Bedingt ausbildungsbereit - Jugendliche auf der Ersatzbank

04.03.2013: Beschluss zum Bundesausschuss, Bochum 23. - 24. Februar 2013

Wieder einmal vermeldet das Bundesministerium für Forschung und Bildung, dass ein Überhang von knapp 18.000 freien Ausbildungsplätzen bestünde. Fakt ist aber: In Deutschland sind 300.000 junge Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. In den Statistiken des Bundesministeriums tauchen sie allerdings nicht auf, da sie sich im Übergangssystem, einer dreistufigen Qualifizierungsmaßnahme aus Berufsgrundbildungs-, Berufsvorbereitungs- und Berufseinstiegsjahr, befinden.

Die Jugendlichen werden nicht qualifiziert - sie werden auf die Ersatzbank geschickt! Diese Maßnahmen werden von offizieller Seite mit der mangelnden "Ausbildungsreife" der meisten Jugendlichen begründet. Entziehen kann man sich diesen Maßnahmen allerdings nicht so einfach, ganz gleich welche Qualifikation man einbringt. Wer keinen Ausbildungsplatz bekommt und weiter der Schulpflicht unterliegt, wird gezwungen. Von den vermeintlich Qualifizierten verbleiben nach drei Jahren allerdings immer noch rund zwanzig bis vierzig Prozent ohne Ausbildungsplatz.

Dass von Seiten der Betriebe die Bereitschaft auszubilden erneut gesunken ist, auf rund 22,5 Prozent der Ausbildungsbetriebe, ist die eine Sache. Dass aber den Jugendlichen dafür die Schuld gegeben wird, in dem man sie von Seiten des Bundesministeriums und des nationalen Paktes für Ausbildung als "leistungsschwach" und "unreif" bezeichnet, ist in der Tat schwach und unreif. Anstelle dessen wäre es für die Betroffenen wesentlich hilfreicher wenn ihre Regierung die bestehenden Probleme offen benennen und danach dementsprechend agieren würde.

Ohne Ausbildungsplatz ist alles nichts, aber ein Ausbildungsplatz ist noch nicht alles! Interessanterweise speist sich der vermeintliche Überhang an freien Ausbildungsplätzen aus genau den Branchen, in denen die Abbruchquoten am höchsten und die Durchsetzung der Arbeitsschutzgesetze am geringsten ist. Dass es keine ausreichende Nachfrage für Ausbildungsplätze im Restaurantfachgewerbe, der System-Gastronomie und im Fleischerhandwerk gibt ist, angesichts der dort herrschenden Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, kein Wunder.

Wer die Schaffung weiterer Ausbildungsplätze fordert, sich dabei allerdings nicht mit den Bedingungen auseinandersetzt, unter denen die Ausbildung geschieht, tut damit den Jugendlichen keinen Gefallen. Wenn alleine schon knapp 10% der Auszubildenden angeben, dass sie keinen Ausbilder an ihrem Ausbildungsplatz haben, wenn weitere 10% häufig "ausbildungsfremde" Tätigkeiten verrichten müssen und 15% der minderjährigen Auszubildenden mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten müssen, dann kann die Schaffung neuer Ausbildungsplätze definitiv nicht die alleinige Forderung sein.

Die Schaffung von neuen Ausbildungsplätzen muss damit beginnen, dass die Verhältnisse in den Ausbildungsbetrieben verbessert werden. In erster Linie bedeutete das eine stärkere Kontrolle von Ausbildungsbetrieben, insbesondere in Hinblick auf die Einhaltung der Arbeitsschutzgesetze und dem Nachkommen der Ausbildungspflicht. Zudem muss sichergestellt sein, dass den Auszubildenden mit ihrem Gehalt ein Auskommen über dem Existenzminimum möglich ist. Wenn die Ausbildungsbedingungen weiterhin so schlecht bleiben, wie sie es jetzt sind, darf man sich nicht wundern, wenn bis zu 50 Prozent der Auszubildenden ihre Ausbildung nicht abschließen und folglich wieder auf den Ausbildungsmarkt zurückströmen.

Problem erkannt - Gefahr gebannt! Das eigentliche Problem ist, dass wir es mit einer Ausbildungspolitik zu tun haben die darauf setzt Erfolgsmeldungen zu produzieren und Probleme unter den Teppich des Übergangssystems zu kehren, anstatt die bestehenden Probleme auf dem Ausbildungsmarkt klar zu formulieren. Erst wenn diese Probleme klar benannt werden können ernstzunehmende Konzepte entwickelt werden, wie die Probleme im Bereich der Ausbildungspolitik, in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und den Auszubildenden, gelöst werden können. Denn im Moment ist die Bundesrepublik höchstens bedingt ausbildungsbereit.

Deshalb fordern wir:

  • Eine realistische Ausbildungsstatistik, die Ausbildungssuchende in Übergangssystemen auch als Ausbildungssuchende benennt
  • Dass Ausbildungsbetriebe verpflichtet werden, ihre Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit offen auszuschreiben
  • Dass die Ausbildungsbetriebe stärker kontrolliert werden und die Nicht-Einhaltung von Arbeitsschutzgesetzen sowie von Ausbildungspflichten sanktioniert wird.
  • Die finanzielle Absicherung von Auszubildenden auf dem Niveau der durchschnittlichen regionalen tariflichen Auszubildendenvergütung. Die Entwicklung von Konzepten für eine bessere Arbeitnehmer*innen- und Auszubildendenvertretung, insbesondere in kleineren Betrieben, zusammen mit den Gewerkschaften.
  • Übernahmegarantie für alle!
  • Die KJBK wird beauftragt, ein Konzept für eine Quote zur Ausbildungsverpflichtung von Unternehmen zu erarbeiten.
  • Wer nicht ausbildet wird umgelegt! Wir fordern die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe für Betriebe, die nicht ausbilden.
  • Ausbildungsplätze anstatt Zwangsjahre, gegen die Entrechtung der Jugend.