verbot bestimmter Praktiken sowie durch die Etablierung von Sicherheits- und Gesundheitsstandards) keine Lösung für ein Problem bieten, das ganz woanders gelagert ist.

Tatsächlich müssen sich Prostitutionsgegner*innen, die auf ein Verbot abzielen, die Frage gefallen lassen, wie sie so viel von Armutsprostitution sprechen und andererseits von Armutsbekämpfung schweigen können. Offenbar sollen die Subjekte nur einen anderen, gefälligeren Umgang mit ihrer Armut finden. Will man die Armutsprostitution beseitigen, so ist konsequenterweise die Armut und Mittellosigkeit abzuschaffen - und nicht der Job zu verbieten.

Wir fordern: Guter Sex für alle (die es wollen)!

Um Armut und damit die Armutsprostitution zu bekämpfen, sehen wir, die SJD - Die Falken, perspektivisch nur die Lösung in der Vergemeinschaftung der Produktionsmittel und die Gestaltung der gesellschaftlichen Produktion von allen für alle.

Schon hier und heute fordern wir jedoch:

  • Armutsfeste Sozialleistungen für alle unabhängig von ihrer bisherigen
  • Aufenthaltsdauer in Deutschland
  • freier Zugang zum Arbeitsmarkt für alle Migrant*innen
  • die Bekämpfung der Drangsalierung durch die Jobcenter, um die
  • Erwerbslosigkeit erträglicher zu machen
  • die Erweiterung statt die zunehmende Einschränkung des Grundrechts auf
  • Asyl
  • eine feministische Sexualpädagogik, die Jungen zur Wahrnehmung der
  • Bedürfnisse anderer und Mädchen zu mehr Selbstbewusstsein erzieht, ohne
  • die sexuelle Leistungslogik zu bestätigen und das binäre
  • Geschlechtersystem samt seiner festgefahren Rollen generell in Frage stellt
  • eine Kritik der medialen Darstellung von Frauen sowie eine Kritik der
  • Darstellung von Frauen in der Werbung, die diese als jederzeit verfügbare Sexobjekte zeichnet
  • die Bekämpfung von Menschenhandel und Kinderprostitution

  • Unsere Perspektive ist eine Gesellschaft, in der alle ihre Sexualität frei leben können, sofern dies einvernehmlich und auch nicht auf Basis von ökonomischer Abhängigkeit passiert. Unsere Perspektive ist also eine Gesellschaft ohne Prostitution [5].

Wir möchten uns abgrenzen von konservativen Prostitutionsgegner*innen, denen das Schicksal der Frauen egal ist und die nur Angst haben vor dem Verfall der "guten Sitten und Moral". Mit wie vielen Menschen und wie oft Frauen Sex haben und welche Praktiken sie dabei ausüben ist ganz allein ihre Sache. Wichtig ist für uns, dass dies einvernehmlich und ohne ökonomischen oder anderweitigen Druck geschieht. Was uns gegen den Strich geht, ist dass die Zahlen von Kunden und Dienstleister*innen (dabei bilden Frauen das Gros der Dienstleistenden) in Prostitution und Sexarbeit deutlich darauf hinweisen, dass es hier lediglich darum geht, die Lust von Männern zu bedienen. Diese Männer befriedigen an, nicht mit anderen ihre Bedürfnisse und degradieren das Gegenüber dabei auf die Rolle einer Statistin bzw. eines Statisten. Viele Frauen spielen bei der Sexarbeit Lust und Orgasmen vor. Diverse Internetforen, Kinofilme und Frauenzeitschrift deuten darauf hin, dass viele Frauen dies auch in privaten sexuellen Beziehungen tun.

Wir wollen eine Sexualität, in der die Bedürfnisse von Frauen den gleichen Stellenwert haben, wie die von Männern, ohne dabei Versagensängste und Leistungsdruck zu erzeugen.

Wir fordern: Guter Sex für alle (die es wollen)!


[1] Der Begriff "Sexarbeit" stammt aus dem Englischen (sex work). Er soll den Aspekt der Dienstleistung in den Vordergrund stellen und den negativen Klang des Wortes "Prostitution"(meint Sex gegen Geld), der von einigen als stigmatisierend empfunden wird, vermeiden. Wir sehen zwar Prostitution (insbesondere Armutsprostitution) kritisch, wollen aber solidarisch mit den darin arbeitenden Frauen sein und nicht sie, sondern das System Prostitution angreifen. So benutzen wir mal den einen, mal den anderen Begriff. ^

[2] Abolition, engl. Abschaffung. Abolitionismus bezeichnet gemeinhin die historische Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Der Begriff wird jedoch auch für die Bestrebungen, Prostitution aus der Welt zu schaffen, verwendet ^

[3] Das Beispiel Griechenland zeigt im Übrigen auch, dass Prostituierte nie nur "die anderen" sind - es verweist auf die bedrohliche Perspektive, dass dieses Schicksal in Zeiten der Krise auch mittelständische Frauen in Deutschland ereilen kann. ^

[4] netzfrauen.org/2015/12/22/armut-griechenland-hat-ein-weibliches- gesicht Das gilt in geringerem Grad auch für Männer. ^

[5] Damit meinen wir den Austausch von sexuellen Handlungen gegen Geld ^