Nur Teilen ist schöner

03.11.2003: Beschluss des Bundesausschusses der SJD-Die Falken zu "Armut von Kindern"

Unser Reichtum, der Reichtum unseres Verbandes, zeigt sich bald schon im 100. Jahr im sozialen Miteinander, in der Selbstbildung und im gemeinsamen Erleben, er besteht z.B. in Solidarität, Kreativität, Selbstorganisation, Selbstbestimmung, Respekt, Gemeinschaft, Glaubwürdigkeit und FREUNDSCHAFT!

Unsere Kraft schöpfen wir aus der solidarischen Selbstorganisation gegen eine ausgrenzende Verwertungsgesellschaft. Unser Reichtum vermehrt sich dadurch, dass wir ihn mit anderen Menschen teilen. Und das sollten wir uns immer wieder bewusst machen und auch anderen vermitteln.

Auch wenn wir kritisieren, dass "Armut und Reichtum" meist nur materiell verstanden werden und übersehen wird, dass es Bereiche jenseits der Ökonomie gibt, die ebenfalls wichtig sind und gefördert werden müssen, sind wir doch der Auffassung, dass solange materieller Reichtum in einer Gesellschaft ungleich verteilt ist, die Frage nach den ökonomischen Bedingungen weiter relevant bleibt.

Der Zehnte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (1998), der Armuts- und Reichtumsbericht (2001), die Studie des ISS im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt zu "Lebenslagen und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen" (1998) sowie weitere Untersuchungen haben auf die besonderen Probleme von Kindern hingewiesen, die in einkommensarmen Familien aufwachsen.

Im Beschluss "Armut von Kindern bekämpfen - Reichtum umverteilen" der Bundeskonferenz 2001 hat der Verband diese Ergebnisse ausgewertet und Forderungen hierzu aufgestellt, die wir immer wieder in die gesellschaftspolitische Debatte einbringen.

Was ist Kinderarmut

In einer aktuellen Studie im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt hat das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik im Februar 2003 noch einmal auf die Dramatik wachsender Kinderarmut aufmerksam gemacht. Kinderarmut definiert sich demnach über verschiedene Faktoren: Die Europäische Union bezeichnet jemanden als arm, der weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Als Kriterium gilt auch der Bezug von Sozialhilfe, die rund 1,1 Millionen Kinder in Deutschland vorübergehend oder ständig erhalten. Die Bundesregierung legt überdies folgende Maßstäbe an: Mangel an Netzwerken für die soziale Integration und an wichtigen Sozialbeziehungen, fehlende Möglichkeiten für intellektuelle und kulturelle Bildung, gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Umgebung, Vernachlässigung und Gewalt in der Familie.

Drei Millionen Kinder in der Bundesrepublik leiden unter Armut

Trotz steigendem Einkommen der Gesamtbevölkerung leiden danach rund drei Millionen Kinder in Deutschland unter Armut. Die Kinder sind oft fehlernährt, übergewichtig, körperlich weniger aktiv. Sie leiden an sozialer Ausgrenzung. Auch ihre Bildungschancen sind geringer.

Lebensrisiken solidarisch absichern

Unsere Gesellschaft ist immer mehr geprägt von privatem Reichtum auf der einen Seiten und öffentlicher und privater Armut auf der anderen Seite. Diese Armut in unserer eigentlich reichen Gesellschaft ist eine Folge wirtschaftlicher und politischer Verteilungsprozesse. Reichtum muss anders verteilt werden und Lebensrisiken, die zu Armut führen, müssen von der gesamten Gesellschaft solidarisch abgesichert werden.

Was Kinder brauchen

Kinder aus einkommensarmen Familien benötigen ein starkes Selbstbewusstsein und große Unterstützung durch Familie, Schule und Jugendgruppe, um schlechtere Entwicklungsmöglichkeiten auszugleichen und von Gleichaltrigen anerkannt zu werden. Gerade Kinder und Jugendliche, die unter Armutsbedingungen aufwachsen, benötigen Freiräume, in denen sie sich entwickeln und erproben können. Sie müssen gehört und an Entscheidungen beteiligt werden, wenn sich ihre Lage ändern soll. Die Rahmenbedingungen solcher Freiräume, die wir als Jugendverband schaffen, müssen jugendpolitisch immer wieder abgesichert und erkämpft werden. Hier ist Solidarität derjenigen gefordert, die politische Einflussmöglichkeiten haben. Die staatliche Finanzierung und Gewährleistung entsprechender Rahmenbedingungen als Solidarleistung der Gesellschaft muss politisch immer wieder eingefordert werden.

Ausgrenzung verhindern und Mitbestimmung ermöglichen

Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Debatten um die AGENDA 2010 sowie die innerverbandlichen Forderungen, die Möglichkeiten von Mitbestimmung, Mitwirkung und Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen zu stärken, gilt es nun einen Bogen zu spannen von der sozioökonomischen Lage von Kindern zu ihren Mitbestimmungsmöglichkeiten. Um die soziale Lage von Kindern und Jugendlichen ernsthaft zu verbessern, müssen wir Mechanismen der Ausgrenzung bestimmter Kinder und Jugendlicher auf allen gesellschaftlichen und verbandlichen Ebenen erkennen und wirksam gegen diese Ausgrenzung vorgehen.

  • Der Bundes-F-Ring wird im Rahmen des Arbeitsschwerpunktes "Qualität von Mitbestimmung" gemeinsam mit den Gliederungen in den nächsten zwei Jahren prüfen, ob von Einkommensarmut in ihren Familien betroffene Kinder sich in gleichem Maße an Aktivitäten und Entscheidungsprozessen im Verband beteiligen können wie andere Kinder auch.
  • Der Bundesvorstand wird diese Ergebnisse auswerten und gegebenenfalls Maßnahmen entwickeln, mit denen sich der Verband für die Integration dieser Kinder stärker engagieren und Mitbestimmung besser fördern kann.
  • Bei allen Überlegungen wird die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund berücksichtigt, insbesondere dann, wenn sie in prekären Lebensverhältnissen aufwachsen.
  • Ein Bundesausschuss wird über den Zusammenhang von Armut und gesellschaftlicher Teilhabe beraten. Dabei sollen die gesellschaftlichen Ursachen von Armut, die verbandlichen Erfahrungen mit Betroffenen sowie mögliche Maßnahmen für eine verbesserte Partizipation und Interessenvertretung diskutiert und entsprechende Aktivitäten beschlossen werden. Der Verband entwickelt einen gemeinsamen Aktionsplan mit konkreten Umsetzungsvorschlägen. Dieser Bundesausschuss findet sinnvoller Weise nach der Veröffentlichung des nächsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung statt, der im Jahre 2004 erscheinen wird.

Beschluss des Bundesausschusses der SJD - Die Falken am 11./12. Oktober 2003 in Regensburg.